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Portfolio-Manager Francesco Conte - «Siegfried und Galenica sind typisch für die Schweiz»

Francesco Conte von J. P. Morgan investiert in kleinere europäische Firmen. Während er an den Aktienmärkten einen Stimmungswechsel beobachtet, bevorzugt er bestimmte Aktien aus der Schweiz sowie Italien.
12.10.2018 00:10
Von Ivo Ruch
Francesco Conte ist Portfolio-Manager für europäische Aktien bei J. P. Morgan Asset Management in London.
Bild: cash

Es sind nicht die Brexit-Unsicherheiten, die den Portfolio-Manager Francesco Conte derzeit am meisten beschäftigen, auch nicht die Budgetdiskussionen rund um Italien. Der Italiener mit Arbeitsplatz bei J. P. Morgan Asset Management in London schaut viel mehr auf die Geschehnisse am Obligationenmarkt, wo er momentan grundlegende Veränderungen erkennt: "Inflationsängste und 'quantitative tightening' haben zu höheren Zinsen geführt", sagt Conte im cash-Börsen-Talk.

"Die Aktienmärkte wurden in diesem Jahr getrieben vom Zinsanstieg, im Besonderen von den Renditen auf zehn- und dreissigjährige US-Staatsanleihen", so Conte weiter. So sind erstere kürzlich auf den höchsten Stand seit mehr als sieben Jahren bei 3,275 Prozent gestiegen. Höhere Zinsen bedeuten nicht nur, dass Aktien im Vergleich zu den als sicher geltenden Staatsanleihen weniger attraktiv werden. Sie verteuern auch die Kredite, die Firmen für ihr Geschäft benötigen.

Anleger befürchten zudem, dass die US-Notenbank Fed ihre Leitzinsen noch rascher anheben könnte, um die gut laufende heimische Wirtschaft vor dem Überhitzen zu bewahren. Francesco Conte sieht deshalb am Aktienmarkt eine Rotation ablaufen: weg von Industrietiteln, hin zu Aktien, die weniger korrelieren mit dem Wirtschaftswachstum und die ihre eigenen unabhängigen ökonomischen Zyklen aufweisen. "Während fünf Jahren haben wir Industrietitel und Autozulieferer übergewichtet. Nun, mit Blick auf das Ende des billigen Geldes haben wir in günstigere Aktien investiert, zum Beispiel aus der Gesundheitsindustrie."

Defensive Geschäftsmodelle

Wie stark die Autozulieferer gelitten haben, ist auch in der Schweiz sichtbar. Titel wie Autoneum (-34 Prozent), Georg Fischer (-25 Prozent) oder Feintool (-18 Prozent) haben im laufenden Jahr deutlich verloren. Aber auch Firmen mit sogenannt defensivem Geschäftsmodell, die der Europa-Spezialist Conte nun favorisiert, findet er in der Schweiz: "Zwei unserer grössten Positionen sind Galenica und Siegfried. Sie sind typisch für die Schweiz: hohe Qualität, die für das Vertrauen von den Pharmafirmen notwendig ist." 

In jüngster Zeit sind aber auch diese Titel etwas zurückgekommen. Der Pharmazulieferer Siegfried hat in den letzten vier Wochen 13 Prozent verloren, nachdem der Titel zuvor vor allem eines tat: ansteigen (siehe Chart). Der Einstieg bei einer solch heissgelaufenen Aktie ist sicherlich mit einem erhöhten Risiko verbunden, zumal die Bewertung gemäss Kurs-Gewinn-Verhältnis mittlerweile hohe 27 erreicht hat.

Die Siegfried-Aktie in den letzten fünf Jahren (Quelle: cash.ch)

Auch die Apotheken-Gruppe Galenica hat im allgemein schlechteren Anlageumfeld jüngst an Dynamik eingebüsst (4 Wochen: -8 Prozent). Pluspunkte sind hier der Fokus auf den konstanten Schweizer Markt sowie die attraktive Dividendenrendite von knapp 3 Prozent. Allerdings sind Analysten bei Galenica schon seit längerem vorsichtiger geworden. Die Zürcher Kantonalbank hat ihr Rating im August von "Übergewichten" auf "Marktgewichten" reduziert. Auch die Bank Vontobel hat ein "Hold"-Rating ausstehend.

Der Schweizer Aktienmarkt würde daneben noch weitere defensive Titel aus der zweiten Reihe bieten (cash berichtete). Francesco Conte erwähnt jedoch einen italienischen Titel als einen seiner weiteren "Top Picks": Amplifon. Der Hörgerätehersteller und Sonova-Konkurrent gilt als weltgrösster Hersteller von Hörhilfen. "Ein Sektor mit hohem Wachstum aufgrund demographischer Faktoren", wie der Aktienspezialist sagt.  Zudem sei Amplifon weltweit tätig und unabhängig von einzelnen Märkten.

Wer hingegen auf ein Comeback der Industrieaktien wettet, könnte bald wieder auf seine Kosten kommen. Laut Conte veränderten sich die Märkte momentan sehr schnell. Zu Jahresbeginn sei der Optimismus gegenüber Industrieaktien gross gewesen, jetzt sei das Umfeld vermutlich zu pessimistisch. "Ich wäre nicht überrascht, wenn noch vor Jahresende die Inflationsangst zurückgehen würde und tief gefallene Industrieaktien wieder attraktiver würden", so Conte im cash-Börsen-Talk. Dafür sei es aber noch zu früh, weil wir uns "im Auge des Sturms des Anleihenmarktes" befänden. 

Das Video-Interview mit Francesco Conte fand an einem Medienanlass in London statt, zu dem J. P. Morgan Asset Management eingeladen hatte.