Space Race mit Satellitenträgern - Raketenmänner aus Europa fordern Elon Musks SpaceX heraus

Trägerraketen für Satelliten scheinen ein Geschäft der Zukunft zu sein. In Europa mischt auch der Schweizer Rüstungs- und Technologiekonzern Ruag mit.
16.11.2019 19:05
Rund 2000 Satelliten umkreisen die Erde.
Rund 2000 Satelliten umkreisen die Erde.
Bild: ZVG

Auf Billigsatelliten folgen Billigraketen. Der Trend zu massenhaft produzierten künstlichen Himmelskörpern - manche nicht grösser als ein Schuhkarton - heizt auch die Nachfrage nach Raketen an, um diese in den Orbit zu bringen. 17 Jahre nachdem Elon Musk mit SpaceX begonnen hat, die Raumfahrtbranche aufzumischen, treten nun auch europäische Firmen an, um am Launcher-Geschäft teilzuhaben.

Diesen Sommer legte der Satellitenhersteller OHB Pläne für eine eigene Trägerrakete vor. Das Bremer Familienunternehmen hat seit den 80er Jahren Hunderte Satelliten für die deutsche Bundeswehr, das europäische Navigationssystem Galileo und wissenschaftliche Institutionen gefertigt. Doch nun sieht Vorstandschef Marco Fuchs die Chance, sich als Komplettanbieter zu etablieren, der die selbstgebauten Satelliten auch in den Orbit bringt.

Für das börsennotierte Unternehmen, an dem seine Familie rund 70 Prozent hält, seien Raketen von strategischer Bedeutung, sagte Fuchs im Interview in der Konzernzentrale in Bremen. Denn "ohne Raketen kann man mit Satelliten nichts anfangen", erklärt der 57-Jährige.

Die Betreiber von Kleinsatelliten sind oft den Start-Dienstleistern ausgeliefert, die sie auf eine Art orbitale Standby-Liste setzen, wo sie häufig mit grösseren und lukrativeren Frachten konkurrieren.

2000 Statelliten

Seit 1957 mit dem Sputnik der erste menschengemachte Satellit die Erdumlaufbahn erreichte, ist es dort immer enger geworden. Rund 2'000 aktive Satelliten umkreisen heute die Erde, Weltraumschrott nicht mitgerechnet, und die Zahl nimmt rapide zu.

Letztes Jahr wurden etwa 450 Objekte ins Weltall geschossen, zehn Mal so viele wie zehn Jahre zuvor, zeigt das Register des Büros der Vereinten Nationen für Weltraumfragen. Alleine SpaceX will für ihre Idee eines weltraumgestützten Internetzugangs in den nächsten Jahren bis zu 12'000 Satelliten in die Umlaufbahn bringen. Weitere grosse Satellitenkonstellationen sind in Planung.

Das verleiht auch der Raketenindustrie Schub. Zwar setzten Satellitenhersteller 2018 mit knapp 20 Mrd Dollar drei mal so viel um wie die Launcher-Branche, wie der Satellitenverband SIA ermittelte, dafür wächst letztere schneller - mit einer Rate von 34 Prozent im vergangenen Jahr.

Kleiner und billiger

Die eigene Rakete entwickelt OHB mit mittlerweile rund 50 Mitarbeitern in einer speziellen "Rocket Factory" in Augsburg. Dort ist auch die Konzerntochter MT Aerospace zu Hause, die mit der Fertigung von Teilen für die europäische Trägerrakete Ariane bereits Raketenerfahrung hat.

Anders als diese richtet sich der "Mini-Launcher" von OHB, der 2021 seinen Jungfernflug absolvieren soll, an den Bedürfnissen von Betreibern von Klein- und Kleinstsatelliten aus, die derzeit oft lange warten müssen, bevor sie zu verhältnismässig hohen Kosten als Beiladung in den Grossraketen von ArianeSpace oder SpaceX mitfliegen dürfen.

Die OHB-Rakete soll einen oder mehrere Satelliten mit einem Gesamtgewicht von bis zu 200 Kilo transportieren können - bei einem "konsequenten Low-Cost-Ansatz", so das Unternehmen.

