Staatsanleihen - Italien steht der «Jüngste Tag» noch bevor

Italien mag Neuwahlen in diesem Jahr vermieden haben, doch die Anleihegläubiger wissen, dass sie die politischen Risiken noch nicht losgeworden sind.
15.06.2017 02:15
Die italienischen Wahlen im nächsten Frühling kommen dem Anleihenkaufprogramm der EZB in die Quere.
Die italienischen Wahlen im nächsten Frühling kommen dem Anleihenkaufprogramm der EZB in die Quere.
Bild: cash

Eine Rally bei den Anleihen des Landes eröffnet nach Einschätzung von Aberdeen Asset Management Verkaufsmöglichkeiten, während Goldman Sachs warnt, dass die heikle Finanzlage und populistische Tendenzen in Italien die grösste Gefahr für den Euro-Raum darstellen. Die Parlamentswahlen werden jedoch spätestens im Frühjahr 2018 durchgeführt, was sie auf Kollisionskurs mit der Europäischen Zentralbank (EZB) bringt, deren Pläne für eine Verringerung der Anleihekäufe einen stärkeren Einfluss auf Italien haben werden.

"Ich schaue mich natürlich nach Gelegenheiten um", um bei Anleihen Short zu gehen, sagte James Athey, Leitender Investmentmanager bei Aberdeen Asset in London, am Dienstag in einem Interview mit Bloomberg TV. "Alle Risiken wirken sich dabei zu meinen Gunsten aus."

Italiens Fremdkapitalkosten sind im Verhältnis zu denen Deutschlands am Mittwoch auf ein Fünf-Monate-Tief von 167 Basispunkten gefallen, nachdem die eurokritische Fünf-Sterne-Bewegung bei den Kommunalwahlen am Sonntag Verluste erlitten hat. Vorher war der von mehreren Parteien vereinbarte Plan einer Wahlrechtsreform gescheitert, der die Wahrscheinlichkeit von vorgezogenen Neuwahlen in diesem Jahr deutlich erhöht hätte.

Bei 160 Basispunkten über Bunds wäre Athey nach eigener Aussage dazu verleitet, Short-Optionen bei den Schuldverpflichtungen einzugehen. "Das wäre sicherlich ein Niveau, an dem ich denken würde, dass viel zu gute Nachrichten in Italien eingepreist sind", sagte er.

EZB greift in Italien stärker zu

Nach Frankreich und Deutschland profitiert Italien von den unkonventionellen Massnahmen der EZB in Form einer quantitativen Lockerung am meisten. Die Notenbank greift Bloomberg-Daten zufolge bei ihren Anleihekäufen stärker in Italien zu als es der Kapitalschlüssel vorgibt, der sich an der Grösse der Volkswirtschaften orientiert. Angesichts der Verzerrungen bei den italienischen Renditen durch die EZB dürften die Auswirkungen einer Drosselung der Bondkäufe hier wahrscheinlich stärker zu spüren sein.

Auch politische Risiken drohen. Der Rückschlag für die Fünf-Sterne-Bewegung verschiebt die Risiken nur auf einen späteren Zeitpunkt. Die Populisten liefern sich in nationalen Umfragen noch immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der regierenden Demokratischen Partei von Matteo Renzi - beide kommen auf etwa 30 Prozent.

Italiens explosive Mischung in der Politik zusammen mit der höchsten Schuldenlast unter den entwickelten Ländern in Europa biete Grund zur Besorgnis, sagte Andrew Benito, leitender Ökonom für Europa bei Goldman Sachs.

"Die EZB kann wirklich nichts gegen die Möglichkeit unternehmen, dass es eine Koalition aus ein paar Parteien gibt, die sagen, dass sie ein Referendum über die Euro-Mitgliedschaft abhalten wollen", sagte er. Italien habe "die am meisten strapazierte Bilanz im Euro-Raum und die euroskeptischste Politik".

(Bloomberg)