SIX und Euronext - BME-Aktie steigt 38 Prozent: Markt erwartet Bieterschlacht um Spaniens Börse

Glaubt die SIX nicht mehr an eine Einigung zwischen der Schweiz und der EU wegen des Börsenstreits? Die SIX will jedenfalls für 2,8 Milliarden Euro die spanische Börse übernehmen. Doch auch Euronext zeigt Interesse.
18.11.2019 16:14
Von Daniel Hügli
Bringt er den Spanien-Deal noch unter Dach und Fach? SIX-VR-Präsident Romeo Lacher tritt Mitte März ab.
Bringt er den Spanien-Deal noch unter Dach und Fach? SIX-VR-Präsident Romeo Lacher tritt Mitte März ab.
Bild: ZVG

Die Schweizer Börse SIX kündigte am Montag an, den Betreiber des spanischen Handelsplatzes für 2,8 Milliarden Euro kaufen zu wollen. Gleichzeitig buhlt auch die Börse Euronext um die Madrider Börse. Wie die Mehrländerbörse mitteilte, verhandle sie mit dem BME-Verwaltungsrat über ein Übernahmeangebot.

Die SIX bietet den BME-Aktionären 34 Euro je Aktie. Das entspricht einem Aufschlag von einem Drittel im Vergleich zum letzten Schlusskurs, erklärte die Schweizer Börse. Finanzieren will die SIX den Deal zum Teil aus Barreserven. Zudem soll der Kapitalmarkt angezapft werden. Der Schweizer Börsenbetreiber ist bereit, die Börsennotierung der BME selbst bestehen zu lassen.

Die Aktie von BME steigt am Montag bis zu 37,5 Prozent. Das etwas mehr als die Prämie, den die SIX den BME-Aktionären unterbreitet. Und es ist ein Zeichen dafür, dass der Markt eine Bieterschlacht um die spanische Börse erwartet - zwischen der SIX, der Euronext und möglicherweise noch einem weiteren Bieter.

Sollten die gesetzlich vorgeschriebenen Squeeze-out-Schwellen erreicht werden, könne BME von der Börse genommen werden. Das Management der BME habe freundlich auf das Angebot reagiert, sagte SIX-Chef Jos Dijsselhof. "Das ist der richtige Deal zur richtigen Zeit." Die beiden Börsen könnten eine wichtige Rolle in der Konsolidierung der Branche spielen. Euronext betreibt derzeit die Börsen in Amsterdam, Brüssel, Dublin, Lissabon und Paris.

Eine Übernahme der spanischen Börse könnte zur letzten grossen "Tat" werden für SIX- Verwaltungsratspräsident Romeo Lacher. Er tritt am 15. März 2020 von seinem Amt zurück. Nachfolger wird Thomas Wellauer, der bis 2019 Chief Operating Officer von Swiss Re war.

Börsenäquivalenz bislang ohne negative Folgen

Das Interesse der SIX an der spanischen Börse ist auch vor dem Hintergrund der so genannten Börsenäquivalenz zu sehen. Vor viereinhalb Monaten hatte die Europäische Union (EU) die Anerkennung der Schweizer Börse gekappt. Das heisst: Seit dem 1. Juli ist die Schweizer Börsenregulierung nicht mehr gleichwertig mit der europäischen. Marktteilnehmern aus der EU wurde der Aktienhandel an der Schweizer Börse untersagt. Der Bundesrat verbot darauf den Handel von Schweizer Aktien in der EU.

Hintergrund der Auseinandersetzung sind die seit 2014 dauernden Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU über ein institutionelles Rahmenabkommen. Die Börsenäquivalenz wird dabei als Druckmittel eingesetzt. 

Allerdings hatte der Zugangsverlust der SIX zu Europas Finanzmärkten bislang kaum Auswirkungen auf den Handel mit Schweizer Aktien. Die Handelsvolumen in der Schweiz haben zwischen Juli und September zugenommen, die Titel sind liquider geworden, und die Handelsspannen kleiner. Das zeigte eine Auswertung der SIX für die Monate Juli bis September, welche die "Finanz und Wirtschaft" am Samstag veröffentlichte.

Dennoch kann der SIX-Vorstoss nach Spanien so gewertet werden, dass die Schweizer Börse nicht mehr mit einer Einigung zwischen der Schweiz und der EU wegen der Börsenäquivalenz rechnet und sich daher einen Börsenplatz in der EU mit einer lokalen Übernahme sichern will. 

SIX dementiert

Schon Bloomberg berichtete im August unter Berufung auf "gut informierte Kreise", dass die Schweizer Börsenbetreiberin nach einer europäischen Börse Ausschau halten könnte, sollte sich der Verlust der EU-Börsenanerkennung länger hinziehen oder sich die Situation verschärfen. Bereits damals war die Rede von der spanischen BME sowie der Wiener Börse. Der Entscheid, ein Angebot für BME zu lancieren, habe aber nichts mit dem Streit um die Börsenäquivalenz zu tun, betonte das SIX-Management in einer Telefonkonferenz am Montag. 

Überraschend ist der Schweizer Vorstoss allemal. Noch Mitte August 2019 sagte ein SIX-Sprecher gegenüber AWP, dass es für die SIX "keinen Bedarf" gebe, eine Börse zuzukaufen. "Wir sind sehr zufrieden mit den Schutzmassnahmen, die der Bundesrat mit Blick auf den Verlust der EU-Börsenanerkennung festgelegt hat und wissen von keiner möglichen Eskalation in der Äquivalenzdebatte", liess sich ein SIX-Sprecher damals zitieren.

Fakt ist: Durch die Branche der Finanzmarktbetreiber schwappt eine regelrechte Fusions- und Übernahmewelle. So hatte sich die Euronext zuletzt im Übernahmekampf mit der Nasdaq um die Börse in Oslo durchgesetzt und sich die Mehrheit gesichert. Im Oktober gab der Hongkonger Börsenbetreiber HKEX seine 39 Milliarden Dollar schweren Übernahmeplän für den britischen Konkurrenten LSE auf - der seinerseits vor der Übernahme des Datenanbieters Refinitiv für 24 Milliarden Euro steht. Die Deutsche Börse war 2017 mit dem Versuch einer Übernahme der LSE gescheitert.

Die SIX verkaufte im Mai 2018 die SIX Payment Services an das französische Zahlungsverkehrs-Unternehmen Worldline. Im Gegenzug erhielt SIX eine Beteiligung von 27 Prozent an Worldline. Dadurch stieg im Geschäftsjahr 2018 der Konzerngewinn der SIX auf 2,88 Milliarden Franken, nach einem Gewinn von 207,2 Millionen im Jahr 2017. In der Mitteilung vom Montag spricht SIX von "erheblichen liquiden Mitteln in der Bilanz" und "ausreichend ungenutzten Fremdkapitalfinanzierungskapazitäten".

(Mit Material von AWP und Reuters)

 

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