«Schweizer müssen keine Angst vor höheren Benzinpreisen haben»

Rohstoff-Experte Norbert Rücker von Julius Bär äussert sich im cash-Interview zu den Opec-Beschlüssen, zur künftigen Richtung des Ölpreises und zu den Wechselwirkungen zwischen Aktienmärkten und Ölnotierungen.
29.09.2016 14:02
Interview: Pascal Züger
Nobert Rücker ist Leiter Rohstoffanalyse bei der Bank Julius Bär.
Nobert Rücker ist Leiter Rohstoffanalyse bei der Bank Julius Bär.
Bild: ZVG

cash: Die Organisation erdölexportierender Länder, kurz Opec, hat gestern in Algier eine Beschränkung der Öl-Förderung auf ein tägliches Produktionsvolumen zwischen 32,5 bis 33 Millionen Barrel beschlossen. Ist das ein drastischer Schnitt?

Norbert Rücker: Es ist kein drastischer Schnitt. Aber für mich steht im Vordergrund, dass dieses Abkommen noch gar nicht unterzeichnet wurde. Es handelt sich daher mehr um einen Vorschlag als um einen Deal. Bis zum nächsten Opec-Meeting im November werden sich die Produktionsvolumen und die kommunizierten Quoten wohl noch verschieben. Die herumgereichten Zahlen sind somit mit Vorsicht zu geniessen.

Welchen Anteil des weltweiten Öl-Angebots kontrolliert die Opec?

Die Opec produziert derzeit ungefähr 38 Millionen Barrel pro Tag, der Gesamtmarkt um 92 Millionen. Sie hat also nur einen Bruchteil des Marktes unter Kontrolle.

Die Opec ist also gar nicht so mächtig?

Wir sind schon sehr lange skeptisch, was die Opec betrifft. Sie ist ein Kartell, welches real wenig Einfluss hat. Es existiert vielmehr nur auf dem Papier und treibt die kurzfristige Stimmung im Markt. Der Ölmarkt hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verändert. Mittlerweile verdienen die führenden Exponenten der Schieferindustrie in den USA mehr Geld bei einem Ölpreis um 50 Dollar pro Barrel als sie noch bei einem Ölpreis um 100 verdienten. Die Schieferindustrie setzt die Grenzkosten und verankert somit den Preis. Es fand eine tektonische Verschiebung im Ölmarkt statt.

Also wird die geplante Förder-Beschränkung der Opec kaum etwas bewirken?

Der Beschluss ist tatsächlich alles andere als schlagkräftig. Neben dem erwähnten Machtverlust der Opec-Organisation muss die ganze Vereinbarung noch aus einem anderen Grund mit grosser Skepsis betrachtet werden. Beim Lesen des Kleingedruckten der Vereinbarung wird klar, dass vieles ungewiss ist. Der Beschluss ist noch nicht durch. Und ausgerechnet diejenigen Länder, die höchstwahrscheinlich die grösste Öl-Produktionssteigerung bis Ende Jahr erleben werden, sind vom Beschluss ausgeschlossen. Kurz gesagt: Die Schweizer müssen keine Angst vor höheren Benzinpreisen haben.

Nicht beteiligt an der geplanten Beschränkung sind die Opec-Staaten Iran, Nigeria und Libyen. Wieso eigentlich?

Weil in diesen drei Ländern Spezialsituationen vorherrschen. Im Iran wurden kürzlich Öl-Sanktionen aufgehoben. Deshalb pocht das Land auf dem Recht, die Ölproduktion wieder auf das alte Niveau zurückzuführen. Gleiche Argumente kann man für Libyen und Nigeria vorbringen. Beide Länder leiden aktuell unter Produktionsunterbrüchen. In Nigeria gab es Anschläge auf Pipelines und in Libyen herrschen nach wie vor bürgerkriegsähnliche Zustände vor. In diesen Ländern sieht es jedoch nach einer Verbesserung aus, so dass in den nächsten Monaten mit mehr Exporten zu rechnen ist.

Wären überhaupt die Opec-Länder die grossen Profiteure von einem höheren Ölpreis oder doch eher die anderen Produzenten?

Die Organisation muss in der Tat aufpassen, für was sie sich überhaupt einsetzt. Denn sobald die Ölpreise über 50 Dollar pro Barrel steigen, schalten die 'Schieferjungs' aus Nordamerika einen Gang höher und investieren wieder mehr. Das höhere Öl-Angebot kommt dann sehr schnell auf den Markt. Der eigentliche Profiteur des höheren Preises ist dann nicht der nahe Osten, sondern die US-Ölindustrie.

Bis zur nächsten offiziellen Opec-Sitzung im November in Wien will ein Gremium die Förderquoten für jedes Land bestimmen. Ist da nicht Knatsch vorprogrammiert?

