Staatsanleihen - Anleger reissen sich um Jahrhundert-Bonds

Auf der verzweifelten Suche nach Rendite packen sich Investoren immer häufiger extrem lang laufende Staatsanleihen in ihre Depots.
02.10.2017 19:20
Mit ultralang laufenden Staatsanleihen besorgen sich viele Länder billiges Geld.
Mit ultralang laufenden Staatsanleihen besorgen sich viele Länder billiges Geld.
Bild: Pixabay

Selbst mit 100-jährigen Bonds sammelten Österreich und Argentinien kürzlich Milliardengelder ein. Kanada denkt über einen neuen 50-jährigen Schuldschein nach und Experten erwarten, dass auch die USA bald mit einem solchen Wertpapier an den Markt gehen. Für die Länder sind solche Papiere interessant, weil sie sich über einen langen Zeitraum niedrige Zinsen sichern und so vergleichsweise wenig für ihre Schulden bezahlen. Fachleute warnen aber Investoren vor einem unberechenbaren Risiko bei dieser Form der Geldanlage.

"Es ist eine klare Tendenz hin zu ultra-langen Anleihen zu erkennen", sagt Analyst Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. "Vor der Finanzkrise war das höchste der Gefühle eine 30-jährige Anleihe. Inzwischen finden selbst Länder mit einer höheren Verschuldung Abnehmer für länger laufende Bonds." Im Oktober 2016 emittierte Italien eine 50-jährige Anleihe - obwohl die dortigen Banken in einer schweren Krise stecken und das Land so stark verschuldet ist wie kaum ein anderer Staat in Europa. Argentinien, das schon mehrfach bankrott war, sammelte im Juni 2,8 Milliarden Dollar ein, die erst im Jahr 2117 zurückgezahlt werden müssen. Das Interesse an der Jahrhundert-Anleihe war riesig, das argentinische Finanzministerium hatte Bestellungen von rund zehn Milliarden Dollar.

Auslöser für den Trend sind die extrem niedrigen Leitzinsen. In der Euro-Zone liegen sie auf einem Rekordtief von 0,0 Prozent, in den USA zwischen 1,0 bis 1,25 Prozent. "Die Anleihe-Emittenten wollen sich die derzeit niedrigen Zinsen über einen möglichst langen Zeitraum sichern", sagt Analyst Dirk Gojny von der National-Bank. So rechnet die österreichische Finanzagentur vor, dass sie der 100-jährige Schuldschein mit rund 2 Prozent Rendite nur ein Drittel von dem kostet, was sie in den vergangenen 40 Jahren im Schnitt für zehnjährige Anleihen an Investoren bezahlen musste. "Für den Steuerzahler ist das toll", sagt Finanzagentur-Sprecher Christian Schreckeis.

«Diese Laufzeiten sind eher spekulativ»

Für viele EU-Länder sind ultra-lange Anleihen mittlerweile zur gängigen Praxis geworden. Neben Italien und Österreich emittierten Belgien, Irland, Spanien und Frankreich Bonds mit Laufzeiten von mehr als 30 Jahren. Die deutsche Finanzagentur, die für das Schuldenmanagement Deutschlands verantwortlich ist, will sich dagegen nach eigenen Angaben nicht in diese Richtung vorwagen. Das hat sie auch nicht nötig: Im Laufzeitenbereich bis sieben Jahre gibt es Negativ-Zinsen für Staatsanleihen, das heisst Deutschland verdient beim Schulden machen sogar Geld. Gleiches gilt auch für die Schweiz.

Aus Anlegersicht sind ultra-lang laufende Anleihen vor allem für Lebensversicherer und Pensionsfonds interessant, weil sie ihre langfristigen Zahlungsverpflichtungen gegenüber Kunden abdecken müssen. "Die Firmen müssen auf jeden Basispunkt Rendite schauen, den sie in dem Niedrigzinsumfeld bekommen können", sagt LBBW-Fachmann Völker. Für eine 50-jährige Anleihe aus Italien bekommen sie derzeit etwa rund 3,5 Prozent, während die zehnjährigen Titel bei 2,2 Prozent rentieren.

Völker warnt davor, dass bei der Suche nach Rendite die Risiken ausser Acht gelassen werden. "Bei so langen Laufzeiten lässt sich nicht ohne weiteres überblicken, was alles passieren kann." Die Allianz lässt deshalb lieber die Finger von Jahrhundert-Bonds. "Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit eignen sich nicht gut zur Bedeckung unserer Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden. Diese Laufzeiten sind eher spekulativ", sagt Andreas Gruber, der bei dem Versicherungskonzern für die Anlagestrategie verantwortlich ist.

Kursverluste nicht auszuschliessen

Ein grosses Risiko für Anleger ist, dass die Kurse für die Anleihen fallen, wenn die Notenbanken damit aufhören, in grossem Stil solche Papiere am Markt aufzukaufen. Börsianer gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank wegen des Aufschwungs in der Euro-Zone ihre monatlichen Anleihekäufe bald drosselt. Die US-Notenbank Fed hat bereits angekündigt, ihre billionenschweren Wertpapierbestände abzubauen.

Problematisch werde es für Investoren aber nur, wenn sie die Anleihen vor der Endfälligkeit verkaufen müssten, sagt Experte Eugen Keller von der Metzler Bank. Dann könnte es passieren, dass sie weniger für den Bond bekommen als sie ursprünglich bezahlten. Im Fall Argentinien halten Experten in den nächsten 100 Jahren auch eine neue Staatspleite nicht für ausgeschlossen.

(Reuters)