PSD2 - So will die EU den Zahlungsverkehr umkrempeln

Die Europäische Union will den Zahlungsverkehr billiger, schneller und sicherer machen. Was das auch für die Schweiz bedeutet.
13.01.2018 19:32
Mit PSD2 verlieren die Banken mit endgültig die Hoheit über das Konto des Kunden.
Mit PSD2 verlieren die Banken mit endgültig die Hoheit über das Konto des Kunden.
Bild: Pixabay

Gewinner der ab Samstag geltenden neue Zahlungsdienst-Richtlinie PSD2 sind die Konsumenten. Für die Finanzbranche dürfte die Reform dagegen einschneidende Auswirkungen haben. Experten rechnen damit, dass sie Finanztechnologie-Firmen (Fintechs) eine Bresche ins Bankgeschäft schlägt. Den Geldhäusern drohen Ertragseinbußen, die die laufende Konsolidierung unter den Instituten beschleunigen könnte.

WORUM GEHT ES?

Brüssel will die mit der Payment Services Directive 2 (PSD2) Innovation im Zahlungsverkehr fördern und den Wettbewerb ankurbeln, indem die Voraussetzungen für Neulinge in dem bisher von den Banken und den Kartenfirmen dominierten Geschäft verbessert werden.

Wer heute etwas online kauft, macht das meist über Kredit- oder Bankkarten. Eine solche Bezahlung läuft über mehrere Zwischenstationen. Diesen Prozess will PSD2 nun radikal vereinfachen, denn im bestehenden System sind die Transaktionen langsam und teuer. In Zukunft soll es möglich sein, dass ein Drittanbieter wie etwa ein Händler das Geld direkt auf dem Konto des Kunden abbucht und das Karten-Netzwerk überspringt. Voraussetzung ist, dass ein Kunde einen Zugriff erlaubt und strenge Sicherheitsanforderungen erfüllt werden. Genau hier setzt PSD2 an. Die Regulierung verpflichtet Banken, Drittanbietern kostenfreien Zugang zu den Konten zu gewähren.

Neben solchen Zahlungsauslösediensten will die EU auch sogenannte Kontoinformationsdienste ermöglichen. Eine Firma kann dann eine App anbieten, die Informationen zu Konten eines Kunden bei verschiedenen Banken zusammenträgt und einen Überblick schafft. Insgesamt verlieren die Banken mit PSD2 endgültig die Hoheit über das Konto des Kunden.

WER SIND DIE DRITTANBIETER?

Als mögliche Zahlungsdienste-Anbieter kommen neben Fintechs auch Einzelhändler wie Amazon oder Aldi, große Technologiefirmen wie Apple und selbst Banken oder Kreditkartenfirmen infrage. Um die Kunden vor Missbrauch zu schützen, verlangt die EU eine Zulassung durch eine Aufsichtsbehörde wie die Bafin. "Viele neue Anbieter stehen in den Startlöchern und werden eine Lizenz beantragen", erklärt Branchenexperte Philipp Rosenauer vom Berater PwC. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg der Eindringlinge ist die Akzeptanz bei den Konsumenten. Eine Umfrage von PwC weckt hohe Erwartungen: Zwei Drittel der Deutschen sind bereit, Drittanbietern Zugriff auf das Bankkonto zu geben, bei den unter 30-Jährigen sind es gar 86 Prozent. "Bei der jüngeren Generation ist die Bank eine App auf dem Handy", erklärt Rosenauer.

WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE BANKEN?

Die Berater von Roland Berger schätzen, dass die etablierten Geldhäuser im Privatkundengeschäft 25 bis 40 Prozent ihres Gewinns verlieren könnten. Damit müssen sich die Banken und Kreditkartenfirmen, die am meisten von den gegenwärtigen Erlösen abschöpfen, auf milliardenschwere Einnahme-Einbußen gefasst machen. Denn der Zahlungsverkehr könnte nur das Einfallstor für einen breiteren Vorstoß ins Banking bilden. Weil sich die neuen Anbieter zwischen Kunde und Bank schieben, ist die spätere Ausweitung auf Wertpapier- oder Kreditgeschäfte ein naheliegender nächster Schritt. "Sobald sie den direkten Zugang zum Kunden verlieren, sieht es schlecht aus für die Banken", erklärt Julia Wiesermann vom Berater AlixPartners. Den Instituten würde im schlimmsten Fall nur die Rolle des Verwalters im Hintergrund bleiben, die praktisch nichts abwirft. Agile Banken könnten in dem neuen Umfeld zwar durchaus größere Umsätze generieren, indem sie etwa mit Fintechs zusammenarbeiten oder selbst die Rolle der neuen Anbieter übernehmen. "Aber einige Institute werden diesen Sprung nicht hinbekommen", warnt die Expertin.

UND IN DER SCHWEIZ?

Die neue Richtlinie gilt in der EU und den EWR-Staaten Liechtenstein, Norwegen und Island. Die Schweiz erspart ihren Banken eine entsprechende Vorgabe und damit auch zusätzliche Konkurrenz. Zumindest die Tochtergesellschaften der Schweizer Institute in der EU müssen die Vorgabe aber umsetzen. Experten warnen allerdings, dass sich der Finanzplatz längerfristig einen Wettbewerbsnachteil einhandeln könnte, wenn sich die Banken nicht öffnen. 

(Reuters)