«Schweizer Banken wären die Gewinner eines Brexit»

Der Entscheid über den Verbleib Grossbritanniens in der EU steht bevor. Pimco-Anlageexperte Mike Amey sagt, wie die Stimmung in London kurz vor dem Referendum ist und was ein Brexit für die Finanzmärkte bedeuten würde.
21.06.2016 23:00
Von Pascal Züger
Mark Amey, Portfolio-Manager bei Pimco in London.
Bild: cash

Kaum ein anderes Thema hat die Finanzmärkte in den letzten Wochen und Monaten so sehr bewegt, wie die am 23. Juni anstehende Brexit-Abstimmung. Treten die Briten tatsächlich aus der Europäischen Union (EU) aus, ergeben sich viele Unsicherheiten: Wie wird das Verhältnis mit der EU sein? Wird Grossbritannien an Handelsmacht verlieren? Was passiert mit dem britischen Pfund? Bleibt David Cameron Premierminister?

Entsprechend zeigen sich die Aktienmärkte volatil in diesen Tagen: Sobald die Brexit-Befürworter nach Umfragen etwas Rückenwind verspüren, fällt die Börse runter. Im umgekehrten Fall, wenn Brexit-Gegner wieder zulegen, geht sie wieder hoch. Vor solchen Ausschlägen bleibt auch die Schweiz nicht verschont, wie ein Blick auf die Entwicklung des Swiss Market Index (SMI) der letzten drei Monate zeigt:

Entwicklung des SMI in den letzten drei Monaten, Quelle cash.ch

Kurzfristige Talsohlen erreichte der Schweizer Leitindex Anfang April, Anfang Mai und Mitte Juni. Just jene Momente, bei denen gemäss Umfragewerten die Brexit-Befürworter auf Werte von 50 Prozent oder darüber lagen.

Derzeit liegen die Befürworter eines Verbleibs Grossbritanniens in der EU in Führung. Laut drei am Sonntag veröffentlichten Umfragen wollen zwischen 44 und 46 Prozent der Wahlberechtigten für eine weitere EU-Mitgliedschaft stimmen. Zwischen 42 und 43 Prozent befürworten dagegen einen Brexit, also ein Ausscheiden. Einiges deutlicher sind die Werte bei den Buchmachern. Der Online-Wettanbieter Betfair schätzte am Montag die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs auf 72 Prozent ein, nach zwischenzeitlichen 60 Prozent am Freitag.

Auch Pimco-Anlageexperte Mark Amey sieht seit Ende letzter Woche das Momentum ganz klar bei den Brexit-Gegnern, wie er im cash-Video-Interview sagt: "Aktuell ist sich der Markt sicher, dass Grossbritannien in der EU verbleibt." Der im Zentrum von London tätige Portfolio-Manager schätzt die Chancen eines "Nein" zum Austritt gegenwärtig auf "80 zu 20" ein.

Brexit: Kein Weltuntergang, aber...

Auch wenn die Chancen deutlich gesunken sind, ist der Brexit natürlich noch nicht vom Tisch. Kommt es am Freitag bei einem "Ja" zum grossen Börsen-Sturm? Einige Marktteilnehmer reden von einem Absacken des Pfunds von 20 Prozent und einem Verlust der britischen Aktien von gar 30 Prozent. Doch Amey malt ein nicht ganz so düsteres Bild: "Bei einem Brexit kommt es nicht zu ernsthaften Marktverwerfungen." Zwar könne sich der Pfund zum Dollar um 10 Prozent schwächen, doch handle es sich beim Brexit nicht um einen kurzfristigen, unerwarteten Schock.

Amey spricht damit eine allfällige Nach-Brexit-Zeit an. Bis Grossbritannien tatsächlich aus der Europäischen Union aussteigen kann, würde es noch viele Jahre dauern. Zunächst könnte es zu einem Wechsel des Premierministers kommen, anschliessend stünden harte Verhandlungen mit der EU an. "Alles in allem ein Ereignis über mehrere Jahre und kein Schock", wie Amey betont.

