Soll ABB sein Filetstück verkaufen?

Schon drei ABB-Grossaktionäre wollen, dass sich der Konzern aufspaltet. Ein Börsengang oder ein Verkauf der Netzwerksparte Power Grids würde den Aktionären nützen, sagen sie. Es gibt aber auch gewichtige Gegenstimmen.
16.09.2016 11:51
Von Marc Forster und Ivo Ruch
Aufspalten oder nicht? Nach dem Investorentag am 4. Oktober wissen ABB-Aktionäre mehr.
Aufspalten oder nicht? Nach dem Investorentag am 4. Oktober wissen ABB-Aktionäre mehr.
Bild: Bloomberg

Nach der Beteiligungsgesellschaft Cevian und dem US-Fonds Artisan fordert mit Nordea nun auch ein dritter ABB-Aktionär die Aufspaltung des 135'000 Mitarbeiter umfassenden Technologiekonzerns. Dies geschieht nicht von ungefähr: Am Investorentag am 4. Oktober wird sich die Konzernspitze sich zu Strategiefragen äussern und wohl auch über die Zukunft der Stromsparte entscheiden.

Die Aufspaltungs-Phantasien nützen der Aktie, die mit einem Kurszuwachs seit Anfang Jahr von fast 25 Prozent der am besten performende SMI-Titel ist und der weiter Aufwärtspotential zugetraut wird. Für den Aktionär wäre eine Aufspaltung des Konzerns mit einem separaten Börsengang der Stromsparte womöglich ein Gewinn. Zumal der Grossaktionär Cevian behauptet, dass die Summe der ABB-Einzelteile an der Börse etwa 35 Franken wert wären - 13 Franken über dem aktuellen Aktienkurs.

Einem Konglomerat wie ABB passiert es schnell, dass es an der Börse einen "Discount" hinnehmen muss. "Es könnten noch mehr Aktionäre eine Aufspaltung fordern, um vor dem Investorentag Druck aufzubauen", sagt Richard Frei, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Unter den Grossaktionären herrscht aber bisher kein einheitliches Bild. Denn der grösste Aktionär Investor AB hat sich bisher nicht zu einer Aufspaltung geäussert.

Diese einflussreiche Beteiliungsgesellschaft, die von der schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg geleitet wird, hält derzeit 10 Prozent an der Gruppe. Cevian kommt auf 5,2 Prozent, während der weltgrösste Asset Manager Blackrock 3 Prozent der Anteile besitzt.

«Aufteilung schafft keinen Mehrwert»

Power Grid erwirtschaftete 2015 rund 12 Milliarden Dollar Umsatz, während der Gesamtkonzern auf knapp 36 Milliarden Dollar Umsatz kam. Die EBITDA-Marge beträgt 7,5 Prozent. Der Gesamtkonzern erzielte derweil eine Marge von 11,8 Prozent. ABB-Chef Ulrich Spiesshofer hat sich bisher nicht eindeutig geäussert, was mit der Sparte geschehen soll.

Auch unter Anlagespezialisten würden nicht alle die Aufteilung begrüssen. Urs Beck, Fondsmanager bei EFG, sagt gegenüber cash: "Ich bin gegen eine Aufspaltung von ABB. Der Konzern ist meiner Meinung nach sinnvoll aufgestellt. Eine Aufspaltung schafft deshalb per se kaum einen Mehrwert."

Beck hält die Sparte Netzwerktechnik Power Grids innerhalb des Konzerns für eine echte Perle und kann deshalb die Beweggründe teilweise verstehen, die die Befürworter eines Verkaufes ins Feld führen. "Diese Überlegungen sind aber stark von kurzfristigem Profitdenken geprägt", so Beck, in dessen Fonds ABB einen Anteil von zuletzt knapp 4 Prozent ausmacht.

Jene Investoren, die sich nun offensiv äussern, wittern offenbar die Chance, für die Sparte einen Preis zu lösen, der in Zukunft nicht mehr möglich sein dürfte. Als möglicher Käufer wird beispielsweise das chinesische Energieunternehmen State Grid herumgeboten. Die Chinesen verfügen derzeit über gut gefüllte Kassen.

Analyst Frei von der ZKB sieht Folgeprobleme bei einer Veräusserung: "Bei einem Verkauf von Power Grids wäre zu überlegen, was mit dem Erlös geschehen soll. Denn das Geld in den Büchern zu haben, bringt im Moment nichts." Sonderdividenden und Aktienrückkäufe würden zwar kurzfristig begrüsst, langfristig aber nicht zur Steigerung des Unternehmenswertes beitragen. "Grosse Akquisitionen wiederum bergen die bekannten Risiken", gibt Frei zu bedenken.

Geeinte ABB ist womöglich stabiler

Für ein IPO von Power Grids könnte laut dem ZKB-Analysten sprechen, dass es wenig Synergien mit den anderen Konzernteilen gebe. "Andererseits weiss man wenig über die Cash-Generierung der Sparte: Diese könnte für die ganze Gruppe von Wichtigkeit sein." Bei Power Grids werde sehr stark nur auf die operative Profitabilität geachtet, sagt Frei.

Es ist auf jeden Fall nicht das erste Mal, dass Fantasien herumgeistern, den ABB-Konzern umzubauen. Vor einigen Jahren wurde von einigen Investoren beispielsweise die Roboter-Sparte als überflüssig erachtet. Heute gehört der Unternehmensteil zu den am stärksten wachsenden.

Der Erfolg von ABB an der Börse dürfte aber auch damit zu tun haben, dass die Margen verbessert wurden und der Konzern anfängt, die Früchte von Restrukturierungen zu ernten. Der Erhalt der bisherigen Struktur hat insofern den Vorteil, dass ABB dank Diversifizierung weniger konjunkturanfällig ist, auch wenn das in der Vergangenheit oft bedeutete, dass das Zusammenwirken von gut und weniger gut laufenden Sparten zu einer flacheren Gewinnentwicklung führten und damit auch den Börsenkurs bremsten.