Pharma - Geht Roche als Gewinner aus dem Novartis-Deal hervor?

Roche erwirbt das Aktienpaket von Novartis. Zum ersten Mal überhaupt kaufen die Basler eigene Titel zurück, um diese dann zu «vernichten». Was das für die beiden Pharmakonzerne nun bedeuten könnte.
04.11.2021 12:56
Von Lorenz Burkhalter
André Hoffmann ist Vizepräsident von Roche und Urenkel von Fritz Hoffmann-La Roche, der 1896 das Pharmaunternehmen gründete.
André Hoffmann ist Vizepräsident von Roche und Urenkel von Fritz Hoffmann-La Roche, der 1896 das Pharmaunternehmen gründete.
Bild: Bloomberg

Es ist, als wollten Roche und Novartis der Credit Suisse am Tag ihrer Strategie-Bekanntgabe die Schau stehlen. Denn die beiden Basler Pharmagiganten warten am frühen Donnerstag mit einer sehr überraschenden Neuigkeit auf. Novartis veräussert das Roche-Paket für umgerechnet 19 Milliarden Franken an den Platzrivalen und realisiert dabei einen Buchgewinn in Höhe von rund 14 Milliarden Dollar.

Roche will den Kauf mit Fremdkapital finanzieren und das erworbene Paket "vernichten". Dadurch kommt es bei den verbleibenden Aktien und Genussscheinen zu einer Gewinnverdichtung. Zudem steigt der Stimmenanteil der Gründerfamilien Oeri/Hoffmann auf 67,5 Prozent. Bisher betrug dieser 50,1 Prozent.

Beobachtern zufolge begeht Roche mit dem Kauf des Aktienpakets einen Tabubruch, kauft der Pharma- und Diagnostikkonzern doch zum ersten Mal in seiner traditionsreichen Firmengeschichte eigene Aktien zurück.

Novartis gibt sich in Sachen Mittelverwendung noch bedeckt

In den Handelsräumen hiesiger Banken hält man nun für möglich, dass die Familienaktionäre ihre Beteiligung wieder auf etwas mehr als 50 Prozent reduzieren könnten. Dadurch, dass sich ihr Stimmenanteil auf rund 67,5 Prozent verdichtet, können sie sich von Titeln trennen und trotzdem noch ein Stimmenmehr halten.

Was mit mit den umgerechnet 19 Milliarden Franken geschehen soll, die Novartis zufliessen, darüber hüllt man sich vorläufig noch in Schweigen. Man werde die Mittel im Einklang mit den bisherigen Prioritäten der Kapitalallokation verwenden, wie das Unternehmen in der Medienmitteilung eher kryptisch festhält. Beobachter schliessen daraus, dass ein Grossteil des Erlöses in milliardenschwere Firmenübernahmen fliessen könnte.

Wie Jefferies steht festhält, gehen Roche und Novartis künftig  eigene Wege. Für die US-Investmentbank geht Roche ganz klar als Gewinner daraus hervor. Gemäss Berechnungen von Jefferies ergibt sich für Roche aus dem Paketkauf eine Gewinnverdichtung von rund 7 Prozent, für Novartis hingegen eine Gewinnverwässerung um 8 Prozent. Die Amerikaner preisen jedoch die Valoren beider Unternehmen mit Kurszielen von 415 Franken (Roche) beziehungsweise 100 Franken (Novartis) zum Kauf an.

Neuigkeiten kommen an der Börse gut an

Auch die UBS sieht im Paketkauf einen cleveren Schachzug für Roche, bezahlen die Basler mit 357 Franken je Inhaberaktie doch keinen Aufschlag gegenüber dem Durchschnittskurs der letzten 20 Tage. Was Novartis anbetrifft, rechnet die Grossbank mit grösseren ergänzenden Firmenübernahmen. Nach dem Paketverkauf könne Novartis nun Transaktionen im Gesamtwert von bis zu 70 Milliarden Dollar stemmen.

In Börsenkreisen wird auf den eher durchwachsenen Erfolgsausweis von Novartis-Chef "Vas"Narasimhan bei ergänzenden Firmenkäufen verwiesen. Auch das spricht wohl eher für Roche als für Novartis.

So sieht es auch die Börse. Während der Genussschein von Roche zur Stunde noch um 1,2 Prozent höher bei 373 Franken gehandelt wird, hat die Novartis-Aktie bereits ins Minus gedreht. Sie verliert zur Stunde 0,2 Prozent auf 76,32 Franken. Kurz nach Börseneröffnung steuerten die beiden Indexschwergewichte beim Swiss Market Index (SMI) noch gut 85 Punkte zum Tagesgewinn bei.