Positive Effekte sehen hingegen die Brexit-Befürworter: Michael Gove, der Chef der Leave-Kampagne, sagte jüngst der Tageszeitung "Daily Telegraph", er glaube, ein Brexit werde der britischen Wirtschaft helfen. Sowohl Gove als auch der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson sprachen sich desweiteren dafür aus, dass David Cameron auch im Falle eines Brexits Premierminister bleibt. 

Ein weiterer Brexit-Wortführer, Nigel Farage, sieht Europa nach dem Votum am 23. Juni am Ende. "Die EU steht vor dem Kollaps", sagte der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei UKIP der italienischen Zeitung "Corriere della Sera". "Nach uns werden andere nördliche Länder austreten, eins nach dem anderen. Dänemark zuerst, dann die Niederlande, Schweden, Österreich." Auch die Südstaaten wie Italien, Griechenland oder Spanien würden laut Farage von einem Brexit profitieren, da der Euro gegenwärtig ihre Wirtschaft "zerstöre" und "eine Waffe für die deutsche Vorherrschaft" sei.

Schweizer Banken als Profiteure?

Auch hierzulande wäre ein Brexit spürbar. Eine Studie von Standard & Poors kommt gar zum Schluss, dass die Schweiz von einem möglichen Brexit am stärksten betroffen sei: Dies läge vor allem an den hohen ausländischen Direktinvesitionen (FDI) sowie an den substantiellen Handels- und Derivatpositionen der Schweizer Banken über ihre Tochterfirmen, so die Analysten.

Diese starke Betroffenheit muss nicht nur negativ sein: "Schweizer Banken und Investoren in Schweizer Franken wären die Gewinner eines Brexit", sagt Amey von Pimco. Er sieht einen Geldzufluss in die Schweiz voraus, die seit jeher als "sicherer Hafen" in schwierigen Zeiten fungiert. Bereits im Vorfeld des Referendums hat der Schweizer Franken von 1,11 zum Euro auf bis zu 1,08 zugelegt. Im Brexit-Fall würde der Druck auf den Franken wohl noch weiter ansteigen.

Ein stärkerer Franken riefe wiederum zwangsläufig die Schweizerische Nationalbank (SNB) auf dem Plan. Bereits letzte Woche sagte SNB-Präsident Thomas Jordan im Interview mit cash, dass die SNB die Entwicklung des Franken rund um die Abstimmung über einen EU-Austritt Grossbritanniens genau im Auge behalte. Im Zuge des Brexit-Votums könne es vermehrt zu Unsicherheiten und Turbulenzen kommen, sagte Jordan weiter. "In diesem Zusammenhang werden wir die Lage genau beobachten und bei Bedarf Massnahmen ergreifen." 

Aufatmen der Finanzmärkte bei «Bremain»

Was im umgekehrten Fall, bei einem Verbleib Grossbritanniens in der EU, an den Markten los sein wird, darauf gab es bereits am Montag einen Vorgeschmack: Nachdem sich der Wind plötzlich wieder zugunsten der Brexit-Gegner drehte, legten die Aktienmärkte um zwei bis drei Prozent zu, risikofreie Wertpapiere wurden abgestossen und der Pfund wertete stark auf.

Ähnlich wird der Markt im Ameys Augen am Freitag auf ein "Nein" reagieren: Er prophezeit für diesen Fall einen Aufschwung der Aktienmärkte von weiteren drei bis fünf Prozent, ein Pfund zwischen 1,50 bis 1,55 zum Dollar (aktuell 1,47) und ein weiteres Abstossen am Obligationenmarkt in Ausmass von einem Prozent.

Übrigens: Die Briten haben nun noch bis Donnerstagabend, 22:00 Uhr (Ortszeit) Zeit, an die Urne zu gehen. Am Freitagmorgen, kurz nach 07:00 Uhr, verkündet  dann Jenny Watson, der Auszähl-Chefin in Manchester das endgültige Resultat (einen genauen Zeitplan der Brexit-Nacht finden Sie hier). 

Im cash-Video-Interview sagt Mike Amey, wie sich Investoren optimal positionieren können unmittelbar vor der Abstimmung.

(Mit Material von AWP)