exklusiv

Starrag-CEO: «Zur Globalisierung verdammt»

Im Interview mit cash nennt Starrag-CEO Frank Brinken die Herausforderungen in der Werkzeugmaschinenindustrie. Zudem sagt er, weshalb ihm die China-Schwäche kein Bauchweh bereitet.
13.06.2013 06:43
Interview: Frédéric Papp
Frank Brinken, CEO des Werkzeugmaschinenherstellers Starrag.

cash: Was sind die grössten Herausforderungen für Unternehmen wie Starrag, die im Werkzeugmaschienenbau tätig sind?

Frank Brinken: Wir sind zur Globalisierung verdammt. Wir stehen vor einer kompletten Änderung unseres Geschäftsmodells. Denn nur Produktions- und Entwicklungsstandort in Europa und Vertriebszentren oder gar Handelsvertreter in den aufstrebenden Märkten – dieses Modell funktioniert nicht mehr. Gefordert ist stattdessen eine Produktion in den Wachstumsmärkten vor Ort. Damit kann auch ein erstklassiger und effizienter Service sichergestellt werden. Aber auch Spezialmaschinenhersteller werden in Zukunft näher an ihre Kunden rücken müssen, um Wachstum realisieren zu können, dies wird eine Ergänzung zu den europäischen Standorten sein.

Verlagert Starrag demnach Produktionsstandorte und damit Arbeitsplätze weg von der Schweiz und Europa hin zu den aufstrebenden Ländern? 

Richtig, für Standardmaschinenhersteller wird es eine stärkere Verschiebung der Produktion in aufstrebende Märkte geben. Es gibt in aufstrebenden Ländern keine Planungssicherheit. Wenn zum Beispiel die Nachfrage nach Windenergie anzieht, dann kaufen Zulieferer zunächst mal eine Anlage. Bei weiter anziehender Nachfrage bestellen sie dann gleich die nächste Anlage, aber die möchten sie subito innerhalb drei Monaten. Unternehmen nur mit Produktionsplätzen in Europa sind dann nicht in der Lage, die Anlagen fristgerecht liefern zu können, wegen der langen Transportwege. Und eine Produktion auf Vorrat ist in der Regel mit grossen Risiken verbunden, wenn die Nachfrage stockt. Diese Unternehmen sind somit gezwungen, vor Ort zu produzieren.

Somit werden einige Arbeitsplätze in Europa verschwinden…

Nein, ich glaube nicht, dass in Europa Arbeitsplätze in nennenswertem Ausmass abgebaut werden. Es wird immer eine Nachfrage nach neuester Produktionstechnologie in unserem Heimmarkt Europa geben. Kürzeste Zykluszeiten, Null-Fehler-Produktion, hoher Automatisierungsgrad und damit höchste Produktivität machen uns in Europa konkurrenzfähig und marginalisieren die Lohnkosten. Allerdings stellen solche Anlagen hohe Anforderungen an die Bediener, hier ist unser hervorragendes duales Ausbildungssystem der entscheidende Wettbewerbsvorteil. In USA und Asien finden sie solche Qualifikationen (noch) nicht.

Wo liegen die künftigen Wachstumsmärkte für Starrag?

Für die Starrag-Gruppe liegt das Wachstum eindeutig in Asien, ganz konkret in China und in Indien. In China ist die boomende Flugzeugindustrie ein Treiber für unser Geschäft. Wir sind in China sehr gut aufgestellt.

Bereitet Ihnen die Schwäche in der chinesischen Konjunktur kein Bauchweh?

Nein. Wir sollten nicht vergessen, dass 7 bis 8 Prozent auf dem Volumen des Jahres 2012 mehr sind als die 12 bis 15 Prozent des Jahres 2007. In China geht man davon aus, dass das Bruttosozialprodukt in diesem Jahr um zirka 7 Prozent wächst, gegenüber einem Nullwachstum oder sogar Rückgang in Europa.

Welches sind die Besonderheiten des chinesischen Marktes?

Der chinesische Markt unterteilt sich in drei Bereiche. Erstens die staatlichen Unternehmen. Diese arbeiten nach einem Fünfjahresplan, der minutiös umgesetzt wird. Zweitens die chinesischen Entrepreneure. Die wollen genauso produzieren wie ihre europäischen Konkurrenten und dann gibt es noch die so genannten "Transplants". Das ganze Marketing muss auf diese drei Teilbereiche abgestimmt sein.

Was ist unter "Transplants" zu verstehen?

Das sind europäische Unternehmen, die in China produzieren, um geografisch näher an ihre Kunden zu rücken. Dies ist beispielsweise in der Zulieferindustrie verstärkt zu beobachten. Starrag wiederum beliefert die "Transplants" mit Produkten, die sie auch in ihren europäischen Werken einsetzen. So müssen wir in der Lage sein, den "Transplants", aber auch chinesischen Privat- und Staatsfirmen denselben Service zu bieten wie in Europa.

Mit welchen Innovationen will Starrag künftig punkten? 

Allzu viel darf ich nicht verraten. Aber im September an der grössten Werkzeugmaschinenmesse der Welt, der EMO in Hannover, werden wir vier neue Maschinen präsentieren, die in der Verarbeitung von Metallen und Verbundwerkstoffen neue Massstäbe setzen werden. Sie werden schnell, präziser und leistungsfähiger sein.

Für das Gesamtjahr prognostizierten Sie Umsatz- und Gewinnzahlen sowie einen Auftragseingang, die über den Vorjahreswerten liegen werden. Hat sich daran etwas geändert?

Nein, aufgrund des guten Bestelleingangs im ersten Quartal und unseres hohen soliden Auftragsbestandes halten wir an unserer Prognose fest.

Sie treten per April 2014 als CEO zurück. Verraten Sie uns ihre Zukunftspläne?

Ich werde mich auf Verwaltungsratstätigkeiten konzentrieren und eine Lehrtätigkeit an einer technischen Hochschule aufnehmen.

 

Frank Brinken (65) ist seit 2005 CEO der Starrag Group. An der Generalversammlung im April 2014 tritt Brinken als CEO zurück und wird zur Wahl in den Verwaltungsrat vorgeschlagen. Seit gut zwei Jahren ist er zudem Mitglied des Verwaltungsrats beim Berner Werkzeugmaschinen-Hersteller Tornos.

Die Starrag Group ist ein technologisch weltweit führender Hersteller von Präzisions-Werkzeugmaschinen zum Fräsen, Drehen, Bohren und Schleifen von kleineren, mittleren und grossen Werkstücken aus Metall und Verbundwerkstoffen.

Das Interview wurde am Rande des Swiss Economic Forum in Interlaken geführt.