Schweizer Aktien in Zeiten von Donald Trump

Nach den US-Wahlen hat sich die Schweizer Börse erstaunlich schnell gefangen. Nicht nur das. Sie dürfte vom Präsidenten Donald Trump sogar profitieren. Ein Blick auf die nächsten Börsenwochen aus Schweizer Aktiensicht.
10.11.2016 00:05
Von Ivo Ruch
Die Aktie von ABB: Mögliche Gewinnerin US-amerikanischer Konjunkturprogramme.
Die Aktie von ABB: Mögliche Gewinnerin US-amerikanischer Konjunkturprogramme.
Bild: Bloomberg

Nebst den vielen Verlierern gab es an den Aktienmärkten nach der US-Wahl auch einige eindeutige Gewinner: Die Titel von Pharma- und Gesundheitsunternehmen. Nicht nur in der Schweiz, auch in anderen Ländern setzten die entsprechenden Aktien am Mittwoch zu kräftigen Kursanstiegen an.

Actelion, Novartis und Roche legten zwischen 4 und 5 Prozent zu (siehe Tabelle), der dänische Pharmariese Novo Nordisk mehr als 6 Prozent und die britische Shire 8 Prozent. Und so erlebte die Schweizer Börse am Mittwoch keinen zweiten Brexit-Schock, sondern eine Trump-Rally.

Der Hintergrund ist klar: Die Aussichten auf Hillary Clinton als amerikanische Präsidentin hatten Pharma-Aktien rund um den Globus abstürzen lassen. Die Demokratin hatte sich wiederholt kritisch gegenüber den hohen Medikamentenpreisen geäussert und liess durchblicken, dass sie bei einer Wahl dagegen vorgehen würde.

Die Valoren von Novartis und Roche hatten in den zurückliegenden Monaten einen Fünftel ihres Wertes eingebüsst. "Da Hillary Clinton nicht Präsidentin wird, setzte eine Erleichterungsrally ein", sagt Anastassios Frangulidis, Investment Manager bei der Privatbank Pictet.

Beste und schlechteste SMI-Aktien am Mittwoch

Top-Titel Performance, in % Flop-Titel Performance, in %
Actelion +5,7 Syngenta -1,2
Roche +5 Nestlé -1,1
Novartis +4,4 Givaudan -0,7
LafargeHolcim +3,8 SGS -0,5
Credit Suisse +3,6 Richemont -0,3

Quelle: cash.ch (Stand 09.11.16, 17:30 Uhr)

Abgesehen von der Angst vor Clinton sind die Schweizer Pharma-Firmen robust aufgestellt: Sie haben sich bewährte Geschäftsmodelle aufgebaut, erwirtschaften einen soliden Cashflow und bezahlen attraktive Dividenden. Deshalb haben Novartis und Roche für Frangulidis nun Aufholpotenzial.

Auch laut Thomas Della Casa von der Neuen Helvetischen Bank dürfte die Schweizer Börse vor starken Wochen stehen: "Die Finanzmärkte haben sich sehr schnell auf das Wahlergebnis eingestellt, was wieder einmal deren Effizienz zeigt. Dieser Rebound wird anhalten, weil die grosse Unsicherheit nun weg ist"

Andernorts blickten Unternehmen ebenfalls ohne Vorfreude auf eine Präsidentschaft unter Hillary Clinton. So wollte sie die Finanzindustrie enger an die Leine legen und die Banken strenger regulieren. Diesbezüglich gab es an der Schweizer Börse auch erste Hinweise, wie Investoren den Wahlausgang interpretieren. Die Aktien von Credit Suisse und UBS fingen sich im Laufe des Handels nach anfänglich heftigen Verlusten.

