Privatbanken im Umbruch: «Es wird weiter Jobverluste geben»

Die drastischen Massnahmen bei Notenstein La Roche sind das jüngste Beispiel einer Branche im Umbruch. Welche Zukunft haben die Schweizer Privatbanken und wo liegen die grössten Probleme? Dazu Experte Bruno Patusi.
26.10.2016 13:56
Interview: Ivo Ruch
Bruno Patusi ist Partner bei Ernst & Young Schweiz und verantwortlich für den Bereich Wealth Management.
Bruno Patusi ist Partner bei Ernst & Young Schweiz und verantwortlich für den Bereich Wealth Management.
Bild: ZVG

cash: Die Privatbank Notenstein La Roche senkt den Personalbestand um 20 Prozent. Das jüngste Beispiel einer Branche im Umbruch. Wo liegen die Hauptprobleme der Schweizer Privatbanken?

Bruno Patusi: Einerseits leiden auch die Privatbanken unter schwierigen Marktverhältnissen. Negativzinsen und Unsicherheiten an den Finanzmärkten sind hier die Stichworte. Gleichzeitig herrscht nach wie vor ein hoher Regulierungsdruck. Aber auch das Kundenbedürfnis ist im Wandel.

Was genau meinen Sie damit?

Das Verlangen nach digitalen Lösungen nimmt zu, ähnlich wie es sich viele Leute auch im Alltag gewöhnt sind.

Notenstein betont ausdrücklich, nun die Digitalisierung und Automatisierung voranzutreiben. Haben Privatbanken diese Trends in besonderem Masse verschlafen?

Das glaube ich nicht. Die Geschäftsprozesse in einer Privatbank sind komplex. Viele Institute sind über die Jahre gewachsen und haben nun eine fragmentierte IT-Landschaft. Die vollständige Automatisierung von repetitiven Prozessen gibt es heute in vielen Banken noch nicht. Aufgrund technologischer Entwicklungen und Erfahrungen anderer Industrien hat man aber erkannt, dass im Banking der Trend in eine ähnliche Richtung zeigt. Das wird dazu führen, dass manuelle Funktionen wegfallen. Aber es werden auch neue Prozesse entstehen.

Ist das Bedürfnis nach mehr digitalen Dienstleistungen tatsächlich auch bei Kunden von Privatbanken spürbar?

Selbstverständlich. Aber nicht als Ersatz von persönlichen Interaktionen und kompetenter Beratung. Es sind eher die Bereiche der Abwicklung, Information und des Reporting, die durch digitale Angebote ergänzt werden. Ich glaube nicht an den Erfolg einer voll digitalisierten Privatbank, sondern an ein hybrides Modell.

Früher setzten viele Schweizer Privatbanken auf Schwarz- oder Graugeld. Das ist heute kaum mehr möglich. Womit verdienen die Privatbanken in Zukunft Geld?

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind die Privatbanken in der Schweiz immer noch profitabel. Aber es fehlt das Wachstum aufgrund makroökonomischer Begebenheiten. Auch wenn noch nicht alle Hausaufgaben gemacht sind, gilt das Schweizer Private Banking im Ausland immer noch als Vorbild.

Welche Hausaufgaben meinen Sie?

Die Digitalisierung muss vorangetrieben werden. Dadurch werden Kosten gespart und der Fokus auf das Kundenerlebnis gerichtet. Es sind intelligente Geschäftsmodelle gefragt, wozu auch sinnvolle Kooperationen gehören. Es macht nicht immer Sinn, alles selbst zu machen. Auch das Nutzen von Kundendaten wird immer wichtiger. Man muss den Kunden so bedienen, wie er es möchte. Die Informationen und Daten dazu haben die Banken bereits, aber sie nutzen es noch zu wenig.

Sie haben Kooperationen erwähnt. Machen solche Beteiligungen Sinn, wie sie zwischen Raiffeisen und Notenstein oder Bellerive und der Bündner Kantonalbank bestehen?

Der Zusammenschluss einer Retail- und einer Privatbank hat definitiv Synergiepotenzial. Aufgrund der Wertschöpfungskette, die man gemeinsam abdecken kann. Aber auch bei den Produktionskosten muss es für beide Seiten Sparpotenzial geben.

2015 ist jede zehnte Privatbank vom Schweizer Markt verschwunden, darunter auch ausländische Institute. In welchem Rhythmus geht die Konsolidierung weiter?

Der Gesamtmarkt hat die Talsohle durchschritten. Das heisst aber nicht, dass die Konsolidierung abgeschlossen ist. Es gibt nach wie vor viele Institute auf dem Finanzplatz Schweiz. Es wird noch zu weiteren Zusammenschlüssen kommen. Die Konsolidierung wird noch an Tempo zulegen, weil es Sinn macht.

Betrifft das vor allem kleine Institute?

Ich glaube eher, dass es mittelgrosse Banken mit 15 bis 20 Milliarden verwalteten Vermögen trifft.

Das dürfte unweigerlich zum Abbau von Jobs führen?

Es wird zu weiteren Stellenverlusten kommen. Aber gleichzeitig werden neue Stellen geschaffen, aber in neuen Bereichen. Die Frontorganisationen der Privatbanken werden weiter wachsen. Netto wird es aber zu einem gewissen Abbau kommen, was aber normal ist für eine Industrie, die heute noch nicht so stark automatisiert und digitalisiert ist wie andere Industrien.

Gibt es Privatbanken, die Ihrer Meinung nach einen besonders guten Job machen?

Das sind Institute, die kundenorientiert arbeiten und digitale Prozesse in den Vordergrund stellen. Ich möchte aber nicht einzelne Banken hervorheben.