Rohstoffirmen haben ein Schuldenproblem

Wer angesichts der Rally an den Rohstoffmärkten denkt, die Bergbaufirmen seien aus dem Schneider, sollte bedenken, dass viele von ihnen immer noch mit ausufernder Verschuldung zu kämpfen haben.
09.03.2016 19:42
Eine Kupfermine im Kongo.
Eine Kupfermine im Kongo.
Bild: Bloomberg

Ein weiteres Jahr mit Einsparungen konnte den Gewinneinbruch nach dem Preisverfall nicht ausgleichen. Ein Index für die Verschuldung von Bergbau-, Energie- und Agrarfirmen ist im vierten Quartal weiter angestiegen und liegt mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor.

Zwar haben sich die Rohstoffpreise in den letzten vier Wochen erholt, aber immer noch liegen sie deutlich unter ihrem Stand von noch vor zwei Jahren - beim Kupfer sind es 28 Prozent, beim Rohöl sogar 64 Prozent. Damit das Überangebot, das den Preisverfall ausgelöst hat, verschwindet, müssten die Firmen ihre Produktion stärker drosseln. Aber viele von ihnen stecken so tief in Schulden, dass sie unbedingt Barmittel generieren müssen, um zu überleben.

“Ich nenne das das Rohstoffdilemma", sagt Jessica Fung, Rohstoffanalystin bei BMO Nesbitt Burns in Toronto. “Die Produktion zu drosseln ist die absolut letzte Option für alle Firmen, weil sie damit praktisch ihre Ertragsquelle abdrehen würden. Und was wäre dann?"

Mehr Zahlungsausfälle

Falls die Rohstoffpreise nicht stärker steigen, führt dieses Dilemma für einige Produzenten in diesem Jahr zu ernsten Konsequenzen. Die Schuldenlast vieler Bergbau- und Ölförderfirmen wächst, egal wie viel sie graben und pumpen. Moody’s Investors Service erwartet, dass Ausfälle bei Firmen dieses Jahr ein Sechs-Jahres-Hoch erreichen werden, wobei Rohstofffirmen besonders stark betroffen sind. Im Januar setzte Moody’s 55 Bergbauunternehmen und 120 Öl- und Gasförderfirmen auf Beobachtung für eine mögliche Ratingabstufung. 

Mit dem Absturz des Ölpreises von über hundert Dollar je Barrel Mitte 2014 auf bis zu 26 Dollar im Februar verschlechtern sich die Verschuldungsquoten vieler Bohrfirmen. Das gilt auch für diejenigen mit Investment-Grade-Rating wie Anadarko Petroleum, die Produktion und Kosten gesenkt haben. 

Die überraschende Rally bei den Metallen seit Jahresbeginn hat den Druck auf einige Goldförderer wie Newmont Mining oder Barrick Gold verringert, und Bergbauaktien hatten im Februar ihren stärksten Monatsgewinn seit 2009. Die Eisenerzpreise, die drei Jahre in Folge nur gefallen waren, sind seit Jahresbeginn um 46 Prozent gestiegen, auch wenn sie immer noch bei der Hälfte ihres Stands von vor zwei Jahren liegen.

Zunehmende Belastung

Doch bei einer entscheidenden Kennzahl, der Verschuldung, haben die meisten Rohstoffförderer Probleme. "Es gibt immer noch einen ordentlichen Cashflow”, sagte Egizio Bianchini von der Bank of Montreal am Dienstag auf der Jahreskonferenz des kanadischen Entwickler- und Prospektorenverbands in Toronto. "Das Problem sind die Schulden." Bianchini schätzt, dass die Bergbaubranche 50 bis 60 Mrd. Dollar Kapital braucht, um sich nach dem Rohstoffcrash zu stabilisieren. 

Bei Freeport-McMoRan, dem grössten börsennotierten Kupferförderer, hat sich die Verschuldungsquote zum bereinigten Ebitda per 31. Dezember auf 5,6 mehr als verdoppelt, von 2,1 ein Jahr zuvor, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen. Das Unternehmen teilte am 26 Januar mit, es wolle über eine Reihe von Transaktionen seinen Schuldenstand von 20 Mrd. Dollar um fünf bis zehn Mrd. Dollar verringern. Die Verschuldung des Öl- und Gasförderers Anadarko lag Ende 2015 beim 3,5-fachen bereinigten Ebitda, verglichen mit mit nur 0,9 ein Jahr zuvor. 

