Richemont-Stellenabbau schockt den Jura

Der Plan von Richemont, 210 Stellen in der Schweizer Uhrenproduktion zu streichen, sendet derzeit Schockwellen von Genf ins Vallée de Joux.
28.11.2016 19:15
Werden im Vallée de Joux hergestellt: Vacheron-Constantin-Uhren der Luxusgüterkonzerns Richemont.
Werden im Vallée de Joux hergestellt: Vacheron-Constantin-Uhren der Luxusgüterkonzerns Richemont.
Bild: Bloomberg

In Le Sentier im Jura an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich hatten am Donnerstag vergangener Woche beispielsweise rund 400 Menschen gegen den Plan demonstriert, Stellen bei Vacheron Constantin und Piaget abzubauen. 40 der Arbeitsplätze, um die es geht, befinden sich im Vallée de Joux rund 60 Kilometer von Genf entfernt - Heimat von Luxusuhren-Marken wie Audemars Piguet, Blancpain, Jaeger-LeCoultre und Breguet.

"Wir leben jetzt in Angst", sagt Alemao Ricardo, ein 48-jähriger Portugiese, der im Städtchen Le Brassus arbeitet und Zeitmesser für Vacheron Constantin dekoriert. Solche Uhren werden für bis zu 150'000 Dollar pro Stück verkauft. "Es könnte mich treffen. Es könnte meinen Kollegen treffen."

Die Schweizer Uhrenexporte hatten im Oktober den stärksten Monats-Einbruch in sieben Jahren verzeichnet. In nahezu jedem wichtigen Markt war die Nachfrage gesunken.

Schweizweit rund 60'000 Beschäftigte im Uhrensektor

Nachdem die Uhrenbranche zwei Jahrzehnte lang mehr als 20 Millionen Zeitmesser pro Jahr produziert hatte, trocknet die Nachfrage nun offenbar aus. Der Abschwung ist eine Gefahr für kleine Schweizer Orte und grössere Städte wie etwa Genf, wo schon seit Jahrhunderten Uhren hergestellt werden. Unterm Strich sind fast 60'000 Menschen im Sektor beschäftigt.

"Wir befürchten weitere Stellenstreichungen in den nächsten Monaten. Wir müssen mobilisiert bleiben", erklärte Noe Pelet von der Gewerkschaft vor einer protestierenden Menschenmenge in Le Sentier. "Wir wissen nicht, wie andere Uhrenhersteller und Unternehmen im Vallée de Joux reagieren werden."

Richemont, dessen Firmenzentrale sich etwas ausserhalb von Genf befindet, hatte Investoren am 4. November überrascht, als Verwaltungsratspräsident Johann Rupert den CEO-Posten im Rahmen des grössten Management-Umbaus seit 2009 abschaffte. Zehn Tage später kam die Ankündigung der Stellenstreichungen. Betroffen sind drei Standorte, darunter Genf und der Ort La Côte-aux-Fées in Neuchâtel. Nach Angaben der Gewerkschaft Unia hatten am Donnerstag 300 Menschen gegen den Stellenabbau in Genf demonstriert.

Nachfragerückgang auch in Europa und USA

Die einbrechende Nachfrage in Asien hatte sich dieses Jahr auch auf Europa und die USA ausgeweitet. Das zwang Richemont dazu, nicht verkaufte Ware von Detailhändlern zurückzukaufen und sich stärker auf erschwinglichere Uhren zu konzentrieren.

Die Gewerkschaft verlangt von Richemont, andere Massnahmen in Erwägung zu ziehen - etwa Teilzeitarbeit. Das Unternehmen steht dem jedoch nach den Worten einer Sprecherin nicht positiv gegenüber, da eine starke Erholung bei der Nachfrage nach Gold- und Schmuckuhren unwahrscheinlich sei.

"Unsere Region hat eine nahezu 200-jährige Tradition in der Uhrenherstellung, sagt Nicolas Rochat Fernandez (33), der Le Sentier im Kantonsparlament vertritt. "Wir brauchen hier einen starken Standort der Branche. Wir brauchen Jobs. Falls sich die Dinge negativ entwickeln, werden alle leiden."

Einige verspüren den Druck schon jetzt. "Die Leute kaufen weniger", sagt Armand Roch, ein Metzger, der seit 36 Jahren auf dem Donnerstagsmarkt von Le Sentier ist. "Ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Ich werde es zu spüren bekommen, wenn diese Arbeitsplätze verloren gehen. Uns droht, unsere Metzgereien, Bäckereien und unser Know-how zu verlieren."

(Bloomberg)