Reaktionen - Ökonomen zur Pressekonferenz mit EZB-Chef Draghi

Die Europäische Zentralbank steuert auf das Ende ihrer vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufe zu. Das sagen Ökonomen in einer ersten Reaktion dazu.
13.09.2018 15:20
Symbol des Euro vor dem ehemaligen Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Symbol des Euro vor dem ehemaligen Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Bild: cash

Die Europäische Zentralbank beschloss am Donnerstag in Frankfurt, die Transaktionen ab Oktober auf 15 Milliarden Euro je Monat zu halbieren. Zum Jahresende sollen sie dann ganz eingestellt werden, sofern die Konjunktur weiter mitspielt. Die EZB bekräftigte zudem ihren Zinsausblick. Demnach sollen die Schlüsselzinsen noch bis mindestens "über den Sommer 2019" hinaus auf dem aktuellen Niveau bleiben. Der Leitsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

Ökonomen und Wirtschaftsvertreter sagten dazu in ersten Reaktionen:

ALEXANDER KRÜGER, CHEFÖKONOM BANKHAUS LAMPE:

"Die EZB betreibt feinste Salami-Taktik. Sie dreht ihren Expansionsgrad nur scheibchenweise zurück. Ein geringeres monatliches Kauftempo ab Oktober hat sie heute formal zwar beschlossen, das Ende ihrer Wertpapierkäufe aber nicht. Dies dürfte nun auf der nächsten Sitzung benannt und das Reinvestitionsmuster ab 2019 auf der Sitzung im Dezember vorgestellt werden. Der Leitzinsausblick wird sich erst 2019 langsam aufhellen."

UWE BURKERT, LBBW-CHEFÖKONOM:

"Draghis Statement ist ziemlich überraschungsfrei. Das meiste kennt man ja noch vom letzten Mal. Dass die EZB die Projektion für das BIP 2018 und 2019 um 0,1 Prozentpunkte gesenkt hat, ist nachvollziehbar. Die Forward Guidance lässt der EZB alle Optionen. Und über die Wiederanlage der Fälligkeiten weiß man jetzt auch nicht mehr. Spätestens am 13. Dezember wird die EZB hier liefern müssen. Besser wäre aber, schon auf der kommenden Sitzung die Märkte vorzubereiten. Sobald das geklärt ist, wird man sich wieder der Frage zuwenden, wann denn nun endlich der erste Zinsschritt ansteht. Unser Tipp: Nicht vor Mitte des kommenden Jahres."

ANDREAS BLEY, BVR-CHEFVOLKSWIRT:

"Dass die EZB ihren Ausstiegskurs bestätigt, ist eine gute Nachricht. Was viele den Frankfurter Währungshütern lange nicht zugetraut hatten, wird nun an den Finanzmärkten fast geräuschlos zur Kenntnis genommen. Wichtig ist nun, dass die Zinswende auf jeden Fall spätestens im Herbst 2019 in Angriff genommen wird und sich die EZB damit möglichst bald von der Negativzinspolitik verabschiedet. Die Geldpolitik läuft bereits jetzt der guten Konjunktur und den höheren Inflationsraten hinterher."

CHRISTIAN OSSIG, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES BANKENVERBANDES:

"Die Europäische Zentralbank verlässt den geldpolitischen Krisenmodus nur im Schleichtempo. Ein vorbehaltloses Enddatum für das Aufkaufprogramm wäre überfällig gewesen. Vor allem aber schiebt die Europäische Zentralbank das Thema 'Ende der Negativzinsen' weiter auf die lange Bank. Dabei ist auch diese geldpolitische Krisenmaßnahme schon längst nicht mehr erforderlich. Beim Bestreben, die Bankbilanzen zu stärken, sind die negativen Zinsen sogar schädlich. Nur zur Erinnerung: In den USA, wo die Banken schon seit längerem solide Erträge erzielen, hat es in keiner Phase der Krisenbekämpfung negative Leitzinsen gegeben.

Auch in Europa ist die Zeit jetzt reif, die Phase der Negativzinsen endlich zu beenden. Wenn die EZB überzeugend kommuniziert, dass das Ende der Minuszinsen zum Ausstieg aus dem geldpolitischen Krisenmodus gehört, sollten die Kapitalmarktzinsen nur moderat reagieren. Erst recht, wenn man die weiterhin vergleichsweise moderaten Inflationsperspektiven bedenkt."

FRIEDRICH HEINEMANN, ZEW-INSTITUT:

"Die EZB hat sich durch zu viele Vorfestlegungen ihren Spielraum in unnötiger Weise selber verbaut. Eine erste Zinserhöhung nicht vor September 2019 und ein voller Nachkauf fälliger Wertpapiere auf unbestimmte Zeit - all das verdammt die EZB bis zum Ende der Amtszeit von Mario Draghi zur weitgehenden geldpolitischen Passivität. Der EZB-Präsident wird seinem Nachfolger ein schweres Erbe hinterlassen: Der oder die Neue wird mit Amtsantritt im November 2019 im Fall eines Abschwungs bei der konventionellen Geldpolitik über keinerlei Handlungsspielraum verfügen. Außerdem übernimmt er oder sie Verantwortung für eine Zentralbank, die der mit Abstand wichtigste Gläubiger hoch verschuldeter Euro-Staaten geworden ist. Aber noch hat Mario Draghi ein volles Amtsjahr vor sich und könnte dem Nachfolger helfen, indem er den Märkten mutigere Exit-Perspektiven aufzeigt."

(Reuters)