SMI-Prügelknaben fallen ins Bodenlose

Immer neue im Swiss Market Index berücksichtigte Firmen fallen bei den Anlegern in Ungnade - mit Folgen für den jeweiligen Aktienkurs. cash sagt, wo Kaufgelegenheiten schlummern.
22.09.2015 20:05
Von Lorenz Burkhalter
Hatte trotz hoher Dividendenrendite in den letzten Wochen einen schweren Stand: Die Aktie von Swisscom.
Hatte trotz hoher Dividendenrendite in den letzten Wochen einen schweren Stand: Die Aktie von Swisscom.
Bild: Bloomberg

Die Anleger wenden sich von einem Schweizer Grossunternehmen nach dem anderen ab. Jüngstes Opfer der im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Firmen ist Swisscom. Alleine seit Mitte August hat die dividendenstarke Aktie des Berner Telekommunikationskonzerns knapp 15 Prozent eingebüsst. Sie notiert mittlerweile so tief wie seit Januar vergangenen Jahres nicht mehr.

Analysten machen branchenspezifische Gegebenheiten für den jüngsten Kurseinbruch verantwortlich. Entgegen anders lautenden Erwartungen hat der Rivale Salt unter seinem neuen Eigentümer, dem französischen Milliardär Xavier Niel, vor wenigen Wochen eine Preisoffensive gestartet. Ziel dürfte es sein, dem unangefochtenen Marktführer und anderen Anbietern wie Sunrise Communications Kunden abzuwerben.

Obwohl die Aktie von Swisscom inzwischen wieder eine Dividendenrendite von 4,6 Prozent aufweist, trennen sich Anleger reihenweise von ihr. Der Telekommunikationskonzern steht damit stellvertretend für eine immer grösser werdende Anzahl von Unternehmen, welche bei den Anlegern aus was für Gründen auch immer in Ungnade fallen. Die Liste dieser Firmen wird von Tag zu Tag länger.

Schlusslicht Transocean im Zentrum von Spekulationen

Der zweifelhafte Ruf des "Prügelknaben" unter den SMI-Gesellschaften wird Transocean zuteil. Einst als "Spezialität" an der Schweizer Börse angepriesen, hat das auf die Ölförderung auf hoher See spezialisierte Unternehmen mit den Folgen des Ölpreiszerfalls zu kämpfen. Die vor sich hin alternde Förderflotte zwang Transocean in der Vergangenheit mehr als einmal zu ausserordentlichen Wertberichtigungen. Seither sorgt die stolze Verschuldung immer wieder für Spekulationen rund um eine drohende Kapitalerhöhung. Obschon die Aktie über ihrem Tiefstkurs bei 10,55 Franken von Ende August notiert, errechnet sich seit Jahresbeginn ein Minus von 24 Prozent.

In Anbetracht dieser enttäuschenden Entwicklung ist fraglich, wie lange Carl Icahn dem Unternehmen noch die Treue hält. Der berüchtigte amerikanische Milliardär kontrolliert seit Jahren 5,4 Prozent der Stimmen. Ein Einstieg drängt sich bei Transocean aus Anlegersicht nicht auf.

Euphorie rund um die Hochzeit von Lafarge und Holcim verflogen

Einen schweren Stand hatte zuletzt auch die Aktie von LafargeHolcim. Die sich anbahnende Krise in den Schwellenländern haben den neu entstandenen Weltmarktführer für Zement in den vergangenen drei Handelstagen mehr als 8 Prozent seines Börsenwerts gekostet. Mit einem Minus von 21 Prozent seit Anfang Jahr belegt die Aktie im SMI den zweitletzten Rang.

War der hohe Ergebnisbeitrag aus den aufstrebenden Weltregionen bis vor wenigen Monaten noch ein grosser Pluspunkt, wird dieser immer mehr zum Bumerang für das Unternehmen. Zudem musste die anfängliche Euphorie nach der Bekanntgabe des Zusammenschlusses zwischen Holcim und Lafarge einer deutlich nüchterneren Betrachtung weichen. Das gilt nicht nur für die Synergien zwischen den beiden Firmen sondern auch für die zukünftige Dividendenpolitik.

