So zocken Schweizer Mieter die Touristen ab

Die Bettenvermittlungs-Plattform Airbnb wächst weiterhin - und das zumeist aus einfachem Grund. Immer mehr Schweizer entdecken, wie sie mit überhöhten Preisen ihre Mietwohnungen finanzieren können.
24.09.2013 09:24
Von Pascal Meisser
«Zimmer frei» - zu überhöhten Preisen.
«Zimmer frei» - zu überhöhten Preisen.
Bild: iNg

Seit der Zürcher Luca Meili* die Internetplattform Airbnb entdeckt hat, macht er sich kaum noch Gedanken um seine monatliche Mietrechnung - obwohl seine Viereinhalbzimmer-Wohnung, die er zusammen mit seiner Freundin bewohnt, im teuren Herzen der Limmatstadt liegt. 2500 Franken kostet die Wohnung monatlich, doch das junge Paar hat ein einfaches Rezept, um die hohen Fixkosten zu decken: Sie vermieten über Airbnb ein Zimmer tageweise an Touristen zu rund 100 Franken pro Nacht. Bei einer durchschnittlichen Auslastung pro Monat von gut 80 Prozent fliessen so Monat für Monat gegen 2400 Franken zu.

Luca Meili ist in bester Gesellschaft: Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer haben dieses Business entdeckt und öffnen bei Airbnb Fremden ihre Haustür gegen Bezahlung. Alleine in den letzten sechs Monaten hat sich gemäss Airbnb-Homepage die Zahl der Anbieter um 50 Prozent auf 3047 erhöht - und ein Ende ist nicht in Sicht.

60 statt 100 Franken

Kein Wunder bei dem einträglichen Geschäft, das zusätzlich neue Kontakte zu Leuten aus aller Welt ermöglicht. Denn nur die allerwenigsten halten sich bei der Preisgestaltung an die Richtlinien, die der Schweizerische Mieterinnen- und Mieterverband herausgibt. Diese geben vor, dass der Preis für die Untermiete in einem "objektiv begründbaren Verhältnis zum Hauptmietzins stehen". In der Regel wird die anteilsmässig benützte Fläche für die Berechnung der Untermiete herbeigezogen. Dazu kommt ein höchstens 20-prozentiger Aufschlag für die Benützung des Mobiliars sowie Zuschläge für gemeinsam benutzte Räume wie Küche, Bad oder Toilette. 

Im Fall von Luca Meili sähe die Rechnung folgendermassen aus: Bei einer monatlichen Miete von 2500 Franken und einer Fläche von 100 Quadratmetern dürfte Meili für ein 15 Quadratmeter grosses Gästezimmer 12,50 Franken verlangen. Selbst wenn man grosszügige Zuschläge für die Mitbenützung von anderen Räumen sowie den Aufwand für die Reinigung einkalkuliert, ist ein Zimmerpreis pro Nacht von über 60 Franken kaum gerechtfertigt sein. 

Doch kaum jemand hält sich an diese Richtlinien, wie ein Blick auf die Homepage von Airbnb zeigt. In Zürich, Basel und Luzern liegen gerade mal 20 Prozent aller angebotenen Privatzimmer unter 60 Franken. Alle anderen sind teilweise deutlich teurer als 100 Franken und befinden sich damit nur noch knapp unter den Tarifen von günstigen Hotelzimmern. In Luzern sind auf Online-Plattformen günstige Drei-Stern-Hotels inklusive Frühstück bereits ab 129 Franken buchbar.

Gegenbeispiel ist ausgerechnet Bern, wo günstige Hotels rar sind. In der Bundeshauptstadt liegen über 40 Prozent der angebotenen Zimmern unter 60 Franken und damit etwa ähnlich teuer wie eine Übernachtung in der lokalen Jugendherberge.  

Offenbar ist in der restlichen Schweiz die Nachfrage nach Zimmern so gross, dass sich die Anbieter es leisten können, den Preis auf einem höheren Niveau festzusetzen. In der Zürcher Jugendherberge, die am Stadtrand in Wollishofen liegt, kostet ein Einzelzimmer mit Frühstück während der Hochsaison für Nichtmitglieder 124 Franken. Vergleichbar mit den Airbnb-Angeboten ist einzig das City Backpacker in Zürich, wo ein Einzelzimmer mit Gemeinschaftsbad mit 77 Franken zu Buche schlägt.

«Nur der Vermieter kann einschreiten»

"Es ist fraglich, ob überhöhte Preise vor einer Mieterschlichtungsstelle standhalten würde", sagt Ruedi Spöndlin vom Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverband auf Anfrage. Allerdings könne einzig der Vermieter sein Veto gegen zu hohe Untermieten einlegen. "Ist der Vermieter damit einverstanden, kann der Mieter theoretisch astronomisch hohe Summen verlangen", so Spöndlin. Allerdings vermutet er, dass die wenigsten Mieter ihre Wohnungsbesitzer über solche Untermieter informieren würden.

Felicitas Huggenberger findet es hingegen "stossend", wenn Preise deutlich über die gerechtfertigten Kosten hinausgehen. "Damit nutzt man die Notlage der Touristen aus", sagte die Geschäftsleiterin des Mieterverbands Zürich gegenüber der "Schweiz am Sonntag". Zudem drohten juristische Konsequenzen. "Dem Mieter könnte die Wohnung gekündigt werden, wenn dieser mit dem Eigentum des Vermieters Profit macht", so Huggenberger. 

Dennoch geniesst die Plattform, die 2008 in San Francisco gegründet wurde, steigende Beliebtheit. Früher habe man den Grundsatz "Stranger is danger" (Fremde sind gefährlich) gelebt. "Nun öffnet man den privaten Raum für Leute, die man nicht kennt, und stellt ihnen ein Zimmer zur Verfügung", sagt Karin Frick im cash-Video-Interview.

Die Forschungsleiterin des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon ZH führt diese neue Lust am kommerziellen Teilen auf den Umgang mit Sozialen Medien zurück. "Auf Plattformen wie Facebook ist das Teilen von Inhalten Programm", sagt die Forschungsleiterin. Diese neuen Verhaltensweisen hätten sich nun auch auf reale Gegenstände übertragen.

(* Name der Redaktion bekannt)

Im Video-Interview äussert sich Karin Frick zu Sharing Economy und zu neuen Statussymbolen.