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SMI-Schwergewicht - Was steckt hinter dem neuen Rekord der Nestlé-Aktie?

Schon seit Tagen steigt die als träge bekannte Nestlé-Aktie kräftig. Die jüngsten Kursrekorde überraschen, lassen sich allerdings erklären.
09.05.2017 16:11
Von Lorenz Burkhalter
Auf ihm ruhen viele Anleger-Hoffnungen: Mark Schneider, CEO Nestlé.
Auf ihm ruhen viele Anleger-Hoffnungen: Mark Schneider, CEO Nestlé.
Bild: ZVG

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé wird gerne mit einem nur schwer steuerbaren Öltanker verglichen. Deshalb haftet dem grössten unter den drei Schwergewichten aus dem Swiss Market Index (SMI) schon seit Jahren der Ruf an, träge und langweilig zu sein.

Doch in den vergangenen Tagen war die Aktie weder langweilig noch träge. Am Montagnachmittag stieg ihr Kurs im Zug einer Heraufstufung europäischer Nahrungsmittelaktien durch die amerikanische Investmentbank J.P. Morgan in der Spitze bis auf 80,65 Franken - ein neuer Rekord. Im Wochenvergleich errechnet sich ein Plus von 4,2 Prozent, seit Jahresbeginn sogar eines von mehr als 13 Prozent. Damit kann die Aktie zumindest mit dem um Dividendenabgänge bereinigten SMI Schritt halten.

Neue Höchstkurse trotz Beschränkungen im SMI

Das überrascht, denn bei Nestlé spräche einiges für eine rückläufige Kursentwicklung. Einerseits sind die defensiven Qualitäten des Nahrungsmittelkonzerns aus Vevey, namentlich die weitestgehend von der Konjunktur unabhängige Geschäftsentwicklung und die schon seit Jahren zuverlässige Dividendenpolitik, kaum gefragt. Zu gut sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa. Und andererseits ist seit Freitag bekannt, dass die Nestlé-Aktie im SMI beschnitten werden. Bis Mitte September wird ihre Gewichtung in mehreren Schritten von aktuell 23,13 auf den zukünftigen Maximalwert von 18 Prozent zurückgefahren.

Rein rechnerisch müssen sich indexorientierte Anleger sowie die Anbieter strukturierte Produkte und börsengehandelter Indexfonds bis dahin von knapp 68 Millionen Aktien trennen. Das entspricht rund 15 durchschnittlichen Tagesvolumen.

Beschleunigt sich das Wachstum schon bald?

Kommt dazu, dass der Umsatz beim Nahrungsmittelkonzern im zurückliegenden ersten Quartal so langsam gewachsen ist wie seit zehn Jahren nicht mehr. Mit 2,3 Prozent übertraf das organische Wachstum die bei 2 Prozent liegenden Markterwartungen zwar leicht. Allerdings galten diese Wachstumserwartungen nicht gerade als sehr ambitioniert.

Die Nestlé-Aktie (rot) im 12-Monats-Vergleich mit dem dividendenbereinigten SMI (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Die Umsatzentwicklung dürfte die Talsohle im zurückliegenden ersten Quartal durchschritten haben, so ist man sich in Analystenkreisen einig. Nestlé selber strebt im laufenden Jahr ein organisches Umsatzwachstum zwischen 2 und 4 Prozent an. Mit 3,5 Prozent liegen die Markterwartungen nach den ersten drei Monaten am oberen Ende dieser Zielbandbreite.

Die Aktie ist kein Schnäppchen mehr

Neben einer Belebung bei der Umsatzentwicklung begründen Analysten ihre Kaufempfehlungen für die Nestlé-Aktie auch mit einer möglichen Beschleunigung der Sparmassnahmen und Veränderungen im Beteiligungsportfolio unter dem neuen Konzernchef Mark Schneider. Während seiner Zeit beim früheren Arbeitgeber Fresenius hat sich dessen Börsenwert mehr als verzehnfacht. Das sorgt nun (endlich) für Fantasie.

Wirklich günstig ist die Aktie nach dem jüngsten Kursanstieg jedoch nicht mehr. Auf Basis der nächstjährigen Markterwartungen errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 22,5. Anleger waren noch nie bereit, so tief in die Tasche zu greifen. Mit 3 Prozent liegt die Dividendenrendite unter jener der beiden anderen SMI-Schwergewichte Roche und Novartis.

Deutlich höhere Kurse sind deshalb nur dann möglich, wenn sich der traditionsreiche Nahrungsmittelkonzern über die nächsten Jahre neu ausrichtet und sich von margen- und wachstumsschwachen Geschäftsbereichen trennt. Ein Signal könnte der letzte Woche bekannt gegebene Verkauf von verschiedenen Nestlé-Tiefkühlkostmarken in Italien an die deutsche Frosta gewesen sein.