Richemont verspekuliert sich kräftig

Richemont hat sich mit Finanzprodukten kräftig verspekuliert und ist zu einer Gewinnwarnung gezwungen. Analysten versuchen zu beruhigen. Dank einer Kaufempfehlung verliert die Aktie nur moderat.
22.04.2015 11:33
Von Lorenz Burkhalter
Verluste mit Finanzprodukten reissen ein Loch in die Gewinnentwicklung von Richemont.

(Ergänzt um den Kommentar von Kepler Cheuvreux und den aktuellen Kurs)

Nicht nur private Anleger, auch Unternehmen verspekulieren sich ab und an. So geschehen beim Westschweizer Luxusgüterhersteller Richemont. Aufgrund von Verlusten mit Finanzprodukten sieht sich das alteingesessene Unternehmen zu einer Gewinnwarnung gezwungen.

Für das am 31. März abgeschlossene Fiskaljahr 2014/15 wird den Aktionären ein um 36 Prozent unter dem Vorjahr liegender Reingewinn in Aussicht gestellt. Analysten waren bislang von einem Rückgang um knapp 6 Prozent ausgegangen.

Der Schock sitzt tief: Dennoch kann sich die Aktie von Richemont an der Schweizer Börse SIX fangen und verliert zur Stunde nur noch 1,1 Prozent auf 82,20 Franken. Kurz nach Handelsbeginn fiel der Kurs vorübergehend auf 80,75 Franken.

Analysten versuchen zu beschwichtigen

Da die meisten Analysten die Aktie von Richemont zum Kauf empfehlen, überrascht es nicht, dass viele von ihnen zu beruhigen versuchen.

Bei der Bank Vontobel heisst es, dass sich die um die Verluste bereinigte Geschäftsentwicklung mehr oder weniger mit den bankeigenen Erwartungen decke. Das gelte sowohl für den Umsatz als auch für den operativen Gewinn. Nach der Gewinnwarnung nimmt der Analyst seine Schätzungen allerdings in negative Revision. Die Aktie empfiehlt er vorerst weiterhin mit einem Kursziel von 95 Franken zum Kauf.

Ähnlich liest sich ein Kommentar seiner für die UBS Investmentbank tätigen Berufskollegin. Auch dieser zufolge decken sich die zur eigentlichen Geschäftsentwicklung gemachten Aussagen mit den Erwartungen. Unter Ausklammerung von Sonderfaktoren falle das Wachstum auf Stufe des operativen Gewinns sogar leicht höher als erwartet aus. Auch bei der Grossbank wird die Aktie mit "Buy" und einem 12-Monats-Kursziel von 90 Franken eingestuft.

Der für Kepler Cheuvreux tätige Berufskollege zeigt sich leicht enttäuscht über die vorveröffentlichten Eckdaten. Er vermutet, dass die für viele Anleger wichtige Barmittelgenerierung ebenfalls enttäuscht haben könnte. Im Hinblick auf das neue Jahr rechnet der Analyst allerdings nur mit geringen Folgen für die Gewinnerwartungen.

HSBC rettet die Situation

Er bleibt auf lange Sicht jedoch zuversichtlich für Richemont und empfiehlt die Aktie weiterhin mit "Buy" und einem Kursziel von 100 Franken zum Kauf.

Für Gesprächsstoff sorgt eine vom Zeitpunkt her eher unglückliche Wiederabdeckung der Aktie mit "Buy" und einem Kursziel von 102 Franken durch die britische HSBC. Der für die Grossbank tätige Analyst findet Gefallen am Zusammenschluss von Net-A-Porter mit Yoox und der neuen Produktoffensive der Tochter Cartier. Die Aktie von Richemont wird bei der HSBC neu zu den EUROPE SUPER TEN PORTFOLIO STOCKS gezählt.

Händler zufolge rettet diese Kaufempfehlung die Situation ein bisschen. Allerdings gibt man zu bedenken, dass der mit Finanzprodukten erlittene Gewinneinbruch zu einem Vertrauensverlust in die Entscheidungsträger von Richemont führen könnte.