“Das ist ein grosses Problem", sagt Bianchini. "Mir wurde früh beigebracht, dass Schulden tödlich sind. Sie werden diesmal wohl einigen Firmen den Garaus machen." 

Laut John Thornton, Non-Executive Chairman von Barrick, gibt es für Förderfirmen nur drei Wege, aus dem Teufelskreis herauszukommen: mehr Geld verdienen, neue Aktien begeben oder Vermögenswerte verkaufen. 

Branchenrestrukturierung

“Wenn die Preise so bleiben wie sie sind, dann werden wir nächstes Jahr viel Restrukturierung in der Bergbaubranche erleben", sagt Diego Hernandez, CEO von Antofagasta, dem Minenbesitzer, der von der reichsten Familie Chiles kontrolliert wird. Die liquiden Mittel seines Unternehmens übersteigen die Schulden, und Hernandez zufolge schaut sich die Firma nach günstigen Zukäufen um. 

Bislang allerdings verlangten die Bergbaufirmen, die Vermögenswerte verkaufen wollen, zu viel, da sie nicht akzeptierten, dass die Preise noch jahrelang niedrig bleiben werden, sagt Oscar Landerretche vom Kupferproduzenten Codelco.

In der Ölbranche sieht es noch übler aus. Seit Anfang 2015 haben 48 nordamerikanische Öl- und Gasförderer mit über 17 Mrd. Dollar Schulden Konkurs angemeldet, berichtet die Kanzlei Haynes and Boone. Im Februar versäumten Chaparral Energy Inc. und SandRidge Energy Inc. Zinszahlungen auf ihre Kredite. Beide Firmen haben ihre Kreditlinien voll ausgeschöpft und haben Rechts- und Finanzberater engagiert, was als Vorstufe einer Insolvenz angesehen wird. 

Die Verschuldung der Bohrfirmen schwoll Ende des dritten Quartals auf 237 Mrd. Dollar an, ein Anstieg um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr, so die jüngsten verfügbaren Daten, die Bloomberg zu den 61 Firmen im Bloomberg Intelligence Index der nordamerikanischen unabhängigen Öl- und Gasförderer zusammengestellt hat. 

Zinszahlungen

Die Schulden zu bedienen ist ebenfalls schwieriger geworden. Im dritten Quartal 2015 mussten 28 Bohrfirmen im Index mehr als zehn Prozent ihrer Erträge für Zinszahlungen aufwenden. Ein Jahr zuvor hatten nur 13 Firmen so hohe Zahlungen zu leisten. 

Und trotzdem mussten viele Produzenten bis Ende letzten Jahres ihre Produktion weiter ausweiten. Das liegt zum Teil daran, dass viele klamme Firmen weiter wachsen müssen, damit ihre Kreditlinie nicht sinkt. Denn die Summe, die Banken an stärker risikobehaftete Schuldner zu verleihen bereit sind, richtet sich nach dem Umfang der Reserven der Firma und dem Ölpreis. Die Kredite werden normalerweise zwei Mal im Jahr angepasst, etwa im April und im Oktober. Wenn eine Firma keine neuen Ölquellen erschliesst, dann verringern sich ihre Reserven, da das Öl gefördert und verkauft wird, und die Kreditlinie sinkt, gerade wenn das Unternehmen am stärksten darauf angewiesen ist.

Die Bergbaufirmen scheinen nicht so nah am Rande des Bankrotts zu stehen - zum Teil deswegen, weil viele von ihnen nach der letzten Rohstoffflaute 2008 längerfristige Kredite ausgehandelt hatten. Die Kosten für die Schliessung eines Bergwerks sind enorm; daher sind die Kreditgeber geneigt, den Firmen eine Produktion mit Verlust zu erlauben, sofern sie versuchen, ihre schwächsten Beteiligungen loszuwerden.

Wie lange die Flaute noch dauern wird weiss niemand. 

“Ich beschäftige mich seit Ende der 70-er mit dieser Branche, und ich habe so eine Situation noch nicht erlebt, nicht in diesem Ausmass", sagt Carol Cowan, Leitende Analystin bei Moody’s. “Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass dies kein normaler zyklischer Abschwung ist." 

(Bloomberg)