Zinserhöhung weiterhin wahrscheinlich

Für die Finanzindustrie von grosser Bedeutung ist, wie sich das Zinsgefüge in Zukunft verändert. Nur mit sukzessive steigenden Zinsen können Banken und Versicherungen im einträglichen Zinsdifferenzgeschäft zu soliden Erträgen zurückkehren. Besonders im Fokus steht deshalb eine mögliche Zinserhöhung in den USA im Dezember. Die von den Finanzmärkten eingeschätzte Wahrscheinlichkeit dafür fiel am Mittwoch von 84 auf 78 Prozent.

Börsen-Experte Anastassios Frangulidis sieht die Zinserhöhung dennoch nicht in Gefahr. Auch weil er von einer weiteren Beruhigung an den Finanzmärkten ausgeht. Aber die Strategen der St. Galler Kantonalbank rechnen schon nicht mehr damit, umso mehr als die Position von Fed-Präsidentin Janet Yellen infrage gestellt wird. Donald Trump hat wiederholt angekündigt, Yellen an der Spitze der amerikanischen Notenbank zu ersetzen. Ebenfalls nicht ganz ausgeschlossen ist, dass Fed-Chefin Janet Yellen von sich aus zurücktritt.

Infrastruktur-Programm im Fokus

Donald Trumps politischer Kurs ist eine grosse Unbekannte. So hat er sich nach dem Wahlerfolg in einer Rede schon viel gemässigter geäussert als in den Monaten des Wahlkampfes. Für klar gilt aber, dass er die Steuern auf Einkommen und Unternehmensgewinne deutlich senken und Hunderte Milliarden Dollar in die amerikanische Infrastruktur investieren möchte.

Pläne, die mit der republikanischen Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus als realistisch gelten. Und die Industrieunternehmen, die im Unterhalt amerikanischer Infrastruktur tätig sind, in die Hände spielen. Aus der Schweiz sind das zum Beispiel ABB, LafargeHolcim und Schindler. Alle drei Titel waren nach der Wahlentscheidung bei Börsianern beliebt.

Das von Trump angekündigte Konjunkturprogramm hilft aber auch Versicherern mit grossem Umsatzanteil in den USA, ist sich Anlagechef Thomas Della Casa sicher. Aus der Schweiz ist hier Zurich zu nennen. Aus internationaler Sicht der niederländische Konzern Aegon.

Diese fiskalpolitischen Massnahmen sollten das Binnenwachstum in den USA ankurbeln, sind sich Beobachter einig. Und das wiederum ist für zukünftige Zinsschritte nützlich, auch wenn dadurch die Staatsverschuldung ansteigen dürfte. Weniger bekannt sind hingegen Trumps geopolitischen Absichten. Vor allem wenn der Freihandel mit anderen Ländern eingeschränkt wird, könnten auch Schweizer Firmen leiden.

Globale Trends bleiben bestehen

Abschottungstendenzen würden den globalen Handel abbremsen. Befürchtungen darüber schlugen sich am Mittwoch in den Aktienkursen der Handelsunternehmen Kühne+Nagel (-2,6 Prozent) sowie Panalpina (-2,5 Prozent) nieder. Mehr Protektionismus würde aber auch grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen erschweren. So wie sie vom Basler Saatguthersteller Syngenta und dem chinesischen Grossunternehmen ChemChina angestrebt wird. Die Übernahme sorgte in den USA bereits einmal für Kritik, nun könnte sie ganz scheitern. Die Aktien von Syngenta waren am Mittwoch die schwächsten im Swiss Market Index (SMI).

Für Marc Possa, Manager des auf kleinere und mittelgrosse Schweizer Aktien spezialisierten SaraSelect-Fonds, wird sich aber an den globalen Megatrends in Zukunft nichts ändern – Abkehr von Globalisierung und Trend zur Renationalisierung hin oder her: "Die Marktführer werden weiter ihre Stellung behaupten, auch weil ein erfolgreicher Zulieferer nicht so rasch ausgetauscht wird."

Insofern sieht Possa auch für kleinere Schweizer Industrieunternehmen durchaus Chancen in den USA. Sika, Belimo, Bucher, Bossard, Huber+Suhner, Schaffner oder Lem würden auch unter Donald Trump weiter wachsen.