Richtungslose Schweizer Börse«Anleger-Stimmung hat Ende Januar gedreht»

Die Schweizer Börse dümpelt vor sich hin, viele Investoren halten sich mit Aktienkäufen zurück. cash geht der Frage nach, was in den kommenden Wochen für und was gegen steigende Kurse spricht.
07.02.2017 22:55
Von Ivo Ruch
In welche Richtung steuern sich die Börsen? Manch ein Anleger wünschte sich derzeit ein Aktien-Kompass.
In welche Richtung steuern sich die Börsen? Manch ein Anleger wünschte sich derzeit ein Aktien-Kompass.
Bild: ©Sergey Yarochkin/Fotolia.com

Was treibt die Anleger an den Aktienmärkten um? Sind es eher Unternehmensnachrichten,  gute oder schlechte Geschäftszahlen? Oder vielmehr makroökonomische Indikatoren, welche die weltwirtschaftliche Grosswetterlage voraussagen? Oder ist es die nebulöse Anlegerstimmung, die schwierig zu beziffern und noch schwieriger zu prognostizieren ist?

Fakt ist: Am Schweizer Aktienmarkt ist derzeit wenig Bewegung auszumachen. Der Swiss Market Index (SMI) ist nach einem guten Jahresstart in eine Seitwärtsbewegung verfallen, die bereits mehr als einen Monat anhält. Ähnliches ist in den USA zu beobachten, wo der S&P 500 seit Mitte Dezember kaum vom Fleck kommt. Auch die Nervosität unter Anlegern hat sich gelegt: Die Volatilität am SMI ist deutlich niedriger als nach den ersten Amtshandlungen des neuen amerikanischen Präsidenten. Beobachten wir eine lethargische Stimmung, oder ist es die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Die Schweizer Berichtssaison neigt sich allmählich dem Ende zu. Die für den Gesamtmarkt wichtigen Unternehmen Novartis und Roche sowie die Grossbank UBS konnten nicht restlos überzeugen. Die restlichen Firmen bewegten sich im Rahmen der Erwartungen – weder mit grossen positiven noch negativen Überraschungen. Auch vom Nahrungsmittelmulti Nestlé (am 16.02.) wird kein marktbewegendes Jahresresultat erwartet.

Begrenzt wird das Aufwärtspotenzial zudem durch die unsicheren Aussichten für die Pharmaindustrie. Nachdem der Sektor bereits 2016 unter die Räder kam, kritisiert auch Donald Trump die zu hohen Medikamentenpreise. Zudem möchte er die Produktion in den USA verstärken. Weil die USA der mit Abstand wichtigste Markt für Pharmafirmen sind, schrecken solche Unwägbarkeiten die Investoren ab. "Nach dem Clinton-Fluch erleben wir nun den Trump-Fluch", bringt es Thomas Della Casa, Anlagechef der Neuen Helvetischen Bank, auf den Punkt.

Es fehlt das zyklische Gegengewicht

Hierzulande kommt erschwerend hinzu, dass ein Gegengewicht von grossen zyklischen Titeln fehlt, um im SMI die Pharma-Baisse auszubalancieren. Anders als beispielsweise beim deutschen Dax, wo der Industriekonzern Siemens oder die Automobilhersteller Daimler, BMW und Volkswagen zu den konjunkturabhängigen Schwergewichten gehören.

Denn die globalen Konjunkturaussichten sind durchaus intakt: Verschiedene konjunkturelle Frühindikatoren in den USA signalisieren ein vielversprechendes Umfeld. Auch die Wirtschaft in der Euro-Zone läuft verhältnismässig gut. Im Dezember fiel die Arbeitslosenquote mit 9,6 Prozent zudem auf den niedrigsten Stand seit Mai 2009. In China schliesslich sehen viele Beobachter für 2017 eine leichte Abschwächung, in den Schwellenländern allgemein aber eine Beschleunigung des Wachstums – angeführt von Brasilien und Russland, die aus der Rezession finden dürften.

Noch ist aber unklar, wie eine Weltwirtschaft unter Donald Trump aussehen wird, denn seine Beschlüsse bleiben vorerst eine Wundertüte. Staatliche Eingriffe, Handelshürden oder Deregulierungen von Banken: Bei vielen Ankündigungen tappen die Anleger im Dunkeln.

Fakt aber ist, dass die meisten wichtigen Börsenindizes immer noch gegen 10 Prozent höher stehen als vor den US-Wahlen. In der Schweiz, aber auch anderswo, sind Aktien deshalb historisch gesehen stolz bewertet, wie der folgende Chart zeigt. Aktuell steht der Markt bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 17 bei einem langjährigen Durchschnitt von 14.

Kurs-Gewinn-Verhältnis Swiss Performance Index (SPI)

Quellen: Schwyzer Kantonalbank, Bloomberg

In das eingangs erwähnte ruhige Anlegerumfeld dürfte laut Thomas Della Casa in den kommenden Wochen Bewegung kommen. Auch weil das Sentiment derzeit schneller wechselt als in der Vergangenheit: "Das globale Anlegerumfeld hat sich verkompliziert, die Stimmung ist schwieriger zu beurteilen", sagt der Börsenexperte.

Dem stimmt Caroline Hilb von der St. Galler Kantonalbank (SGKB) zu. Laut ihren Beobachtungen war das Anleger-Sentiment bis vor kurzem noch positiv. Ende Januar habe die Stimmung gedreht. Unter anderem hätten die Aktienmärkte stärker zugelegt als wichtige konjunkturelle Vorlaufindikatoren. "Mit anderen Worten: Ein Grossteil der positiven Erwartungen an die Konjunktur ist an den Märkten bereits eingepreist", sagt die Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der SGKB.

Für die Beurteilung der Anlegerstimmung betrachtet Hilb unterschiedliche Faktoren: Unter anderem die Veränderung der Risikoprämien, das Volumen der kreditfinanzierten Aktienkäufe oder eben das Verhältnis zwischen konjunkturellen Vorlaufindikatoren und der Performance an den Aktienmärkten. Politische Messgrössen fliessen hingegen nicht direkt in diese Einschätzungen ein.

Funkt die Politik dazwischen?

Doch gerade politische Unsicherheitsfaktoren stehen einige vor der Türe: Wahlen in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und möglicherweise Italien. Und so sind die Befürworter von Aktien derzeit dünn gesät. Die Bank Raiffeisen hat eine insgesamt leicht untergewichtete Aktienquote in ihren Portfolios bei neutraler Positionierung für den Schweizer Markt. Dasselbe Szenario bei der Schwyzer Kantonalbank. Und die St. Galler KB hat erst kürzlich – mit dem Umschwung der Anlegerstimmung – die Aktienquote auf ein gleichgewichtetes Niveau gesenkt.

Etwas optimistischer ist die Zürcher Kantonalbank, die ein Ansteigen des SMI in den nächsten ein bis zwei Monaten auf 8600 Punkte für möglich hält. Vom aktuellen Stand bei 8383 Punkten wäre das ein Plus von rund 2,5 Prozent. Viele Experten halten sich derzeit also mit Aktienengagements zurück, weil sie dem ruhigen Umfeld nicht trauen. "Mutige kaufen jetzt zu, weniger Mutige warten ab", sagt Thomas Della Casa.