Pharma - Roche greift wegen Biosimilar-Konkurrenz zum Rotstift

Der Pharmakonzern Roche plant Sparmassnahmen wegen der stark anziehenden Konkurrenz durch Nachahmermedikamente für drei milliardenschwere Krebspräparate.
14.09.2018 06:46
Blick auf den Roche-Turm und Basel beim Eindunkeln.
Blick auf den Roche-Turm und Basel beim Eindunkeln.
Bild: cash

"Wenn man eine derart starke Verschiebung im Portfolio hat wie wir jetzt, dann muss man Ressourcen natürlich in einer mehr dramatischen Weise umverteilen", sagte Roche-Konzernchef Severin Schwan am Donnerstag zur Nachrichtenagentur Reuters.

In Europa sind Schwan zufolge die Kosteneinsparungen bereits weit fortgeschritten. Nun seien die USA an der Reihe. Bei der US-Tochter Genentech etwa werden 223 Stellen gestrichen. Zudem soll die Organisation gestrafft werden. Es sei fraglich, ob die Aufteilung in all die Regionen, Subregionen und Länder nötig sei, sagte Schwan. "Es ist an der Zeit, sich anzusehen, ob wir alle diese Stufen brauchen oder ob man das straffen kann. Und das ist es, was wir tun." Explizit von Sparmassnahme ausgenommen sind Forschung und Entwicklung.

Angesichts sinkender Erträge im Medikamentenmarkt will auch der Erzrivale Novartis seine weltweiten Produktionskapazitäten straffen, wie Novartis-Präsident Jörg Reinhardt jüngst in einem Zeitungsinterview sagte.

Roche droht bis 2022 eine Umsatzlücke von schätzungsweise zehn Milliarden Dollar. Die drei Krebsmedikamente MabThera, Herceptin und Avastin, die zusammen für mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes stehen, bekommen nach dem Auslaufen des Patentschutzes Konkurrenz durch günstigere Nachahmerprodukte. Nicht genug mit der Bedrohung durch diese sogenannten Biosimilars, werden Roche kommendes Jahr auch rund 600 Millionen Dollar Lizenzeinnahmen wegbrechen. Denn die sogenannten Cabilly-Patente, die bei der Herstellung von Antikörpern eine Rolle spielten und jahrzehntelang Geld in die Kassen von Roche und des kalifornischen Gesundheitszentrums City of Hope spülten, laufen aus.

Höheres Wachstumstempo wieder ab 2021

Roche setzt darauf, dass neue Medikamente wie etwa Ocrevus gegen Multiple Sklerose (MS) die Einbussen auffangen können. Schwan stellte für den Konzern mit Blick auf das kommende Jahr ein "moderates Wachstum" in Aussicht. Um 2021 oder 2022 rechnet der Roche-Chef dann dank Nachschub aus der Entwicklungspipeline mit einer Beschleunigung. Dieses Jahr peilt der Konzern unter Ausschluss von Wechselkursschwankungen einen Umsatzanstieg um einen mittleren einstelligen Prozentbetrag an.

Schwan räumte ein, das die Krebs-Immuntherapie Tecentriq bei der am weitesten verbreiteten Lungenkrebsart Boden gegenüber dem Mittel Keytruda des US-Konzerns Merck verloren hat. Der Manager zeigte sich aber zuversichtlich, dass Tecentriq in klinischen Studien seine Wirksamkeit gegen verschiedene andere Krebsarten unter Beweis stellen und für den Konzern zu einem Milliarden-Umsatzbringer werden kann.

Ausserdem habe Roche noch weitere Pfeile im Köcher. Grosse Hoffnung setze der Konzern beispielsweise in einen sogenannten bispezifischen Antikörper zur Behandlung von Blutkrebs. Dabei dockt ein Antikörper an den Tumor und der andere an die T-Zellen des Immunsystems an. Schwan illustrierte das Potenzial des Wirkstoffs anhand eines Patienten, bei dem alle anderen Therapien inklusive neuartiger Gentherapien von Novartis und Gilead wirkungslos blieben und der seit einem Jahr symptomfrei sei. "Wenn man so eine Reaktion bei einem sehr, sehr kranken Patienten sieht, ist das natürlich überaus vielversprechend."

Auch auf die Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems setzen die Schweizer. Das MS-Medikament Ocrevus dürfte im ersten Jahr nach dem Start bereits die Umsatzmarke von zwei Milliarden Dollar knacken. Während Konkurrenten wie der US-Konzern Pfizer das Therapiegebiet zurückfahren, forscht Roche weiter an Mitteln gegen Alzheimer, Autismus und die Huntington-Krankheit.

Übernahmen erfordern tiefe Taschen

Schwan bekräftigte die Haltung des Unternehmens im Hinblick auf Akquisitionen. Im Mittelpunkt stehen ergänzenden Zukäufe kleiner und mittelgrosser Unternehmen, etwa um neue Technologien zu erwerben. Das Preisniveau sei weiterhin hoch, sagte Schwan. "Speziell wenn wir uns Möglichkeiten in einer späten Entwicklungsphase ansehen, endet das in einem Bieterverfahren und dann können wir normalerweise die Wirtschaftlichkeit nicht darstellen."

(Reuters)