So gehts mit den Rohstoff-Preisen weiter

2015 war bislang das Jahr von spottgünstigem Rohöl und - eigentlich jeder Logik widersprechend - immer billigerem Gold. Lesen Sie, wie sich diese und andere Rohstoffe im restlichen Jahr noch entwickeln werden.
24.07.2015 01:00
Von Pascal Züger
Eine Kakao-Plantage in der Nähe von Comalcalo in Mexiko.
Eine Kakao-Plantage in der Nähe von Comalcalo in Mexiko.
Bild: Bloomberg

Die Preise in der Rohstoffbranche purzeln: Der Bloomberg-Commodity-Index, welcher die Entwicklung 22 verschiedener Rohstoffe abbildet, büsste im laufenden Jahr bereits 8,4 Prozent an Wert ein. Allein diesen Monat ging der Index 5,9 Prozent talwärts und befindet sich nun auf dem tiefsten Stand seit Juni 2002.

Gemäss Norbert Rücker, Rohstoffexperte von Julius Bär, hat vor allem der starke Dollar zu den niedrigen Rohstoffpreisen geführt. Und auch Bedenken bezüglich des China-Wachstums würden einen Preisdruck ausüben. "Gibt es nach dem Börsensturz in China einen Spillover auf die Realwirtschaft?", diese Frage beschäftige die Märkte, sagt Rücker.

Zu den Profiteuren der tiefen Rohstoff-Preise gehören Länder wie die Schweiz, USA, Indien und in einem gewissen Masse auch China. "Generell gesagt sind die Konsumenten die grossen Gewinner der gegenwärtig tiefen Rohstoffpreise, während rohstoffabhängige Länder Probleme bekommen könnten", so Rücker. Auch in der zweiten Jahreshälfte erwartet der Experte von Julius Bär keine grosse Erholung der Rohstoffpreise.

Das ist von den einzelnen Rohstoff-Sektoren bis zum Jahresende zu erwarten:

Edelmetalle: Etwas an Glanz verloren

In Krisenzeiten sich mit Gold zudecken ist eine alte Anleger-Weisheit, die sich auch in der weltweiten Finanzkrise und in der europäischen Schuldenkrise bewahrheitete. Doch der "Notgroschen" scheint inzwischen ausgedient zu haben: Der Goldpreis gerät in immer tiefere Sphären, trotz Dauerkrise in Griechenland und dem chinesischen Börsencrash. Nach einem abrupten Kurssturz auf 1086 Dollar je Feinunze Gold wurde am Montag gar ein Fünfjahrestief erreicht.

Gold gilt auch als Schutz vor hoher Inflation –von einer solcher ist derzeit aber weit und breit nichts zu sehen. Im Gegenteil: Viele Länder kämpfen gegen eine Deflation. Ökonomen von der Bank M.M. Warburg raten aufgrund der aktuellen Entwicklungen davon ab, in Gold zu investieren, ausser man sei "Anhänger von Weltuntergangsszenarien". Anders sieht es die Saxo Bank: Sie empfehlen Gold als langfristige Investition und gehen bis Ende Jahr von einer Stabilisierung des Goldpreises aus.

Auch der Silberpreis hat seit Jahresbeginn an Wert eingebüsst: Minus 5,3 Prozent. In den letzten 12 Monaten sind es gar 30 Prozent Wertverlust. Dank technischem Fortschritt im Photovoltaik-Sektor benötigen Hersteller von Solarzellen weniger Silber. Vor allem in China stagniert die Silbernachfrage deswegen stark. Auch Privatanleger halten sich mit dem Silberkauf zurück. Die ZKB erwartet in den nächsten Monaten einen Seitwärtsverlauf des Silberkurses.

Doch es gibt noch andere Edelmetalle, deren Aussichten nicht ganz so düster sind: "Palladium und Platin haben Potential, da sie bei der Autoherstellung verwendet werden und die globalen Autoverkäufe weiterhin erstaunlich robust sind", sagt Rohstoff-Experte Rücker von Julius Bär.

Energie: Iran sorgt für mehr Öl

Die Ölpreise haben sich nach dem Tief Mitte Januar zwischenzeitlich wieder etwas erholt und sind aktuell mit etwas über 56 Dollar pro Fass (Sorte Brent) ungefähr auf dem Stand vom 1. Januar. Die sich abzeichnende Einigung im Atomstreit führt zur Aussicht auf steigende Ölexporte aus dem Iran – was Druck auf den Ölpreis ausübt. Iran zählt zu den wichtigsten Ölförderländern, musste die Produktion aber wegen der Sanktionen drosseln.

