Reaktionen zum «Nullentscheid» der EZB

Bei den Zinsen lässt die Europäische Zentralbank (EZB) alles beim Alten, das gewaltige Anleihenkaufprogramm wird zunächst nicht verlängert. Das sagen Ökonomen zu den Beschlüssen.
08.09.2016 15:56
EZB-Hauptquartier in Frankfurt.
EZB-Hauptquartier in Frankfurt.
Bild: cash

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach dem Brexit-Votum ihre Wirtschaftsprognosen für den Währungsraum leicht gesenkt. Die hauseigenen Ökonomen rechnen nun für 2017 und 2018 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von jeweils 1,6 Prozent, wie die Notenbank am Donnerstag mitteilte. Im Juni war sie noch von je 1,7 Prozent ausgegangen. Für 2016 wurde die Schätzung dagegen von 1,6 auf 1,7 Prozent angehoben. Zuvor hatte die EZB erklärt, ihre Schlüsselzinsen noch lange niedrig zu halten.

Zudem bekräftigten die Währungshüter, dass die monatlichen Wertpapierkäufe von 80 Milliarden Euro bis Ende März 2017 oder nötigenfalls darüber hinaus fortgesetzt werden. Analysten sagten dazu in ersten Reaktionen:

SHILEN SHAH, INVESTEC WEALTH & INVESTEC:

"Trotz des Marktgetöses durch das Brexit-Votum geht die EZB davon aus, dass der Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone wahrscheinlich nur moderat negativ sein wird. Auf jegliche Ausweitungen des EZB-Anleihenkaufprogramms gab es nur Andeutungen. Denn Draghi signalisierte, dass es derzeit keinen Extra-Stimulus geben werde. Doch da die Anleihen knapp sind, die die Kriterien des Kaufprogramms erfüllen, könnte dies die Zentralbank zum Handeln bewegen, bevor das Programm wie geplant im März 2017 endet."

HOLGER SANDTE, NORDEA BANK:

"Dass die EZB heute nicht geldpolitisch nachgelegt hat, war keine Überraschung. Mario Draghi hat die Tür für eine weitere Lockerung offen gelassen, ohne aber ganz konkrete Hinweise darauf zu geben. Ich rechne damit, dass die Anleihekäufe noch einmal verlängert werden. Der EZB-Einlagensatz wird allenfalls noch einmal leicht gesenkt und dann wohl lange Zeit negativ bleiben."

ULRIKE KASTENS, SAL. OPPENHEIM:

"Die EZB sieht bei der Konjunktur eher Abwärtsrisiken. Gleichzeitig kündigt sie eine Neubewertung der Geldpolitik an. Dies kann bereits auf der nächsten Sitzung der Fall sein, aber spätestens Ende des Jahres wird sie unserer Meinung nach eine Verlängerung des Ankaufprogramms beschließen. EZB will weiter expansiv bleiben."

ULRICH WORTBERG, HELABA:

"Die EZB hat die hohen Erwartungen des Marktes nicht erfüllen können. Allerdings hebt Präsident Draghi auf der Pressekonferenz die Handlungsbereitschaft der Zentralbank hervor. Die EZB werde die Entwicklungen genau beobachten und - falls erforderlich - alle Instrumente innerhalb ihres Mandats nutzen, um Unsicherheiten einzudämmen und die Ziele zu erreichen. Die wirtschaftliche Erholung setze sich fort, allerdings gebe es weiterhin Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum. Die Einsetzung des angesprochenen Ausschusses, der Optionen für eine reibungslose Umsetzung des QE-Programms prüfen soll, könnte als Hinweis auf bevorstehende Änderungen des Regelwerks verstanden werden."

ALEXANDER KRÜGER, CHEFÖKONOM BANKHAUS LAMPE:

"Die EZB hat heute nicht weiter nachgeladen. Verglichen mit ihrer Ratssitzung im Juli bleibt geldpolitisch alles unverändert. Die vom Markt erhoffte Verlängerung des Wertpapier-Kaufprogramms über März 2017 hinaus und die Anpassung einiger seiner Stellschrauben sind damit ausgeblieben. Die EZB signalisierte aber Handlungsbereitschaft, die sie wegen der niedrig bleibenden Inflationsrate aus unserer Sicht spätestens im Dezember in die Tat umsetzen wird. Wir erwarten eine Leitzinssenkung und volumenmäßig unveränderte Wertpapierkäufe bis Ende 2017."

OTMAR LANG, CHEFVOLKSWIRT TARGOBANK:

"Die Europäische Zentralbank verschärft ihr Quantitative-Easing-Programm vorerst nicht. Doch das ist wahrscheinlich nur eine Atempause im geldpolitischen Harakiri - die Türen für weitere monetäre Lockerungen bleiben sperrangelweit geöffnet. Europas oberste Notenbank steht eigentlich vor der geldpolitischen Kapitulation. Doch das kann sie sich nicht leisten. Auch wenn ihre Medizin nicht wirkt, muss die EZB immer wieder die Dosis erhöhen, um nicht völlig an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Nur der leiseste Verdacht, dass Mario Draghi von seinen Maßnahmen selbst nicht mehr überzeugt ist, würde die Marktzweifel anfachen und Spekulanten Tür und Tor öffnen. Die EZB ist Gefangene ihrer eigenen Politik."

(Reuters)