Schwergewichte ziehen Schweizer Börse in die Tiefe

Kursverluste bei den als krisenresistent geltenden Schwergewichten haben am Donnerstag die Schweizer Börse auf Talfahrt geschickt.
01.12.2016 17:35
Nicht nur er, auch sie taucht: die Schweizer Börse am Donnerstag.
Nicht nur er, auch sie taucht: die Schweizer Börse am Donnerstag.

Trotz starker Konjunkturzahlen aus den USA und aus China und dem anziehenden Ölpreis wagten sich die Anleger nicht aus der Deckung. "Es herrscht Lethargie", sagt ein Händler. Die Marktteilnehmer seien wegen des "Renzirendums" verunsichert. Italien stimmt am Wochenende über Verfassungsänderungen ab.

Der SMI büsst bis Handelschluss 1,2 Prozent auf 7777 Punkte ein. Am Mittwoch war der Leitindex im Sog der anziehenden Ölpreise noch um 0,4 Prozent gestiegen.

Sollte Italien das Verfassungsreferendum ablehnen, könnte eine längere Periode der Unsicherheit nicht nur für Italien, sondern die gesamte Euro-Zone bevorstehen, fürchtet ein Marktteilnehmer. "So falsch wie die Prognosen beim Brexit-Votum und den US-Präsidentenwahlen waren, gehen die Leute bei Italien lieber keine Risiken ein", sagt ein Börsianer.

Zudem hätten die am Freitag bevorstehende Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten und die Auftritte mehrerer führender US-Notenbanker die Aktivitäten zusätzlich gedämpft. Davon erhoffen sich die Anleger Hinweise auf das Tempo der geplanten Fed-Zinserhöhungen. Eine erste Zinserhöhung wird von den meisten Analysten im Dezember erwartet.

Rückzug der amerikanischen Investoren

Den grössten Druck auf den Markt üben die als krisenresistent geltenden und schwergewichteten Pharmatitel Novartis und Roche sowie der Lebensmittelwert Nestlé mit Verlusten bis zu 2 Prozent aus.

"Die amerikanischen Investoren sehen mehr Chancen in ihrem Heimmarkt und ziehen ihre Gelder aus Europa ab", sagt ein Händler. Rund zwei Drittel des SMI entfallen auf "die grossen Drei". "Wenn die Schweiz verkauft wird, leiden halt primär diese Titel", sagt ein anderer Börsianer.

Die Aktien von Actelion setzen den volatilen Kursverlauf fort und notieren nach anfänglicher Schwäche und zwischenzeitlicher Erholung schliesslich um 0,3 Prozent im Minus. "Die Aktie hat seit vergangener Woche wegen Übernahmespekulationen rund ein Drittel an Wert gewonnen. Am Mittwoch resultierte ein Minus von über 6 Prozent. Ein Sprecher des Biotechnologiekonzerns hatte am Vorabend eine Stellungnahme zu einem Bericht abgelehnt, wonach Actelion ein Übernahmeangebot von Johnson & Johnson zurückgewiesen habe.

Syngenta nach News vom künftigen Eigentümer gesucht

Die Aktien von Syngenta legen 1,3 Prozent zu und zählen zu den wenigen Gewinnern im Standardwerteindex. Chem-China will mit Hilfe eines Fonds fünf Milliarden Dollar aufnehmen, um damit einen Teil der Syngenta-Übernahme zu finanzieren, sagten zwei mit den Plänen vertraute Personen zur Reuters-Publikation Basis Point. Der Fonds solle sich an Syngenta beteiligen. Damit könnte Chem-China die Verschuldung infolge der 43 Milliarden Dollar schweren Übernahme verringern.

Die Aktien von Geberit rutschen nach frühen Gewinnen um 1,3 Prozent ab. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen in einem unsicheren Umfeld. "Die Aktie zählt seit Jahren zu den Höhenfliegern und hat sich 2016 um einen Fünftel verteuert", sagt ein Händler.

Die Aktien der Banken zeigen sich mehrheitlich freundlich. Die Aussicht auf höhere Zinsen und damit eine steilere Zinskurve, die ein Bankgeschäft erst wieder ermöglichen würde, sorge für zaghafte Käufe, sagt ein Händler. Die Papiere der Credit Suisse klettern um 3 Prozent nach oben auf 13,92 Franken. Citigroup hat vor dem CS-Investorentag kommende Woche das Kursziel auf 18,20 Franken erhöht und die Kaufempfehlung bestätigt. CS habe zudem noch einen gewissen Kursrückstand zur Konkurrentin UBS, deren Aktie um 0,2 Prozent höher bewertet werden. Die Assekuranzwerte fallen um mehr als 1 Prozent, Swiss Re verlieren 1,6 Prozent. Der Rückversicherer hält am Freitag den Investorentag ab.

Zykliker auf unterschiedlichen Pfaden

Die Aktien zyklischer Firmen tendieren meist schwächer. Die Anteile des Personalvermittlers Adecco, des Prüfkonzerns SGS und des Chemiekonzerns Clariant geben nach.

Dagegen können die Titel des Elektrotechnikkonzerns ABB und des Vakuumspezialisten VAT zulegen. Die Aktien des Zementriesen Lafarge-Holcim und des Luxusgüterherstellers Richemont sacken 1,5 und 2 Prozent ab. Der Uhrenhersteller Swatch verliert 0,6 Prozent.

Am breiten Markt fallen Technologiewerte mit grösseren Kursausschlägen auf. Meyer Burger gewinnen fast 5 Prozent. Der Solarausstatter befindet sich in einer Restrukturierungsphase. Am Freitag entscheiden die Aktionäre über eine Kapitalerhöhung.

(Reuters/cash)