Start am Sonntag - Börsianer blicken mit gemischen Gefühlen auf Bitcoin-Future

Mit ihren Bitcoin-Futures schlagen die US-Derivatebörsen CBOE und CME ein neues Kapitel in der noch jungen Geschichte der Kryptowährungen auf. Ob diese glücklich endet, ist Experten zufolge allerdings völlig offen.
07.12.2017 19:10
Die Kryptowährungen bereiten vielen Börsianern Kopfschmerzen.
Die Kryptowährungen bereiten vielen Börsianern Kopfschmerzen.
Bild: Pixabay

"Vielleicht handelt es sich wirklich um einen einzigartigen Markt, der immer weiter steigt", sagt John Lothian, Chef der Beratungsfirma John J. Lothian. Allerdings gebe es weder Netz noch doppelten Boden. "Wenn morgen plötzlich alle entscheiden, dass Bitcoin wertlos ist, dann ist es auch wertlos. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute das Ganze durchdacht haben."

Hinter Bitcoin stehen weder Regierungen noch Zentralbanken. Über den Preis entscheiden allein Angebot und Nachfrage. Vor allem die Aussicht auf die erstmalige Einführung von Futures am kommenden Sonntag an der Chicagoer Derivatebörse CBOE hat der virtuellen Währung seit Jahresbeginn ein Kursplus von mehr als 1500 Prozent beschert. Allein zwischen Mittwoch- und Donnerstagmittag verteuerte sich Bitcoin um fast 3000 Dollar und war mit knapp 16'000 Dollar so teuer wie noch nie. Mit diesen Terminkontrakten können Anleger künftig sowohl auf steigende als auch fallende Bitcoin-Kurse wetten, ohne Bitcoins in ihren Depots halten zu müssen. Ausserdem gelten sie als Türöffner für das Engagement institutioneller Anleger.

"Die Vorfreude auf die Eröffnung des Bitcoin-Terminhandels in den USA ist und bleibt ungebremst", sagt Timo Emden, Deutschland-Chef des Online-Brokers DailyFX. "Die förmliche Preisexplosion vernebelt auch dem letzten Anleger endgültig die Sinne." Richard Johnson, Analyst beim Vermögensberater Greenwich Associates und Bitcoin-Halter, äussert sich ähnlich skeptisch. "Die Dinge entwickeln sich zu schnell."

Mainstream oder Manie?

Kritik hagelt es auch von der Europäischen Zentralbank (EZB). "Ich finde es bedauerlich, dass öffentliche Stellen Finanzinstrumente zulassen, die die Spekulationen auf diese Sachen anheizen, wie zum Beispiel die Futures", sagt EZB-Direktor Yves Mersch, der im sechsköpfigen Führungsteam der Euro-Notenbank sitzt. Bitcoin und Co. seien keine Währungen. Das seien private Instrumente, die vorgäben, Währungen zu sein.

Kopfschmerzen bereiten Börsianern unter anderem die hohen Kursausschläge. Im Durchschnitt der vergangenen sechs Jahre stieg oder fiel der Bitcoin-Kurs pro Tag um 3 Prozent - sechs Mal so stark wie der Euro. Ausserdem mache das vergleichsweise geringe Handelsvolumen von sechs Milliarden Dollar täglich den Kurs der Cyber-Devise anfällig für Manipulationen, warnt Kevin Zhou, Mitgründer des auf Kryptowährungen spezialisierten Fonds Galois. Besonders problematisch werde dies, wenn das Handelsvolumen am Terminmarkt die direkten Käufe und Verkäufe von Bitcoin übersteige.

Thomas Peterffy, Chef des Handelshauses Interactive Brokers, sieht sogar die Gefahr, dass die Entwicklung der virtuellen Währungen Konsequenzen für die reale Wirtschaft haben. Die Wertpapierabwickler würden voraussichtlich als erste in Schieflage geraten. Wenn ein Broker Sicherheitsleistungen für seine Termingeschäfte nicht zahle, übernehme der Wertpapierabwickler dessen Depotbestände. Dies könne den Bitcoin-Preis noch stärker bewegen und dadurch andere Broker in die Pleite treiben. "Wenn dies zu einem Zeitpunkt passiert, zu dem der Bitcoin-Kurs, aus welchem verrückten Grund auch immer, ausschlägt, könnte dies eine Lawine auslösen."

(Reuters)