SNB-Vize Fritz Zurbrügg: «Das Zinsrisiko ist gestiegen»

Die Schweizer Grossbanken brauchen zusätzliches Kapital, so das Urteil der SNB. Vizepräsident Fritz Zurbrügg äussert sich im cash-Video-Interview zu Massnahmen und zur Situation auf dem Hypothekenmarkt.
17.06.2016 00:05
Von Ivo Ruch
Fritz Zurbrügg ist Direktionsmitglied der Schweizerischen Nationalbank.
Bild: cash

Einmal im Jahr veröffentlicht die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre Sicht auf die Schweizer Finanzstabilität. Dabei stets im Fokus: Die Grossbanken. Das Fazit des diesjährigen Berichts lautet vereinfacht: Die Stabilität von Credit Suisse und UBS hat sich zwar verbessert, weitere Massnahmen sind aber notwendig. 

"Der Kontext für die Grossbanken ist schwierig. Die Märkte sind im Moment sehr nervös. Die tiefen Zinsen sind auch kein optimales Umfeld. Aber alles in allem muss man sehen, dass sie ihr Kapital und ihre Widerstandskraft erhöhen konnten", sagt Fritz Zurbrügg, SNB-Vizepräsident, im cash-Video-Interview, am Donnerstag anlässlich der geldpolitischen Lagebeurteilung der SNB in Bern.

Um die Anforderungen der verschärften "Too big to fail"-Gesetzgebung zu erfüllen, brauchen die Grossbanken laut SNB-Bericht je rund 10 Milliarden Franken an zusätzlichem Eigenkapital bis im Jahr 2020. Dies sollten beide Banken laut der Notenbank zum grössten Teil mit Ausgabe weiterer sogenannter "CoCo-Bonds" erreichen können, also mit Anleihen, die bei einer Unterschreitung von gewissen Kapitalquoten automatisch in Eigenkapital gewandelt werden.

"Wir haben festgestellt, dass wir noch etwas zulegen müssen, um im Kreis der bestregulierten 'Too big to fail'-Banken anzukommen. Mit der Revision wird dieses Ziel 2020 erreicht sein", sagt Zurbrügg, der innerhalb des SNB-Direktoriums für den Stabilitätsbericht zuständig ist. Wie die Schweizer Banken in Bezug auf risikogewichtete Aktiva im internationalen Vergleich dastehen, zeigt der nächste Chart.

Börse rechnet mit Bankaktien ab

Doch mit "Cocos" Geld frisches Geld aufzunehmen, kann unter Umständen schwierig sein. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass der Markt dafür rasch an Attraktivität verliert, wenn Banken schlechte Resultate vorlegen, das Wirtschaftswachstum stockt oder die Finanzmärkte abstürzen. Im Februar war sogar von einer "Coco-Krise" die Rede. "In der Zwischenzeit ist der Markt wieder aktiver. Daher ist dieses Instrument einsetzbar", sagt Zurbrügg.

Gerade an der Börse ist das Umfeld für die beiden Grossbanken derzeit sehr garstig. CS und UBS sind mit grossem Abstand die schlechtesten SMI-Aktien des laufenden Jahres, wobei die CS auf dem tiefsten Stand seit 25 Jahren notiert.

Zurbrügg stellt in Abrede, dass die neuen Kapitalempfehlungen die Bankaktien zusätzlich unter Druck setzten: "Ein Aktienkurs wird von so vielen Faktoren beeinflusst. Viele Bankaktien sind unter Druck. Das kann man nicht mit unserem Bericht in Verbindung bringen. Wir hatten Entscheide der Fed und der Bank of Japan, die beide ihren 'wait and see'-Modus fortführen. Dieser Kontext ist sehr schwierig."

Fluch und Segen von Hypotheken

Für viele kleinere, auf das Inland fokussierte Finanzinstitute sieht die Situation hingegen einiges besser aus. Mitverantwortlich dafür ist ihre starke Position im Hypothekengeschäft, das in den letzten Jahren laufend gewachsen ist.

"Hypotheken sind das Grundbusiness der inlandorientierten Banken. Weil sie im Umfeld tiefer Margen noch Gewinn machen wollen, sind die sehr aktiv, was das Volumen betrifft", so Zurbrügg. Die SNB gibt weiterhin keine Entwarnung für diesen Markt. Denn bei den Inlandbanken zeigt sich keine Verlangsamung des Hypothekargeschäfts: 2015 ist das Hypothekarvolumen erneut um 4,3 Prozent angestiegen, womit es klar über dem BIP-Wachstum lag.

Risikopotenzial sieht die SNB bei der Tragbarkeit von Wohneigentum im Falle steigender Zinsen. "Das Zinsrisiko ist angestiegen. Bei tiefen Zinsen werden auch die Margen unter Druck bleiben. Wenn es bei den Zinsen und den Liegenschaftspreisen zu einer Korrektur kommt, muss genügend Kapital vorhanden sein, um dem standzuhalten", sagt Zurbrügg.

Auch dürfte der Preisdruck im Immobilienmarkt weiterhin hoch bleiben, solange sich die Zinssätze nicht wieder normalisierten - womit sich auch das Risiko eines künftigen starken Preisrücksetzers bei einem Wiederanstieg der Zinsen erhöhe.

Momentan deutet wenig auf eine baldige Zinssteigerung hin. Der Markt geht vielmehr von noch lange anhaltenden Mini-Zinsen aus. Viele Festhypotheken sind in den letzten Wochen gar auf neue Tiefststände gesunken. Eine zehnjährige Finanzierung kostet im Durchschnitt gar nur noch 1,44 Prozent.

Im Video-Interview mit cash äussert sich SNB-Vize Fritz Zurbrügg zudem über die gross angelegte Kampagne für die neue 50er Note.

cash-Redaktor Ivo Ruch im Gespräch mit SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg.