«Spanien ist ein Musterknabe»

Britta Weidenbach ist Spezialistin für europäische Aktien. Im Interview mit cash sagt die Fondsmanagerin der Deutschen Bank, was für Eurozonen-Aktien spricht und wie sich diese entwickeln werden.
03.11.2014 08:10
Interview: Ivo Ruch
Britta Weidenbach ist Fondsmanagerin und Leiterin europäische Aktien bei Deutsche Asset & Wealth Management.
Bild: cash

cash: Frau Weidenbach, Sie managen einen Fonds mit europäischen Aktien. Bei den derzeitigen Perspektiven in Europa scheint das kein einfacher Job zu sein...

Britta Weidenbach: Die Arbeit hatte über die letzten Jahre schon auch Ecken und Kanten, weil wir uns zuerst mit der Finanz- und dann mit der Verschuldungskrise beschäftigen mussten. Aber gleichzeitig ist es auch eine interessante Herausforderung. Letzten Endes haben wir eine gute Entwicklung an den Aktienmärkten gesehen, gerade auch für Aktien der Eurozone und des paneuropäischen Marktes. Das konjunkturelle Bild hat sich in den letzten Jahren zwar nicht so stark gezeigt wie in den USA. Aber wenn die Erwartungshaltung weniger hoch ist, birgt das immer auch Chancen.

Wie gehen Sie bei der Selektion von Aktien vor?

Wir verfolgen einen Aktienselektionsansatz, es geht um die Auswahl von Einzeltiteln. Dabei achte ich sehr stark darauf, dass die ausgewählten Unternehmen ein überdurchschnittliches Wachstumspotenzial haben. Das kann entweder von strukturellem Wachstum her kommen. Oder aber aus den Unternehmen selbst. Es ist wichtig, dass diese gut aufgestellt sind und die richtigen Investmententscheidungen treffen.

Wie kommen Sie an die nötigen Informationen?

Kern unserer Arbeit ist, die Unternehmen genau zu analysieren. Dazu gehört vor allem auch, das Management von Unternehmen zu treffen. Denn uns ist wichtig, dass die Firmen gut geführt werden. Viele Unternehmen kommen zu uns, aber wir besuchen auch viele Unternehmen selbst. So kommen wir auf gut 1300 Kontakte mit europäischen Unternehmen im Jahr.

Ist es momentan schwierig, Kunden für europäische Investments zu überzeugen?

Wir hatten in diesem und auch im letzten Jahr deutliche Zuflüsse in Euroland-Aktienfonds, trotz der Abflüsse aus Europa in den letzten 3 Monaten.

Sehen Sie in den Fonds denn Parallelen zu den wirtschaftlichen Problemen der Eurozone?

Natürlich gibt es die. Denn die Dichte an geopolitischen Problemen hat zu reduzierten Wachstumserwartungen geführt. Das bedeutet immer auch eine Anpassung der Erwartungen am Aktienmarkt. Allerdings gehe ich davon aus, dass sich die geopolitischen Probleme nicht nachhaltig auf die Realwirtschaft niederschlagen. Von Unternehmen bekommen wir weiterhin positive Rückmeldungen: Die Wirtschaft wächst. Allerdings langsamer als zu Jahresbeginn erwartet.

Was spricht denn momentan für europäische Aktien?

Wir haben in Europa sehr gut aufgestellte Unternehmen, die letztendlich auch vom globalen Wachstum profitieren. Die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum und an die Unternehmensgewinne sind auf realistische Niveaus zurückgekommen. Zudem befinden wir uns in einem Umfeld niedriger Zinsen, das weiterhin unterstützend wirken sollte. Auch vom abgeschwächten Euro erwarten wir positive Effekte, genauso wie vom tiefen Ölpreis. Vor diesem Hintergrund sind europäische Aktien attraktiv bewertet und haben eine interessante Dividendenrendite. Zusätzlich sind viele Firmen vor allem auf der Kostenseite sehr diszipliniert gewesen. Das heisst, wir können auch bei tiefem Wachstum eine Margenexpansion erwarten.

Gibt es Unternehmen oder Sektoren, die in einem solchen Szenario besonders profitieren werden?

Wir mögen weiterhin ausgewählte Finanzwerte und konsumzyklische Titel. Auch haben wir über die letzten Monate im Versorgerbereich aufgestockt. Überall sehr selektiv. Also dort, wo wir überdurchschnittliches Gewinnpotenzial im Markt- oder Sektorkontext sehen.

Der EZB-Stresstest hat für mehr Klarheit gesorgt. Sollte man nun europäische Bankentitel kaufen?

Ja, weiterhin selektiv. Selten war die Transparenz in diesem Sektor so gut wie gegenwärtig. Dennoch muss genau hingeschaut werden, welche Unternehmen von dieser Transparenz profitieren werden und möglicherweise auch endlich in der Lage sind, höhere Dividenden auszuzahlen.

Was sollten interessierte Euroland-Anleger beachten?

Bei der Titelselektion verfahren wir überall gleich, ob in Ländern der Peripherie, Frankreich oder Deutschland. Spanien hat beispielsweise mit das stärkste Wirtschaftswachstum in der Eurozone. Wir sind schon seit längerem in spanische Finanztitel investiert, wo wir eine Ausweitung der Margen und eine Reduktion der Risikovorsorge sehen konnten. Auch das Kreditwachstum nimmt dort sukzessive zu.

Unter dem jüngsten Börsengewitter haben auch viele europäische Indizes gelitten. Wie geht es weiter bis Ende Jahr?

Für die kommenden 12 Monate rechnen wir mit hoch einstelligem Gewinnwachstum. Wenn wir die Dividendenrendite miteinbeziehen, kommen wir auf eine absolute Rendite im zweistelligen Bereich für Aktien der Eurozone.

Also ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen?

Genau. Die Erwartungen sind zurückgekommen, die Bewertungen sind attraktiv, der Gegenwind von geopolitischer Seite und vom starken Euro her sollte abnehmen. Aber wir werden uns damit abfinden müssen, dass die Märkte volatil bleiben. Sie werden nicht wie an der Schnur gezogen voranschreiten.

Was müsste getan werden, damit Europa noch wettbewerbsfähiger wird?

Die angestossenen Reformen müssen in der Peripherie und in Frankreich umgesetzt werden. Spanien ist als Musterknabe vorangegangen und hat im Arbeitsmarkt viel zugunsten der Unternehmen unternommen. In Frankreich und Italien stehen ähnliche Veränderungen an.

 

Im cash-Video-Interview sagt Britta Weidenbach zudem, ob auch in die Euroland-Peripherie investiert werden soll.

Britta Weidenbach ist Fondsmanagerin und Leiterin europäische Aktien bei Deutsche Asset & Wealth Management, dem Vermögensverwaltungs-Arm der Deutschen Bank. Zuvor studierte sie Ökonomie an der Universität Konstanz. Vom britischen Finanzmagazin "Financial News" wurde Britta Weidenbach als eine der erfolgreichsten europäischen Nachwuchsmanagerinnen ausgezeichnet.