Wenig deutet auf stark steigende Öl-Preise hin: Das Angebot des Ölkartells Opec und der USA bleibt hoch, die Nachfrage wird von Analysten allenfalls als moderat bezeichnet. Das Überschussangebot setzt die Weltmarktpreise unter Druck. Hinzu kommt der starke Dollar, der Rohöl für viele Investoren verteuert und damit auf die Nachfrage drückt. Rücker von Julius Bär erwartet bis Ende Jahr eine ganz leichte Erholung des Rohölpreises der Sorte Brent auf über 60 Dollar pro Fass.

Industriemetalle: Zu viel Aluminium, zu wenig Zink

Rund die Hälfte der weltweiten Aluminiumproduktion entfällt auf China. Das Land produziert deutlich über dem eigenen Bedarf und exportiert deshalb Aluminium in grossen Mengen – letztes Jahr waren es 4,3 Millionen Tonnen. Seit dem 1. Mai diesen Jahres hat die chinesische Regierung die 15-prozentige Exportsteuer auf Aluminium-Exporte fallen gelassen. Als Folge purzelten die Aluminium-Preise. In China zeichnen sich Kapazitätserhöhungen ab, gleichzeitig schliessen Aluminiumschmelzen ausserhalb des Landes, da sie nicht mehr profitabel betrieben werden können. Die ZKB geht 2015 von einem preisdämpfenden Angebotsüberschuss aus und erwartet in der Tendenz weiterhin leicht fallende Preise.

Zink gilt derzeit als das Metall mit der grössten Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Von Afrika bis Irland sind Minen, die das Metall über Jahrzehnte lang produziert haben, ausgebeutet. Morgan Stanley prognostiziert, dass bis zum Jahr 2017 mehr als 1,2 Millionen Tonnen des jährlichen Minen-Angebots aus der Produktion herausfallen. Das ist mehr als die USA in einem Jahr benötigen. Im Gegensatz zum Aluminium ist das Angebot an Zink eher zu gering, was den Preis in der zweiten Jahreshälfte nach oben treiben könnte.

Agrargüter: Mutter Natur bestimmt das Angebot

Wetterbedingt dürfte das Angebot von Baumwolle in den USA, in Indien und in China zurückgehen. Gleichzeitig sind jedoch die Lagerbestände sehr hoch und eine neue Baumwollpolitik Chinas, die weniger auf Importe setzt, reduziert die Nachfrage auf dem Weltmarkt. Alles in allem dürfte der Preis für Baumwolle kurzfristig mehr oder weniger stabil bleiben. Mittelfristig sieht die ZKB jedoch eine Aufwärtstendenz beim Baumwolle-Preis.

Auch beim Kakao führt ein erwartetes Angebotsdefizit infolge von Naturereignissen zu steigenden Preisen, welche auch in der zweiten Jahreshälfte noch weiter nach oben drücken könnten. Ähnlich ergeht es dem Mais, Weizen und Zucker. Die Preise für diese drei Agrargüter könnten sich nun "stabilisieren, oder sogar leicht anziehen", ist Norbert Rücker von Julius Bär überzeugt.

Anders der Preis für Kaffee: Dieser erreicht Ende Mai einen langjährigen Tiefststand aufgrund von guten Ernteerwartungen. Der Preis tendiert weiterhin eher nach unten als oben.

Entwicklung der Rohstoffpreise

Rohstoff Performance seit 1.1. (in %) Tendenz 2. Halbjahr
Baumwolle +10,0 seitwärts
Kakao +9,1 aufwärts
Mais +2,7 seitwärts
Rohöl -0,6 seitwärts
Silber -5,5 seitwärts
Gold -7,2 seitwärts
Zink -8,5 aufwärts
Aluminium -10,8 abwärts
Weizen -11,1 seitwärts
Platin -18,2 aufwärts
Palladium -21.2 aufwärts
Kaffee -22,2 abwärts
Zucker -26,7 seitwärts

Daten: cash.ch, finanzen.ch und ZKB, Stand 23.07.2015, 14:30 Uhr