Absolut. Die Ölstaaten leiden unter dem Einbruch der Einnahmen. Der gemeinsame Nenner für Verhandlungen ist klein, weil jeder schlussendlich seinen eigenen Nutzen maximieren will. Dieser Umstand führte zu einem Scheitern in Doha (letztes Treffen der Opec-Staaten im April 2016, Anm. der Redaktion), und seither hat sich an der Situation wenig geändert. Die Opec steht nun unter Zugzwang, weil Doha zu einem Glaubwürdigkeitsverlust führte. Deshalb waren sie wohl so erpicht darauf, doch noch mit einer Ankündigung zu kommen. Was nicht vergessen werden darf: Es gab schon immer Förderquoten bei der Opec, aber nur ein Kern innerhalb der Organisation scherte sich darum. Und zwar die Länder Saudi Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Kuwait. Der Rest produzierte mehr oder weniger, was er wollte.

Welche Rolle spielt der Staat Russland, welcher bei den Verhandlungen dabei war?

Obwohl nicht Opec-Mitglied, wird das Land immer wieder in Meetings eingeladen, um mitdiskutieren zu können. Vom jetzigen Deal scheint Russland aber nicht betroffen zu sein.

Unmittelbar nach Ankündigung der Beschränkung ging der Ölpreis um 5 Prozent nach oben. Wie wird sich der Ölpreis nun weiter entwickeln?

Wir erwarten keine grosse Marktveränderung. In letzter Zeit bewegte sich der Ölpreis um die Bandbreite 40 bis 50 Dollar pro Barrel. Bis auf weiteres sehen wir hier keine Veränderung. Der jetzt angekündigte Deal hat auch keine Auswirkungen auf unsere Prognose. Es dürfte sich in absehbarer Zeit nichts daran ändern, dass es zu viel Öl im Markt gibt und die globalen Lagerbestände sehr voll sind. Bis Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht sind, dürfte es noch eine Weile dauern.

Werden wir keinen Fall mehr auf unter 30 Dollar pro Barrel mehr erleben, wie Anfang des Jahres geschehen?

Es existieren durchaus Szenarien, die den Ölpreis wieder drastisch nach unten ziehen könnten. Das wäre zum Beispiel denkbar, wenn wieder grosse globale Wachstumssorgen aufkommen würden. Etwa bei einer Angst einer harten Landung in China oder wenn der Dollar massiv erstarkt.  Aber auch wenn Libyen die Ölexporte stark steigert. Vor dem Bürgerkrieg förderte das Land 1,5 Millionen Barrel pro Tag, aktuell sind es noch 0,3 Millionen. Eine Rückkehr zum alten Niveau könnte den Ölpreis wieder nach unten drücken, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Die Börsen reagieren positiv auf diesen Opec-Entscheid. Wieso eigentlich?

Diese interessante Entwicklung ist bereits seit Jahresbeginn zu beobachten. Zu hohe Ölpreise sind nicht gut für die Aktienmärkte, aber zu tiefe eben auch nicht. Bei tiefen Ölpreisen dominieren die Sorgen, dass Firmen und auch ganze Länder in ernsthafte Probleme geraten. Saudi Arabien hat tatsächlich deswegen ein grosses Haushaltsdefizit. Ihnen fehlen die Öleinnahmen. Als sich Anfang Jahr die Ölpreise dann erholt haben, stand dieser positive Zusammenhang im Vordergrund. Spannend ist, dass auch jetzt, wo der Ölpreis eigentlich auf einem fairen Niveau liegt, der positive Zusammenhang zwischen Ölpreis und Aktienmarkt noch immer besteht.

Ab welchem Preis würden die alten Marktmechanismen wieder greifen?

Sobald der breite Markt merkt, dass die Industrie gut mit einem Preis bei 50 US-Dollar pro Fass leben kann, wird der positive Zusammenhang zwischen dem Ölpreis und den Aktienmärkten wohl wieder nachlassen.

Hat die jetzige Bewegung im Ölpreis auch Auswirkungen auf andere Asset-Klassen?

Nur sehr begrenzt. Die Währungen der rohstoffabhängigen Schwellenländer reagieren zwar, es handelt sich aber nur um kurzfristige Tagesbewegungen. Mittel- bis längerfristig sollte kein grosser Effekt eintreten, unter der Annahme unsere Prognose eines sich seitwärts bewegenden Ölpreises trifft zu. Sollte der Ölpreis wider Erwarten weiter nach oben gehen, wird es zu Bewegungen bei den Währungen und Aktienindizes der rohstoffabhängigen Schwellenländer kommen. Die Erkenntnis des Ölpreiskollaps der letzten Jahre ist, dass Währungen ein Verstärker, quasi ein 'Turbo' der Bewegungen der Rohstoffpreise sind.