Over the Counter - Die Stars und Flops im ausserbörslichen Schweizer Aktienhandel

Der Markt für ausserbörslich gehandelte Schweizer Aktien ist 2017 fast so gut gelaufen wie der Leitindex SMI. Im «Tresenhandel» müssen Investoren aber zwischen anlagefähigen Firmen und Liebhaberaktien unterscheiden.
12.12.2017 22:45
Von Marc Forster
Die Pilatus-Bahnen - im Bild der Luzerner Hausberg von Nordosten gesehen - gehören zu den Stars unter den ausserbörslich gehandelten Titeln.
Die Pilatus-Bahnen - im Bild der Luzerner Hausberg von Nordosten gesehen - gehören zu den Stars unter den ausserbörslich gehandelten Titeln.
Bild: Pixabay

Es ist ein bisschen wie in einer Strandbar in der Nebensaison. Hie und da bestellt jemand ein Getränk oder einen Snack. Aber ein Massenandrang herrscht nicht. So ist es auch im sogenannten Over-the-Counter- oder Tresenhandel: Handelsbewegungen sind viel spärlicher als in den grossen Indizes SMI oder im SPI. Ausserbörslich gelistete Titel werden nicht täglich gehandelt.

Aber trotz - oder gerade wegen - ihres tendenziellen Mauerblümchen-Daseins haben die nicht-kotierten Nebenwerte ein gutes Jahr hinter sich. Der massgebliche BEKB Liquidity Index der Berner Kantonalbank hat dieses Jahr um 12,5 Prozent zugelegt. Damit ist dieser Index mit den 50 grössten ausserbörslichen Schweizer Titeln nur unwesentlich schlechter unterwegs als der SMI, der um knapp 13 Prozent angestiegen ist. Erst der SPI mit einem 19-Prozent-Plus zieht im Vergleich dazu davon.

"Der Index BEKB-Liquidity hatte gegenüber dem Gesamtmarkt, der sich in früheren Jahren besser entwickelte, einen Aufholbedarf", sagt Thomas Brunner von der Bank Lienhardt & Partner. "Ein wichtiger Grund für den Kursanstieg ist, dass wegen des Anlagenotstandes mehr institutionelle Anleger in diesen Markt gehen." Aber natürlich handle es sich um einen sehr engen Markt, sagt der Spezialist für ausserbörslichen Handel.

Industriegruppe führt das Feld an

Den grössten Kursanstieg in diesem Jahr zeigte der Titel der Industriegruppe Montana Tech Components mit einem  Plus von 75 Prozent. Dabei handelt es sich um ein weltweit tätiges Unternehmen mit über 5500 Mitarbeitern, das in der Aluminium-, Batterien- und Werkzeugmaschinenindustrie verankert ist. Kern der Gruppe ist die geschichtsträchtige Alu Menziken im Kanton Aargau.

Vom Unternehmenstyp ist die Montana Tech mit den im SPI enthaltenen industriellen Small und Mid Caps vergleichbar. Der Kurs der Aktie wurde dieses Jahr einerseits vom guten wirtschaftlichen Umfeld getrieben, andererseits auch von der im zweiten Anlauf geglückten Kotierung der Batterietochter Varta an der Frankfurter Börse in diesem Herbst. Die Aktienmehrheit gehört dem Österreicher Michael Tojner, der Verwaltungsratspräsident und CEO ist. Dieses Doppelmandat zusammen mit einer Aktienmehrheit würde - wäre Montana Tech Components an der SIX in Zürich kotiert - aus Corporate-Governance-Gründen sicherlich zu Diskussionen führen.

Performance 2017 grosser ausserbörslich gehandelter Titel

Top 10   Flop 10  
Titel Perfomance seit 1.1.2017 Titel Performance seit 1.1.2017
Montana Tech +75,4 Prozent Sunstar Holding -8,2 Prozent
Auto Holding +55,6 Prozent Aluminium Laufen -6,5 Prozent
Cendres + Métaux +50,8 Prozent WIR Bank -6,0 Prozent
Weiss + Appetito +45,5 Prozent Lenzerheide Bergbahnen -5,7 Prozent
Conzzeta B-Aktie +44,1 Prozent Brauerei Falken -3,6 Prozent
Pilatus-Bahnen +34,3 Prozent Säntis Schwebebahnen -2,7 Prozent
Holdigaz +31,3 Prozent Grand Resort Bad Ragaz -1,4 Prozent
Schweizer Zucker +28,2 Prozent Gotthard Raststätten -0,9 Prozent
Welinvest +25,5 Prozent Zürcher Oberland Medien -0,5 Prozent
Rapid Holding +20,7 Prozent Regiobank Solothurn -0,2 Prozent

Daten: cash.ch, Stand: 12. Dezember 2017

Montana Tech legt indessen vierteljährlich Kennzahlen vor und verfügt über eine Investor-Relations-Abteilung. Auch wenn die Berichterstattung und Analystenabdeckung der Aktie weniger intensiv ist wie bei kotierten Gesellschaften, können Investoren doch viel über das Unternehmen in Erfahrung bringen. Damit ist Montana Tech eindeutig eine Aktie mit Anlagequalität. Für die Aktie haben 2017 bisher 75 Trades im Volumen von gut einer Million Franken stattgefunden. Die allermeisten OTC-Aktien hingegen werden deutlich weniger und mit viel geringeren Umsätzen gehandelt.