Probleme in den Schwellenländern fordern ihren Tribut

Zu Opfern der Turbulenzen in den Schwellenländern wurden jüngst auch die Aktien von ABB und Swatch Group. Beide Unternehmen erzielen mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes in diesen aufstrebenden Weltregionen. Die am Mittwoch veröffentlichten Schweizer Uhrenexporte für August verfehlten die Analystenerwartungen einmal mehr und verheissen nichts Gutes für Swatch Group. Bei Börsenschluss lag die Inhaberaktie um 3 Prozent unter dem Stand vom Vortag. Seit Jahresbeginn beträgt das Minus sogar 13 Prozent, angeheizt durch Wetten gegen den Westschweizer Uhrenhersteller. Diese liegen bei nicht weniger als 19 Prozent der ausstehenden Titel.

ABB wurde hingegen die hohe Erwartungshaltung im Vorfeld des diesjährigen Investorentags zum Verhängnis. Zwar gab der in Zürich beheimatete Industriekonzern eine organisatorische Neuausrichtung bekannt und kündigte an, strategische Alternativen für den Stromübertragungsbereich in Erwägung zu ziehen. Das schien den Anlegern jedoch nicht zu genügen, büsste die Aktie seither doch gut 9 Prozent ein.

Die solide Bilanz spricht dafür, dass die bei attraktiven 4,2 Prozent liegende Dividendenrendite auch in Zukunft beibehalten, wenn nicht sogar ausgebaut werden kann. Geduld dürfte sich für die Aktionäre deshalb vermutlich ausbezahlt machen. Zudem sitzen die Anleger mit den Beteiligungsgesellschaften Investor AB und Cevian Capital im selben Boot. Da die beiden Grossaktionäre gemeinsam 14,5 Prozent der Stimmen halten, sind auch sie daran interessiert, Geld mit ihren Engagements zu verdienen.

Dividendenrendite bietet keinen Schutz

Wie ABB und Swisscom hebt sich die Zurich Insurance Group grundlegend von anderen Unternehmen aus dem SMI ab: Mit 6,9 Prozent weist die Aktie des Versicherungskonzerns eine überdurchschnittlich attraktive Dividendenrendite auf.

Das hielt die Anleger in den letzten Tagen jedoch nicht davon ab, sich im grossen Stil von diesen Titeln zu trennen. Nach zwei enttäuschenden Quartalsergebnissen in Folge musste der Versicherungskonzern jüngst eine Verschlechterung der Geschäftsentwicklung im Schadensversicherungsbereich einräumen. Die Börse reagierte umgehend und strafte die Aktie mit einem Rückschlag um knapp 8 Prozent innerhalb von drei Handelstagen ab.

Zumindest etwas Gutes haben die hausgemachten Probleme: Das Unternehmen hat die Übernahmeverhandlungen mit dem britischen Rivalen RSA erfolglos aufgegeben. Über die reguläre Dividende von 17 Franken je Titel hinaus winkt den Aktionären nun eine satte Sonderdividende oder ein gewinnverdichtendes Aktienrückkaufprogramm. Denn um das Ziel einer operativen Eigenkapitalrendite von 12 bis 14 Prozent erreichen zu können, muss der Versicherungskonzern 3 Milliarden Dollar an Überschusskapital an die Aktionäre zurückführen.

Der Kurszerfall bei Zurich Insurance Group, Swisscom und ABB zeigt, dass auch eine hohe Dividendenrendite nicht wirkungsvoll vor Rückschlägen schützt. In allen drei Fällen darf aber auf Jahre hinaus mit einer stabilen Ausschüttung gerechnet werden. Dividendenhungrigen Anlegern bieten sich diese Aktien deshalb geradezu an. Fündig werden sie zudem bei den ebenfalls im SMI vertretenen und zuletzt stark nach unten bezahlten Valoren von Givaudan und SGS.