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«SMI fällt nochmals unter 9000 Punkte»

Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff traut der jüngsten SMI-Rallye nicht. Im cash-Börsen-Talk spricht er über Risiken, sagt aber auch, warum er die Rezessionsängste in der Schweiz für übertrieben hält.
24.07.2015 01:05
Von Marc Forster
Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen, im Börsen-Talk vom 24. Juli 2015.
Bild: cash

"Wir sind im sechsten Jahr eines Börsenaufschwungs", sagt Martin Neff im cash-Börsen-Talk. "Im SMI ist alles eingepreist, was an good news einzupreisen ist." Bei 9300 Punkten seien die Konjunkturlage der Schweiz, die Quartalsergebnisse der Unternehmen und die zu erwartende Zinserhöhung in den USA berücksichtigt: "Das heutige Kursniveau ist also gerechtfertigt." Die Erwartungen lägen aber schon hoch, deswegen hält Neff es für wahrscheinlich, dass der Leitindex bis Ende Jahr die 9000-Linie noch einmal unterschreiten werde.

Eine untere Grenze sieht er bei 8700 Punkten, technisch bedingt, wegen den Bewertungen, aber auch deswegen, weil die Märkte immer noch wenig renditeträchtige Alternativen zu Aktien sähen. Auf diesem Niveau bestehe geradezu die Einladung, zu kaufen, vor allem bei gut rentierenden Dividendenpapieren.

Obwohl Raiffeisen zur Minderheit von Schweizer Banken gehört, die bei Aktien untergewichtet sind, sieht Neff einige Titel mit Potential, gerade auch wegen der von ihm erwarteten Korrektur. Er nennt die defensiven Schwergewichte wie Nestlé oder Zurich: "Bei einer Korrektur von fünf, sechs Prozent sind diese wieder ein Kauf." Zykliker mit deutlichem Kursrückgang im Laufe des Jahres wie etwa ABB sieht er auch in einer guten Lage. Auch die Uhrenbranche kann er empfehlen: Die Uhrenexporte hätten sich im ersten Halbjahr positiv entwickelt, deswegen könne er sich nicht erklären, warum etwa Swatch oder Richemont weiter korrigieren sollten.

«Griechen-Deal ist Mogelpackung»

Kritisch sieht Neff die jüngste Aktienrallye nach der vorläufigen Einigung zwischen Griechenland und der Eurozone vom 13. Juli. Während er der Eurozone generell Wachstumskurs voraussagt, lässt Neff am jüngsten Griechenland-Deal kein gutes Haar. Sein Fazit: "Es ist eine weitere Mogelpackung."

Die Kursavancen nach der Einigung auf ein drittes Griechenland-Hilfspaket sieht er am ehesten als Ausdruck einer Erleichterung. Er hält es aber für unrealistisch, dass der Reformkurs in Griechenland von aussen gesteuert werden kann. Das Griechenland-Drama gehe weiter, die Spannungen zwischen Athen und den Gläubigern würden wieder zunehmen. Sicher ist für Neff: "Es geht nicht lange."

Die Frage stelle sich nach dem Zeitpunkt, weil die Raiffeisen-Gruppe im September zusätzlich die schon lange antizipierte Zinserhöhung in den USA erwartet: "Die Finanzmärkte hoffen natürlich, dass in Griechenland nichts passiert, was neue Turbulenzen hervorruft – weil Griechenland aber weiter Schulden zurückzahlen muss, kann es zu einem zeitlichen Zusammentreffen kommen. Das könnte im Spätsommer oder Frühherbst nochmals einen Cocktail geben."

Eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank Federal Reserve von 0,25 Prozent sei in den Futures allerdings schon eingepreist, wobei das nicht zu einem Crash führen dürfte: "Entscheidend ist der Pfad, der danach folgt." Fed-Chefin Janet Yellen müsse gut kommunizieren, da die Risiken hoch seien: "Sollten die Märkte die Erhöhung wieder auspreisen, drohen uns Jahre von Null- oder Negativzinsen, und das ist auch aus Schweizer Sicht nicht good news."

Franken wird eher schwächer

Der Franken-Schock vom 15. Januar "fresse sich" in die verschiedenen Bereiche der Wirtschaft hinein. Zu den Schwarzmalern will sich Neff aber nicht zählen lassen. Der Exportrückgang von 2,6 Prozent (nominal knapp 4 Prozent) im ersten Halbjahr ist für ihn kein "Einbruch". Den "Weltuntergang", den einige seiner Kollegen nach dem 15. Januar prognostiziert hatten, sieht er nicht heraufziehen.

Im ersten Quartal ging das Bruttoinlandprodukt zurück; im zweiten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung stagniert haben, allenfalls ein bisschen gewachsen sein, schätzt Neff. Dies heize natürlich die Rezessionsbefürchtungen an – zwei aufeinanderfolgende Quartale gelten per definitionem als Rezession. "Ich ärgere mich aber, dass wir Ökonomen da so eine Akribie an den Tag legen", sagt Neff dazu. "Das Wort 'Rezession' ist nach dem 15. Januar zu oft bemüht worden", sagt Neff. Der Raiffeisen-Chefökonom glaubt eher an ein Wachstum bei 1,1 Prozent für 2015, während andere Ökonomen Wachstumsraten von rund einem halben Prozent vorhersagen. Für den Normal-Bürger und dessen Lebensstandard seien die Werte hinter der Kommastelle aber nicht so entscheidend.

Von der Nationalbank erwartet Neff in Sachen Euro-Franken-Kurs ein "kontrolliertes Floating", also weitere Interventionen, aber keine neue Kursuntergrenze, weil dies die Glaubwürdigkeit der Währungshüter untergraben würde. "Auf einem Horizont von drei, sechs, sicher zwölf Monaten erwarten wir einen etwas schwächeren Franken gegenüber dem Euro." Einerseits werde die Nationalbank bei einem Kurs von 1,04 bis 1,05 Franken oft aktiv, anderseits ziehe die Eurozonen-Konjunktur an. "In zwölf Monaten ist der Franken zum Euro eher bei 1,10 als bei 1,00 Franken." 

Im cash-Börsen-Talk äussert sich Martin Neff auch zum jüngsten Aktien-Crash in China. Er nimmt eine Einschätzung zum Ausmass für die Weltwirtschaft und die regionale Wirtschaft in Asien vor.