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«SNB-Entscheid ist richtig»

Die Nationalbank konnte den Franken-Mindestkurs auf die Dauer nicht aufrechterhalten. Diese Einschätzung trifft Thomas Steinemann, Anlagechef der Bank Bellerive. Daher hätten die Währungshüter richtig gehandelt.
15.01.2015 16:30
Von Marc Forster
Thomas Steinemann, Bellerive-Anlagechef, im cash-Börsen-Talk.
Bild: cash

Mit dem Arsenal der Notenbanken könnten die Probleme auf die Dauer nicht gelöst werden: Deswegen begrüsst Steinemann im cash-Börsen-Talk die überraschende Aufhebung der Kursuntergrenze zum Euro durch die Schweizerische Nationalbank (SNB): "Er ist das realistische Eingeständnis, dass Geldpolitik nicht alles erreichen kann." 

Die Entscheidung der Nationalbank, nach deren Bekanntgabe der Euro-Franken-Wechselkurs kurzzeitig auf rund 85 Rappen fiel und der sich nun in der Gegend der Parität befindet, ist von Teilen der Politik und auch von Wirtschaftsvertretern stark kritisiert worden (cash berichtete). Steinemann verteidigt indessen das Vorgehen der Währungshüter: SNB-Präsident Thomas Jordan habe darauf hingewiesen, dass die Schweizer Wirtschaft nicht auf Dauer von einer milden Währungssituation profitieren könne. 

Kritik an EZB und Japan

"Seit 1973, als wir zu freien Wechselkursen übergegangen sind, hat sich der Franken aufgewertet." Für die Wirtschaft sei die starke Währung keine völlig ungewohnte Situation, auch wenn das Ende des Mindestkurses die Exportwirtschaft natürlich weiter unter Druck bringe. Gegen Interventionen bei Spitzen in der Währungsentwicklung sei nichts einzuwenden - die SNB werde sicherlich auch weiter am Devisenmarkt aktiv sein, sagt Steinemann. "Es ist davon auszugehen, dass wir damit wieder eine Geldpolitik haben werden, wie sie früher angewandt wurde. So sollte eine Geldpolitik auch funktionieren." 

Die SNB stelle indirekt auch die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frage, die Spekulationen zufolge schon in der kommenden Woche ein grosses Anleihenkaufprogramm lancieren will: "Ich bin nicht der Meinung, dass Staatsanleihenkäufe angesichts der tiefen Zinsen eine sinnvolle Massnahme sind", so Steinemann. Auch die Bank von Japan halte an einer solchen Politik fest, dafür sei in den USA mit einer allmählichen Straffung der Geldpolitik auch bereits etwas Realismus eingekehrt. "Die SNB geht hier aber voraus."

Markt reagiert verwirrt

Ein geldpolitischer Schritt grossen Ausmasses kann eine Notenbank laut Steinemann nur überraschend bekanntgeben - auch er selbst sagt, die Ankündigung sei für ihn sehr unerwartet gekommen. Als Folge des SNB-Communiqués um 10.30 Uhr kam es sofort zu massiven Kursstürzen an der Schweizer Börse: "Der Markt wurde auf dem völlig falschen Fuss erwischt." 

Die Anleger hätten zunächst überreagiert, sagt Steinemann: Besonders deutlich abgestraft wurden Aktien von Unternehmen, die einen grossen Teil ihres Umsatzes in Fremdwährungen erwirtschafteten. Auch die Versicherungen im SMI haben stark gelitten: "Unsere Blue Chips sind natürlich sehr international aufgestellt." Eine Ausnahme bilde Swisscom, ein stark aufs Inland fokussierter Konzern. Der Markt werde nun aber analysieren, wie stark die Fremdwährungsbelastungen in den einzelnen Unternehmen seien.
 
Unbesehen von der Aufregung, die der SNB-Mindestkursentscheid ausgelöst hat, erwartet Steinemann in den nächsten Wochen gute Zahlen von den Versicherungen wie Zurich oder Swiss Re: "Wir halten dies für eine interessante Branche." Weniger rosig sieht er die Lage in der Luxusgüterbranche, davon seien insbesondere Richemont und Swatch betroffen. 
 
Im cash-Börsen-Talk äussert sich Thomas Steinemann auch zur Ausweitung der Negativzinsen und zu den Folgen, die der SNB-Entscheid zur Aufhebung der Mindestgrenze für die beginnende Berichtssaison hat.