Trotz Wilders-Pleite - Anleger zittern vor Frankreich-Wahl

Die Erleichterung an den Börsen über den Wahlsieg der proeuropäischen Kräfte in den Niederlanden ist gross. Sie könnte aber schnell wieder verpuffen.
16.03.2017 20:00
Marine Le Pen, Chefin des rechten Front National, Kandidatin für die französische Präsidentschaft.
Marine Le Pen, Chefin des rechten Front National, Kandidatin für die französische Präsidentschaft.
Bild: youtube

Denn ein Sieg der rechtsextremen Politikerin Marine Le Pen in Frankreich könnte die Europäische Union ins Chaos stürzen und mit ihr die Börsen. "Das Risiko Le Pen ist aus Sicht der Finanzmärkte noch nicht gebannt", warnt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Anleger haben gezittert vor den Wahlen in den Niederlanden - und sich deshalb in den vergangenen Wochen mit grösseren Engagements zurückgehalten. Die Sorgen waren gross, dass die Partei von Rechtspopulist Geert Wilders stark abschneidet. Ministerpräsident Mark Rutte setzte sich nun aber überraschend klar gegen seinen Rivalen durch und holte für seine rechtsliberale Partei VVD 33 der 150 Sitze im Parlament. Wilders PVV kam auf 20 Sitze. "Durchatmen ist nun angesagt", zieht der Chefökonom der VP Bank Gruppe, Thomas Gitzel, Bilanz. "Ein Wahlsieg einer rechtspopulistischen Partei in einem EU-Gründungsland hätte ein bedenkliches Ausrufzeichen gesetzt."

Zwar ist eine schwierige Regierungsbildung zu erwarten, die Freude an den Finanzmärkten war am Tag nach der Wahl aber gross: Der Dax stieg auf den höchsten Stand seit zwei Jahren, der Amsterdamer Leitindex notierte gar so hoch wie seit neun Jahren nicht mehr und auch in Paris jubelten Anleger. Der Risikoaufschlag französischer Staatsanleihen zu den Renditen der Bundesanleihen schrumpfte. "Der Wahlausgang könnte das Vertrauen der Anleger stärken, dass Populisten bei Wahlen nicht ausschliesslich besser als erwartet abschneiden", betont Anleiheexperte Daniel Lenz von der DZ Bank.

Angst vor neuer Finanzkrise

Experten warnen aber trotzdem davor, den Wahlausgang in den Niederlanden auf die Abstimmung in Frankreich zu projizieren. "Die politische Situation in Frankreich ist mit derjenigen in den Niederlanden kaum vergleichbar", sagt Anleihespezialist Diry Gojny von der National-Bank. Keiner der französischen Kandidaten sei wie Rutte bereits Amtsinhaber und könne einen Amtsbonus vor den Wahlen ausspielen, fügt Commerzbank-Experte Krämer hinzu. Le Pens Parteiprogramm sei nicht so radikal wie das von Wilders. Zudem seien die Wähler Le Pens hochmotiviert, während es unklar sei, wie viele Franzosen bei der Stichwahl am 7. Mai am Ende tatsächlich für ihren wahrscheinlichen Rivalen Emmanuel Macron stimmten. "Man muss den Rückstand Le Pens in den Umfragen mit Vorsicht interpretieren", warnt Krämer. Bislang liegen die beiden in Umfragen für die erste Wahlrunde am 23. April mit rund 25 Prozent ungefähr gleichauf. In der Stichwahl würde sich Macron demnach klar mit 60,5 Prozent zu 39,5 Prozent gegen Le Pen durchsetzen.

Run auf Schweizer Franken

Falls Le Pen tatsächlich das Rennen macht, erwarten Experten ein Börsenbeben. "Das wird eine Finanzkrise auslösen", ist sich Chefvolkswirt Leon Cornelissen von der Fondsgesellschaft Robeco sicher. Ausländische Investoren würden sich zurückziehen, Anleger ihre Sparkonten räumen, Banken kämen ins Schlingern. Vor allem den Euro würde es massiv treffen, denn Le Pen will Frankreich aus der Euro-Zone herauslösen. Manch ein Analyst hält eine Abwertung der Währung im zweistelligen Prozentbereich zum Dollar für möglich. Die Folge wäre wohl ein Run auf den Schweizer Franken, der in Krisenzeiten oft gesucht wird. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) steht in den Startlöchern, um im Notfall einzugreifen und den ihrer Ansicht nach schon jetzt überbewerteten Franken zu schwächen.

Zwar hätte Le Pen bei einem Wahlsieg zunächst einige Hürden zu überwinden, um wie die Briten ein Referendum über den EU-Austritt abhalten zu können. Krämer glaubt allerdings, dass die Chancen der 48-Jährigen am Ende recht gut stünden, das Land auf einen Anti-Europa-Kurs zu bringen: "Die Grundstimmung gegenüber der EU ist in Frankreich viel kritischer als in den meisten anderen EU-Ländern." Steht am Ende der Frexit - also der EU-Ausstieg Frankreichs - auf dem Programm, würde die Euro-Zone zusammenbrechen, da sind sich Experten einig. Umgekehrt gilt: Folgen die Franzosen den Niederländern und stimmen gegen nationalistische und separatistische Bewegungen in Europa, würde eine schwere Last von den europäischen Börsen fallen. 

(Reuters)