Trotz Abspaltungsfantasie - Erste Verkaufsempfehlung für ABB in diesem Jahr

J.P. Morgan sieht ABB, anders als in früheren Jahren, nicht vom fortgeschrittenen Wirtschaftsaufschwung profitieren. Deshalb senkt die US-Investmentbank den Daumen über der Aktie des Industriekonzerns.
03.12.2018 08:25
Von Lorenz Burkhalter
Ulrich Spiesshofer, CEO von ABB.
Ulrich Spiesshofer, CEO von ABB.
Bild: cash

Die Aktie von ABB gilt als sogenannter "Spätzykliker". Mit anderen Worten: Beim schweizerisch-schwedischen Industriekonzern läuft das Tagesgeschäft vor allem dann rund, wenn der Wirtschaftsaufschwung weit fortgeschritten ist und langsam ausläuft.

Das müsste sich eigentlich auch positiv in der Kursentwicklung niederschlagen, was aber nicht der Fall ist. Mit einem Minus von fast 23 Prozent seit Anfang Januar zählt ABB zu den schwächsten Aktien aus dem Swiss Market Index (SMI) in diesem Jahr.

Abspaltung des Stromnetzgeschäfts ohne Impulse?

Das hält J.P. Morgan allerdings nicht davon ab, am frühen Montagmorgen eine Verkaufsempfehlung auszusprechen. In einer Branchenstudie stuft die US-Investmentbank die ABB-Aktie von "Neutral" auf "Underweight" herunter. Das Kursziel lautet neu 21 (zuvor 22) Franken.

Den Studienautoren zufolge unterscheidet die derzeitige Situation des Unternehmens jene in früheren Phasen eines weit fortgeschrittenen Wirtschaftsaufschwungs grundlegend. ABB sei im bisherigen Jahresverlauf langsamer als vergleichbare Rivalen gewachsen und verfüge über weniger stark gefüllte Auftragsbücher als sonst, schreiben sie. Ihnen fehlt deshalb der Glaube, dass der Industriekonzern seine "spätzyklischen Qualitäten" diesmal ausspielen kann.

Kursentwicklung der ABB-Aktie über die letzten 10 Jahre (Quelle: www.cash.ch)

Sollten sich die Spekulationen der letzten Wochen bewahrheiten, und ABB sich vom Stromnetzgeschäft trennen oder dieses in ein Joint-Venture einbringen, rechnen die Studienautoren zwar mit einer positiven Kursreaktion (cash berichtete). Dass sich mit diesem Befreiungsschlag auf Dauer Aktionärswerte schaffen lassen, dessen sind sie sich jedoch nicht so sicher.

Erste Verkaufsempfehlung für die Aktie in diesem Jahr

Am wahrscheinlichsten - so sind sich die J.P.-Morgan-Analysten sicher - ist eine Verschmelzung des Stromnetzgeschäfts mit den ähnlich gelagerten Geschäftsaktivitäten von Hitachi. ABB arbeitet auf diesem Gebiet schon heute mit den Japanern an gemeinsamen Projekten. Nur mittels eines solchen Joint-Ventures liessen sich die Umsatzsynergien zwischen dem Stromnetzgeschäft und den übrigen drei Divisionen von ABB ausschöpfen.

Wie Erhebungen der Nachrichtenagentur AWP verraten, fällt die Verkaufsempfehlung von J.P. Morgan etwas aus dem Rahmen. Von 22 Banken rät nämlich nur gerade die US-Investmentbank zum Verkauf der ABB-Aktie. Acht Banken empfehlen die Aktie zum Kauf, die verbleibenden 13 Banken schätzen sie zumindest neutral ein. Mit 24,50 Franken liegt das durchschnittliche Kursziel um mehr als 20 Prozent über dem Schlusskurs vom Freitag. Die Verkaufsempfehlung von J.P. Morgan sei die erste für die Aktie in diesem Jahr, so verlautet aus Marktkreisen. Es wird nicht ausgeschlossen, dass weitere Banken dem Vorstoss der US-Investmentbank folgen könnten.