Schweizer Versicherer vor radikalem Umbruch

45 Prozent der Schweizer Versicherer wie Zurich, Bâloise oder Helvetia könnten bis ins Jahr 2030 aus dem Markt gedrängt werden, sagt Ernst & Young.
17.06.2016 08:31
Von Lorenz Burkhalter
Haben traditionelle Versicherer wie die Zurich ein auslaufendes Geschäftsmodell?
Haben traditionelle Versicherer wie die Zurich ein auslaufendes Geschäftsmodell?
Bild: Bloomberg

Der Schweizer Versicherungsmarkt gilt als einer der attraktivsten weltweit, und das schon seit Jahren. Es überrascht daher nicht, dass die Aktien hiesiger Branchenvertreter wie Zurich Insurance Group, Bâloise oder Helvetia an der Börse als Rendite-Perlen gelten. Ihre Dividendenrendite liegt zwischen 3,9 Prozent (Helvetia) und 7,7 Prozent (Zurich Insurance Group).

Darf man Ernst & Young Glauben schenken, dann gehören die goldenen Zeiten für diese Unternehmen und ihre Aktionäre jedoch in einigen Jahren der Vergangenheit an. In einer Studie wähnt das Beratungsunternehmen die Schweizer Versicherungsbranche nämlich vor einem radikalen Umbruch.

"Bis ins Jahr 2030 werden höchstwahrscheinlich 45 Prozent der Schweizer Versicherer aus dem Markt gedrängt", so sind sich die Studienautoren sicher. Für die Anteilseigner der genannten Unternehmen hiesse das wiederum: Von den ach so gelobten Dividendenaussichten bliebe dann nicht mehr viel übrig.

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Experten von Ernst & Young gehen sogar noch einen Schritt weiter und halten sogar für möglich, dass im Extremfall bis zu 70 Prozent der heutigen Versicherer vom Markt verdrängt werden könnten. Dank neuer Technologien steige das Preisbewusstsein der Konsumenten, während die Loyalität abnehme, so schreiben sie.

Für die Studienverfasser steht fest: Mit ihren ehrgeizigen Wachstumszielen blicken die Schweizer Versicherer zu optimistisch in die Zukunft. Das von den Unternehmen im Schnitt angestrebte Wachstum um jährlich 5 Prozent wird in Anbetracht der hierzulande beschränkten Wachstumsmöglichkeiten kaum als realistisch erachtet. Sogar einen Rückgang des Volumens halten die Experten für denkbar.

Was meint die Börse dazu?

Ernst & Young rechnet deshalb mit einem erhöhten Druck für die Versicherer, sich mit Konkurrenten zusammenzuschliessen oder diese aus dem Markt zu drängen. Sogenannte InsurTech-Unternehmen und branchenfremde Grosskonzerne hätten das Potenzial, erhebliche Marktanteile zu gewinnen. Das Beratungsunternehmen sieht in der Digitalisierung des Versicherungsmarktes aber auch Chancen für die bisherigen Anbieter, sofern diese das Innovationspotenzial mittels Partnerschaften nutzen.

Noch scheinen die Anleger nicht an den Zukunftsaussichten von Zurich Insurance Group, Bâloise oder Helvetia zu zweifeln. Dass die Aktien dieser drei grossen Versicherungskonzerne in den vergangenen zwei Wochen gut 10 Prozent eingebüsst haben, erklärt sich in erster Linie mit dem im Zuge der "Brexit"-Diskussion schwachen Gesamtmarkt.

Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Unterindex für Versicherungswerte beim Swiss Performance Index (SPI) seit Jahresbeginn gut 11 Prozent, seit den Mehrjahreshöchstständen vom März letzten Jahres sogar 15 Prozent verloren hat. Immerhin haben sich die Gewinnerwartungen der im Branchenindex vertretenen Unternehmen in dieser Zeit nicht wesentlich nach unten bewegt.

Die doch sehr düsteren Zukunftsprognosen von Ernst & Young liegen für die Börse vermutlich noch in zu weiter Ferne, um schon heute einen Einfluss auf die Aktienkursentwicklung zu haben.