«Tiefe Zinsen sind eine Art Steuer»

Professor Olaf Meyer, Präsident der Sammelstiftung Profond, erläutert im cash-Interview die Probleme der Pensionskassen, warum er lieber auf Aktien setzt und weshalb Profond an den GV gegen Vergütungsberichte stimmt.
02.06.2014 01:00
Interview: Frédéric Papp
Professor Olaf Meyer, Stiftungsratspräsident Profond, im cash-Video-Interview.
Bild: cash

cash: Herr Professor Meyer, die anhaltend tiefen Zinsen haben viele Institutionelle und Privatanleger satt. Sie auch?

Prof. Meyer: Aus der Sicht eines Pensionskassen-Verantwortlichen bin ich ganz klar Kritiker der Tiefzinspolitik der Notenbanken weltweit. Denn für all jene, die Gelder anlegen wollen, sind die tiefen Zinsen eine Art Steuer. Nur dadurch, dass die Zentralbanken als zusätzliche Käufer auftreten, können die Zinsen künstlich tief gehalten werden Gerade für die Pensionskassen ist dies besonders bitter, weil dies sich negativ auf ihr Ergebnis auswirkt.

Dafür steigen die Aktienpreise. Profond ist für ihre relativ hohe Aktienquote bekannt.

Unser Aktienanteil beträgt etwa 60 Prozent, was im Vergleich zu anderen Pensionskassen eher hoch ist. Allerdings ist die Quote auch durch den positiven Verlauf der Börsen zustande gekommen.

Entsprechend viel Risiko laden Sie sich damit auf.

Aktie ist nicht gleich Aktie. Man kann auch risikoarm in Aktien investieren, indem man Papiere mit relativ geringen Schwankungen, also einem tiefen Beta und stabilen Dividenden kauft. Nehmen Sie zum Beispiel eine Nestlé oder eine Swisscom. Beide Titel sind nicht sehr volatil und zahlen eine ansprechende sowie stabile Dividende. Wir sind auch in Kantonalbanken investiert, die in stabilen Märkten tätig sind.

Aber wenn ein Aktiencrash kommt, stehen ihre Kunden im Regen.

Unsere Anlagestrategie ist natürlich anfällig auf Wertschwankungen, dem ist so. Der Kunde muss sich fragen: Kann ich mit diesen Wertschwankungen leben oder nicht? Aber die umgekehrte Frage wird selten gestellt: Kann ich mit wenig Rendite leben oder nicht? Ich bin überzeugt, dass Aktien auf lange Frist besser performen als Anleihen. Und die Mindestverzinsung für den Arbeitnehmer ist ja garantiert, egal ob die Aktienquote hoch oder tief ist.

Werden Aktien nicht langsam teuer?

Klar würde ich sie lieber günstiger kaufen. Aber relativ zu anderen Assetklassen wie Obligationen oder Immobilien sind Aktien immer noch attraktiv. Die gestiegenen Aktienpreise werden durch die Entwicklung der Unternehmensgewinne mehrheitlich gerechtfertigt. Das schliesst aber nicht aus, dass sich die Gewinne in der Zukunft ändern. Das kann letztendlich niemand genau vorhersagen.

Haben sie aufgrund der starken Performance an den Börsen Gewinne realisiert?

Wir haben Gewinn im letzten Jahre teilweise mitgenommen. Für die kommenden Monate bleiben wir optimistisch und halten somit unsere Aktienquote stabil. Eine deutliche Reduktion der Quote macht unseres Erachtens ohnehin wenig Sinn. Wohin soll das Geld denn fliessen? Aktien sind derzeit für uns alternativlos. Einzig, wenn wir gute Gelegenheiten im Immobilienmarkt sehen, können wir uns einen Shift von Aktien in Immobilien vorstellen. Allerdings ist es derzeit schwierig, auf dem Markt günstige Immobilien zu bekommen.

Seit diesem Jahr müssen die Pensionskassen ihre Stimmrechte aktiv wahrnehmen.

Die Profond übt die Stimmrechte bereits seit gut einem Jahr aktiv aus. Und wir machen unser Stimmverhalten auch auf unserer Homepage publik.

Sie verweigern auch mal die Décharge für den Verwaltungsrat oder den Vergütungsbericht.

Ja, zum Beispiel den Vergütungsbericht bei ABB oder der Credit Suisse. Wir tun dies, wenn wir das Gefühl haben, dass die Entlohnung und das Ergebnis der Firma nicht im Einklang sind. Den Vergütungsbericht haben wir praktisch bei allen Firmen abgelehnt.

Sie plädieren somit für tiefere Löhne für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder?