Mini-Launchers könnten sich lohnen

Kunden Satelliten und Starts aus einer Hand anzubieten sei ein grundsätzlich sinnvoller Ansatz, zumal das Geschäft mit der Ariane für OHB in den nächsten Jahren weniger lukrativ werden könnte, meint Adrian Pehl, Analyst bei der Commerzbank. "Ob sich aber die Entwicklung des Mini-Launchers am Ende lohnt, wird davon abhängen, welche Stückzahl man herstellt. Und die steht derzeit in den Sternen."

Konkurrenz belebt das Geschäft, meint Robert Schmucker, Professor für Raumfahrttechnik an der TU München. "Wer kostengünstig produziert, wird bleiben, und die alten Kolosse werden verschwinden." Vorteile sieht er bei agileren Unternehmen, die "einfach statt kompliziert konstruieren, die Versuchstätigkeit optimieren, schneller produzieren".

Das ist der Ansatz von ISAR Aerospace aus München, die ebenfalls 2021 eine flugfähige Rakete am Start haben will. "Mit unserer Rakete zielen wir auf das Geschäft mit grossen Konstellationen", sagt der 27-jährige ISAR-Chef Daniel Metzler. "Da wird es mehr noch als bisher darauf ankommen, die Satelliten kostengünstig in den Orbit zu bringen."

Die bisherigen Platzhirsche nennt der Österreicher "zu langsam". ISAR könne die Triebwerksproduktion "von vielen Monaten auf einige Wochen reduzieren", verspricht er.

Nicht wenige aus der Branche trauen ihm das zu. Airbus, Universitäten und Hersteller von Kleinsatelliten haben bereits Absichtserklärungen mit dem Münchener Startup unterzeichnet. Der Raumfahrtingenieur Bülent Altan, der bei SpaceX an der Entwickung der Falcon 1 beteiligt war, zählt zu den Investoren, Robert Schmucker sitzt im Beratergremium.

Startplatz Europa

Und weitere europäische Konkurrenz steht bereits auf der Startrampe. Der staatliche Schweizer Rüstungskonzern Ruag will übernächstes Jahr sein Raumfahrtgeschäft abspalten und an die Börse bringen. Bis dahin soll die Sparte an "Kampfgewicht" zulegen und zukaufen, vor allem in den USA, sagte Ruag-Verwaltungsratspräsident Remo Lütolf im März der Neuen Zürcher Zeitung.

Ruag bietet unter anderem sogenannte Payload Adapter und Separation Systems an, die Satelliten während des Flugs in der Rakete festhalten und sie freilassen, wenn sie ihren Orbit erreicht haben. Im Mai gab Ruag bekannt, dass sie ihr Geschäft mit Isolierungen für Satelliten auch auf Raketen ausweitet und Hitzeschilde für die Ariane 6 liefert.

"Das macht Ruag zu einem ernsthaften Konkurrenten für OHB, weil sich die Zielmärkte der beiden Firmen stark überlappen", sagt Zafer Rüzgar, Analyst bei Pareto Securities. "Als Industriekonglomerat wird Ruag zurzeit nicht als Raumfahrtunternehmen wahrgenommen, aber das dürfte sich mit dem geplanten Umbau schnell ändern."

Bald ein deutscher Weltraumbahnhof?

Zwei Jahre vor ihren geplanten Jungfernflügen fassen sowohl OHB als auch ISAR Abschussbasen in Europa ins Auge. Neben den Azoren haben sich bislang Schottland, Schweden und Norwegen als mögliche Startplätze angeboten. Die Idee eines deutschen Weltraumbahnhofs, die der Bundesverband der Deutschen Industrie im Oktober aufgebracht und die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier dankbar aufgegriffen hatte, sei "sehr interessant", erklärte OHB-Chef Fuchs.

Doch egal wo die Rakete letzten Endes abhebt, Fuchs ist optimistisch, dass seine Firma eine Rolle im neuen Weltraumwettlauf spielen wird. "Früher dachte man, das ist Rocket Science, das kann nur die NASA. Aber die Rocket Science ist entzaubert."

(Bloomberg/cash)

 

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