SMI-Schwergewicht - Nestlé-Zahlen spielen oppositionellem Aktionär in die Hände

Das Wachstum bei Nestlé beschleunigt sich, verfehlt aber dennoch die Erwartungen. Analysten geben sich enttäuscht. Nach anfänglichen Kursverlusten stabilisiert sich die Aktie des Nahrungsmittelkonzerns.
27.07.2017 14:09
Von Lorenz Burkhalter
Der Druck auf Nestlé-Chef Mark Schneider könnte nach der Ergebnisenttäuschung zunehmen.
Der Druck auf Nestlé-Chef Mark Schneider könnte nach der Ergebnisenttäuschung zunehmen.
Bild: ZVG

Die gute Nachricht zuerst: Das organische Umsatzwachstum von Nestlé nahm im zurückliegenden zweiten Quartal etwas an Fahrt auf. Allerdings hatten sich Analysten mehr erhofft. Kommt dazu, dass der traditionsreiche Nahrungsmittelkonzern aus Vevey in den ersten drei Monaten dieses Jahres so langsam wuchs wie seit über zehn Jahren nicht mehr.

Mit einem organischen Umsatzplus von 2,3 Prozent nach sechs Monaten erfährt die Hoffnung auf eine Erhöhung der diesjährigen Zielspanne von 2 bis 4 Prozent für das organische Umsatzwachstum einen ziemlichen Dämpfer. Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen selber neuerdings denn auch mit einem Wachstum am unteren Ende der Prognosenspanne.

Auch auf den Stufen operativen Gewinn (EBIT) und Reingewinn weiss der Zahlenkranz nicht zu überzeugen. Die jeweiligen Analystenerwartungen werden ebenfalls verfehlt.

Nachdem die Nestlé-Aktie an der Schweizer Börse SIX kurz nach Handelsbeginn bis auf 80,30 Franken abtauchte, verliert sie zur Stunde noch 0,2 Prozent auf 82,15 Franken.

Sichtlich enttäuscht zeigt sich der für die UBS Investmentbank tätige Analyst. Wie er in einer ersten Stellungnahme schreibt, verfehlt das vorliegende Ergebnis die Erwartungen nicht nur beim organischen Wachstum, sondern auch bei der Margenentwicklung. Der Autor führt diese Kombination auf die schwindende Preisgestaltungsmacht von Nestlé zurück.

Ein Halbjahr "zum Vergessen"

Das Unternehmen selber rechne auf das Gesamtjahr betrachtet neuerdings denn auch mit einem organischen Umsatzwachstum am unteren Ende der Zielbandbreite von 2 bis 4 Prozent und einer gehaltenen Entwicklung der operativen Marge zu konstanten Wechselkursen.

Nach dem starken Abschneiden der Nestlé-Aktie in den letzten Wochen hält der UBS-Analyst zwar sowohl an seiner Kaufempfehlung als auch am 12-Monats-Kursziel von 91 Franken fest. Dennoch rechnet er mit einer negativen Reaktion auf den vorliegenden Zahlenkranz.

Die Nestlé-Aktie arbeitet sich nach einer frühen Kursschwäche langsam nach oben (Quelle: www.cash.ch)

Klare Worte findet auch sein Berufskollege bei der Bank Vontobel. Seines Erachtens sind die ersten sechs Monate ein "Halbjahr zum Vergessen", liegen doch alle wichtigen Kennzahlen unter den Erwartungen und zeigen gar eine Verschlechterung. Wie er weiter schreibt, steht das Unternehmen im Hinblick auf den diesjährigen Investorentag vom September nun in der Pflicht. Es müsse die Aktionäre nun davon überzeugen, dass es in der Lage sei, das Wachstum zu beschleunigen und die Rentabilität zu steigern. Auch bei der Bank Vontobel wird die Nestlé-Aktie zum Kauf empfohlen. Das Kursziel lautet gar 96 Franken.

Wie der für Kepler Cheuvreux tätige Nahrungsmittelanalyst ergänzt, verfehlt Nestlé die Erwartungen auch in Bezug auf die operative Barmittelgenerierung. Dafür verantwortlich sei ein Anstieg beim Umlaufvermögen, so lässt er durchblicken. Noch hält der Experte allerdings an seiner Kaufempfehlung sowie am Kursziel von 95 Franken fest.

Erhält der oppositionelle Grossaktionär nun endlich Zustimmung?

Ziemlich genau einen Monat ist es her, dass sich der für seine aktive Einflussnahme bei Unternehmen bekannte Finanzinvestor Third Point als neuer Nestlé-Aktionär zu erkennen gab und in einem offenen Schreiben konkrete Forderungen stellte. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierte der Hedgefonds des US-Milliardärs Dan Loeb über Aktien und Derivate gerademal 1,3 Prozent der Stimmen.

Unser cash Insider glaubt sogar, dass das durchwachsene Halbjahresergebnis dem neuen Grossaktionär in die Hände spielen könnte. In Anbetracht der Wachstumsflaute dürften sich andere namhafte Anteilseigner hinter Third Point stellen, so sagt er.

Wie der für Baader-Helvea tätige Analyst schreibt, hat der Druck auf Nestlé-Chef Mark Schneider im Zuge des schwachen Resultats weiter zugenommen. Er erhofft sich grössere strategische Veränderungen und geht davon aus, dass das Unternehmen am diesjährigen Investorentag zusätzliche Massnahmen zur Verbesserung des Wachstumsprofils und der Margenentwicklung vorlegen wird. Deshalb hält der Experte sowohl am "Buy" lautenden Anlageurteil als auch am Kursziel von 88 Franken fest.