Unser Ziel ist es nicht, dass Manager wenig verdienen müssen. Aber die Löhne müssen marktgerecht sein. Und dies ist nicht gegeben, wenn jemand für dieselbe Leistung 20 Millionen Franken verdient und der andere 'nur' fünf.

Doch die Wirkung einer Décharge-Verweigerung oder einer Rückweisung des Vergütungsberichts hält sich doch in Grenzen.

Ich glaube, die Wirkung ist grösser als man glaubt. Die Konzerne wissen, dass es Überlegungen bei den Aktionären hinsichtlich zum Beispiel der Lohnhöhe von Managern gibt und arbeiten dann diverse Optionen aus. Die Kriterien und Grenzen für die Entlöhnung werden so klarer und nachvollziehbarer.

Im letzten Jahr gaben sie den Aktiven und den Pensionären 3,5 Prozent Zins und dies für den obligatorischen und überobligatorischen Bereich. Dies ist in Vergleich zu anderen Pensionskassen überdurchschnittlich.

In früheren Jahren haben wir auch schon neun Prozent vergütet. Die 3,5 Prozent Zins sind derzeit das Maximum, das wir zahlen können, weil unsere Wertschwankungsreserven noch nicht gänzlich aufgefüllt sind. Diese betragen derzeit sechs Prozent, unser Zielwert liegt aber bei zehn Prozent.

Wofür dienen Schwankungsreserven?

Die Schwankungsreserven sind vergleichbar mit dem Eigenkapital einer Firma. In schlechten Zeiten, wie zuletzt während der Finanzkrise, wird davon gezehrt. Denn die Mindestverzinsung von 1,75 Prozent für Aktive und 3,5 Prozent für die Pensionäre, das ist der technische Zinssatz, muss ja immer bezahlt werden, auch wenn wir auf unseren Anlagen Verlust schreiben. Insofern ist die Wertschwankungsreserve eine sinnvolle Sache.

Unabhängig von der Höhe der Wertschwankungsreserve zahlen Pensionskassen teilweise nur den Mindestzins. Sind die Kassen zu knausrig?

Die Höhe des Zinses wird vom Stiftungsrat bestimmt und hängt von der aktuellen Situation der Kasse und vom Blick in die Zukunft ab. Wenn die Meinung vorherrscht, dass die kommenden zwei Jahre eher schlecht werden, dann wird der Zins moderat ausfallen. Und der Überschuss geht in die Wertschwankungsreserven, welche eine Firma mitnimmt, wenn Sie die Kasse wechselt.

Aber die Wertschwankungsreserve nimmt der Arbeitnehmer nicht mit, wenn er den Arbeitgeber wechselt. Umso entscheidender ist doch die Verzinsung, nicht zuletzt wegen des Zinseszinseffektes.

Das ist korrekt. Bei einer tiefen Verzinsung fährt ein Aktiver, dessen Beiträge über fünf Jahre mit dem Mindestzins verzinst wurden, schlechter.

Und beim überobligatorischen Teil ist die Kasse in der Verzinsung frei. Sie könnte theoretisch den ganzen Zinsertrag den Wertschwankungsreserven zuführen. Die Kassen trimmen sich auf dem Buckel der Aktiven fit.

Nein, im Moment ist der Vorwurf ungerechtfertigt. Denn die Stauseen der Kassen, sprich die Reserven, sind erst halb voll. Wenn die Seen dann wieder voll sind, so in schätzungsweise ein bis zwei Jahren, muss man genauer hinschauen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass die Kassen dann die Zinsen anheben. Es ist wichtig, dass die Verzinsung den Destinatären erläutert wird, damit sie die Gründe des Stiftungsrates verstehen können. Bei der Profond schalten wir Informationen auf die Website, die Entscheidungen des Stiftungsrates wie Verzinsung oder auch die Veränderung des Technischen Zinssatzes begründen.

Wie sind sie persönlich investiert?

Meine persönliche Anlagestrategie deckt sich zum grossen Teil mit jener bei Profond. Zum einem halte ich eine Immobilie, die ich selber bewohne. Und der Rest ist zu hundert Prozent in Aktien investiert, und zwar in dividendenstarke, wenig schwankende Titel.

Im cash-Video-Interview sagt Olaf Meyer, ab wenn man sich mit Vorsorgethemen idealerweise befassen sollte und worauf man bei der Pensionierung achten sollte.

Professor Olaf Meyer (56) ist seit Sommer 2012 Stiftungsratspräsident der Profond. Seit 2009 wirkt er als Gastprofessor an der Universität Genf und arbeitet in wissenschaftlichen Projekten zum Pensionskassenmanagement. Zuvor war Meyer mehrere Jahre für die Michelin-Gruppe tätig, zuletzt als Finanzchef des französischen Pneukonzerns.