Tritt Hillary Clinton einen Anleihen-Crash los?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Hillary Clinton das Rennen um das Präsidentschaftsamt für sich entscheidet, ist gestiegen. Für die Anleihenmärkte könnte das unschöne Folgen haben.
07.11.2016 08:53
Von Lorenz Burkhalter
Die französische Investmentbank Natixis befürchtet einen Anleihen-Crash, sollte Hillary Clinton ins Weisse Haus einziehen.
Die französische Investmentbank Natixis befürchtet einen Anleihen-Crash, sollte Hillary Clinton ins Weisse Haus einziehen.
Bild: Bloomberg

Sonntagnacht bestätigte FBI-Direktor James Comey gegenüber Medien zwar, dass die neu aufgetauchten E-Mails von Hillary Clinton gründlich untersucht würden. Allerdings räumte der Republikaner ein, dass die Präsidentschaftskandidatin seines Erachtens keine Strafe zu befürchten habe. Prompt schossen die Umfragewerte von Hillary Clinton nach oben. Beobachter sprechen bereits von einer entscheidenden Wende im Rennen um den Einzug ins Weisse Haus.

In einem Strategiepapier von Natixis wird ein Sieg Clintons in zwei Tagen nun als einer von zwei Gefahrenherden für einen Crash an den Anleihenmärkten genannt. Dazu brauche die demokratische Kandidatin allerdings eine Mehrheit ihrer Partei im amerikanischen Kongress, so schreibt der für die französische Investmentbank tätige Autor.

Machtverschiebungen im Kongress nicht auszuschliessen

Der Experte erwartet Turbulenzen an den Anleihemärkten, sollte Hillary Clinton nach ihrer Wahl zur Präsidentin Wort halten und die öffentlichen Ausgaben für die Infrastruktur, das Gesundheitssystem sowie die Bildung erhöhen und den gesetzlichen Minimallohn substanziell anheben. Für ihn steht fest: Macht die Demokratin ernst, würde das Staatsdefizit der Vereinigten Staaten weiter steigen und damit die für die Anleihenmärkte schädliche Teuerung anpeitschen.

Renditeentwicklung 10-jähriger Staatsanleihen der USA und Deutschlands, Quelle: Natixis

Ohne eine Mehrheit im Kongress liessen sich die Wahlversprechen jedoch nicht tel-quel umsetzen. Noch befindet sich dieser aber in der Hand der Republikaner. Gemäss Berechnungen von J.P. Morgan bräuchte es im Senat einen Wählerumschwung von fünf Prozent, um an den derzeitigen Machtverhältnissen zu rütteln. Das gilt als nicht unmöglich. Im Repräsentantenhaus bräuchte es hingegen einen Wählerumschwung von knapp 15 Prozent, was weit weniger wahrscheinlich ist.

Geldpolitischer EZB-Kurswechsel als zweiter Unsicherheitsfaktor

Gerade bei einer Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns wäre die erste Präsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten zweifelsohne auf eine Mehrheit im Kongress angewiesen. Wie der Stratege von Natixis schreibt, könnte die Teuerungsrate schon nur bei einem um 2 Prozent höher als bisher erwarteten Lohnwachstum auf jährlich 4 Prozent steigen. Das wäre zuviel für die Anleihemärkte.

Neben ausufernden Staatsausgaben in Übersee erachtet der Experte einen geldpolitischen Kurswechsel der Europäischen Zentralbank (EZB) als zweiten Unsicherheitsfaktor für die Anleihemärkte. Er rechnet mit dramatischen Folgen für die hochverschuldeten südeuropäischen Staaten, sollten sich die EZB-Vertreter zu einer Reduktion der Wertpapierkäufe durchringen. Auch vom Referendum in Italien sieht der Stratege Gefahren eines starken Renditeanstieg bei Anleihen mit längeren Laufzeiten ausgehen.

Sowohl in Europa als auch in Übersee haben die Zinsen gerade bei längeren Laufzeiten in den vergangenen Wochen bereits angezogen (siehe Chart oben). Allerdings verlief das Ganze bisher in relativ gesitteten Bahnen und nicht in Form eines Crashs.