Auch die in Rothenburg LU domizilierte Auto Holding, die Nutzfahrzeuge importiert und in der Innerschweiz Buslinien betreibt, auf Platz zwei der Kurs-Rangliste gehört in diese Kategorie. Nach zwei schwierigen Jahren wegen der Frankenstärke hat sich das gut finanzierte Unternehmen dieses Jahr wieder einigermassen gefangen. Der Kurs der Aktie stieg seit Anfang Januar um 55,6 Prozent.

Teilweise reine Liebhaber-Aktien

Die Zahlen und Informationen von Montana Tech und der Auto Holding lassen auch Zukunftsannahmen zu - beide Firmen weisen einen stabilen Ausblick mit intakten Wachstumschancen auf. Dieser Informationsgehalt ist aber nicht überall vorhanden. Die Website OTC-X der Berner Kantonalbank bereitet Informationen über etwa 300 ausserbörslich gehandelte Aktien auf. Umfang, Ausführlichkeit und Aktualiät der Berichte sind unterschiedlich. Der Grund: Unter den ausserbörslich gelisteten Titeln finden sich zahlreiche KMU, deren Anteile im Sinne von Liebhaber-Aktien gehandelt werden. Dort besteht für Investoren grundsätzlich ein Problem, wenn sie Transparenz erwarten.

Im Markt tummeln sich viele Tourismus-Gesellschaften, darunter Hotels und Bergbahnbetriebe. Rund 90 Prozent davon fallen in den Bereich der Liebhaber-Aktien. Oft sind es Unternehmen mit kleinen Gewinnen, Dividenden gibt es nicht immer. Zu den relativ wenigen Tourismusunternehmen, die über Anlagequalität verfügen, gehören die Pilatus-Bahnen (Jahresperformance plus 34,3 Prozent). Das Unternehmen mit Sitz in Kriens LU gehört neben den Jungfraubahnen und der Titlis-Bahn zu den rentabelsten Bergbahnen der Schweiz. Zuletzt profitierte das Unternehmen von der leichten Erholung in der Schweizer Fremdenverkehrsindustrie.

Ausgerechnet die Sunstar-Hotels, die mit einer Minus-Jahresperformance von 8,2 das Schlusslicht unter den grösseren ausserbörslichen Aktien bilden, könnten eine interessante Investition darstellen. Die Gruppe verfügt über acht Standorte in den Schweizer Alpen und hat Chancen, nach einem guten Sommergeschäft im Winter die Profitabilität weiter zu verbessern. Wer dagegen beispielsweise die Aktie des Grand Resort Bad Ragaz kauft (minus 1,4 Prozent Jahresperformance), investiert in einen Hotel- und Kurbetrieb mit nur einem Standort, der gemäss Einschätzungen noch nicht von der Verbesserung der Konjunkturlage im Tourismus profitiert hat.

Hohe Bewertungen

Mit Blick auf die kommende Entwicklung der ausserbörslichen kotierten Aktien sind Bewertungen zum Thema geworden. "Die meisten Titel sind mittlerweile zwar noch nicht extrem teuer, aber auch nicht mehr billig", sagt Thomas Brunner von der Bank Lienhardt & Partner. Man müsse schon etwas suchen, um attraktiv bewertete Titel zu finden.

Ein Beispiel für eine noch günstige Aktie sei die Spar- und Leihkasse Riggisberg im Kanton Bern, die dieses Jahr um 6,9 Prozent zugelegt hat. "Diese Bank litt vor einigen Jahren unter einer falschen Kreditpolitik, die aber bereinigt worden ist. Der Titel kostet derzeit gut 6000 Franken, der Buchwert liegt aber bei 13‘000 Franken", sagt Brunner. Wie bei allen kleinen Banken bestehe aber das Risiko der grossen Abhängigkeit vom Hypothekargeschäft.

Die für 2018 erwartete positive Börsenstimmung dürfte auch weiter auf den Tresenhandel niederschlagen. Das gestiegene Interesse an diesem Markt durch professionelle Anleger und Gesellschaften dürfte sich fortsetzen. Wegen der geringeren Transparenz und Vorhersehbarkeit des ausserbörslichen Marktes dürfte das Thema Bewertungen die Anleger beschäftigen. Solange aber das Umfeld für Aktien gut ist, werden diese Überlegungen zweitrangig sein. Ein Hindernis in diesem Markt dürfte hingegen weiterhin die geringe Zahl anlagefähiger Titel und die teilweise dürftige Information über die Firmen sein.