Sind Aktienprognosen vertrauenswürdig?

Anleger hängen an den Lippen von Analysten, wenn es um Aktienprognosen geht. Ob die cash-Leser auch auf die Experten hören - und wie gut oder schlecht die Finanzinstitute für 2014 geschätzt haben, lesen Sie hier.
11.12.2014 01:05
Von Ivo Ruch und Marc Forster
Wohin geht die Reise? Anleger stürzen sich auf Hinweise, wie sich die Finanzmärkte entwickeln könnten.
Wohin geht die Reise? Anleger stürzen sich auf Hinweise, wie sich die Finanzmärkte entwickeln könnten.
Bild: stock.xchng

Bei den Lesern von cash zeigt sich eine gewisse Ambivalenz gegenüber Analystenberichten. Sie lehnen zwar die Empfehlungen von Banken, Vermögensverwaltern und Anlagestrategen grossmehrheitlich ab, wie eine kürzlich durchgeführte online-Umfrage von cash zeigt. 72 Prozent von rund 1500 Teilnehmern geben nämlich an, dass sie bei ihren persönlichen Anlageentscheiden nicht auf Aktienstrategen hören. Nur 28 Prozent sind der Ansicht, dass sich dies lohne.

Die hohe Ablehnung, welche die Umfrage zutage brachte, ist aber insofern erstaunlich, weil cash-Beiträge über Aktien und Anlagen, die mit Expertenstimmen angereichert werden, bei cash erfahrungsgemäss zu den populären Artikeln gehören.

Doch sei's drum: Ist das Misstrauen gegenüber Analysten und Strategen berechtigt? Da lohnt sich ein Blick zurück: Für das Jahr 2014 hatten sich die Schätzungen zur Steigerung der Aktienmärkte auf 5 bis 10 Prozent bewegt, was nicht sonderlich von den Prognosen für andere Jahre abwich. Die Umstände waren vor einem Jahr – wie auch heute – aussergewöhnlich. Aufgrund der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken, welche die Aktienmärkte anschiebt.

Geldpolitik entscheidend

Weil niemand damit rechnete, dass die Notenbanken ihre Zügel 2014 straffen würden, war es für Analysten und Strategen auch nicht allzu schwer, eine gute Trefferquote zu erzielen. Aktien wurden nach den Hausse-Jahren 2012 und 2013 neben hochverzinslichen Anleihen als weit renditeträchtiger angepriesen als Staatsanleihen, Rohstoffe oder Gold. Und so war es denn auch.

2014 jedenfalls hat der SMI 10,4 Prozent zugelegt, der Dow Jones 7,4 Prozent, der S&P 500 gar mit 11,5 Prozent und der Nikkei, zuletzt gestützt von einer nochmals gelockerten Geldpolitik der Bank of Japan, um 9,4 Prozent. Nur in Frankfurt fällt man komplett ab, denn der Dax liegt verglichen mit dem Jahresbeginn nur 2,5 Prozent im Plus.

Beim SMI richtig, beim Dax falsch

Die Schätzungen der Schweizer Banken zum SMI bewegten sich zwischen vorsichtigen 5 Prozent von J. Safra Sarasin oder der St. Galler Kantonalbank und 12,5 Prozent von Julius Bär. Nur Raiffeisen lag völlig daneben mit der Aussage, dass es keine nennenswerten Kursteigerungen geben würde.

Beim Dax zeigten sich die Bankenanalysten auch mehrheitlich zu optimistisch. Aktuell beträgt der Stand des deutschen Leitindexes 9860 Punkte. Relativ nah dran ist die Schätzung der Bank Vontobel, die 9700 Punkte voraussagte. UBS, Credit Suisse, die Zürcher Kantonalbank und Axa Investmentpartners gingen davon aus, dass der Dax zum Teil deutlich über 10'000 Punkten liegen würde.

Verbreitet war Anfang 2014 auch die Warnung vor Schwellenländern. Auch dies sollte sich als richtig erweisen: Der MSCI Emerging Markets Index verlor innert Jahresfrist 3,7 Prozent. Zum Vergleich der MSCI World Index gewann 3,6 Prozent.

Unterschiedliche Motive

Insofern ist das Misstrauen Analysten gegenüber für das Jahr 2014 nicht ganz berechtigt. Eine gewisse Vorsicht und Skepsis gegenüber Berichten von Analysten ist aber bestimmt nicht falsch. Insbesondere wenn diese auf der "Sell Side" eines Finanzinstituts arbeiten, also Researchberichte über Gesellschaften für professionelle Investoren erstellen. Kritiker bezeichnen diese Analysten auch als "Verkäufer": Sie würden durch die öffentliche Verfügbarkeit ihrer Beiträge vor allem Erträge fürs eigene Haus generieren und zu viele Kaufempfehlungen aussprechen. Hinzu kommt, dass Empfehlungen miteinander verglichen werden können. Das begünstigt ein Herdenverhalten.

Als unabhängiger gelten die Berichte von "Buy Side"-Analysten. Diese sind in der Vermögensverwaltung angesiedelt und erstellen Studien, um den Wert der verwalteten Gelder zu steigern. Diese Unabhängigkeit hat einen Grund und einen Nachteil: Sie sind nur für bankinterne Zwecke gedacht und somit nicht öffentlich.