Twitter droht hartes Singledasein

Es sah so aus, als würden etliche Käufer bei Twitter Schlange stehen. Doch der Kurznachrichtendienst muss immer noch alleine klarkommen. Experten sagen ihm ein hartes Singledasein voraus.
22.10.2016 15:31
Twitter ist beliebt, aber immer noch defizitär.
Twitter ist beliebt, aber immer noch defizitär.
Bild: Bloomberg

Es hätte so schön werden können: Twitter stellte sich zum Verkauf - und lauter Traumpartner standen Schlange. So zumindest schien es zunächst. Als Interessenten wurden Branchengrössen gehandelt wie die Google-Mutter Alphabet, Apple, Microsoft, Walt Disney und der SAP-Rivale Salesforce. Doch dann sickerte durch, dass einer nach dem anderen sich gegen die Übernahme entschied. Der erhoffte Käufer ist also nicht in Sicht. Der Kurznachrichtendienst muss vorerst alleine klarkommen. Experten sagen ihm ein hartes Singledasein voraus.

Demnach könnte Twitter sich zu einem Weg gezwungen sehen, den aufstrebende Technologiefirmen für gewöhnlich scheuen wie der Teufel das Weihwasser: ein Sparkurs mit Stellenstreichungen. "Es werden beherzte Schritte nötig sein", sagt Management-Professor David Hsu von der Universität Pennsylvania. "Um Twitters Kerngeschäft als Werbe- und Kurznachrichtenplattform aufrechtzuerhalten, braucht man nur eine sehr schmale Belegschaft."

Auch Analyst Robert Peck von der Investmentbank SunTrust legt einen Arbeitsplatzabbau nahe. Wenn das Unternehmen aus San Francisco seine Mitarbeiterzahl von derzeit knapp 4000 um zehn Prozent reduziere, könne es etwa 100 Millionen Dollar jährlich einsparen, rechnet er vor. Doch massive Kürzungen bergen auch ein erhebliches Risiko: Sie könnten dem Firmenimage schaden und heiss begehrte Nachwuchstalente künftig davon abhalten, bei dem Konzern anzuheuern.

Quo vadis, Twitter, wohin geht die Reise? Antworten werden vom Management bereits am kommenden Donnerstag erwartet, wenn die aktuellen Quartalszahlen anstehen. Der Kurznachrichtendienst steckt wirtschaftlich in einer Zwickmühle.

Er ist zwar beliebt, häuft aber immer weiter Verluste an. In den vergangenen Jahren hat er massiv in Produktentwicklung und Marketing investiert. Doch die Zahl der aktiven Nutzer tritt mittlerweile auf der Stelle. Sie liegt mit über 300 Millionen im Monat deutlich hinter dem Online-Netzwerk Facebook und dessen Tochter Instagram zurück.

Verblasste Sterne

"Da das Wachstum stagniert, muss das Unternehmen wohl seine überschüssigen Kosten senken", erläutert Analyst Peck. Allein die Ausgaben für Vertrieb und Marketing machten zuletzt 40 Prozent des Konzernumsatzes aus. Bei den Rivalen Alphabet, Facebook und Yahoo belaufen sich die Quoten lediglich auf zwölf bis 19 Prozent, wie Reuters-Berechnungen ergaben. Auch der Anteil der Forschungsaufwendungen ist bei Twitter höher als bei der Konkurrenz, wenngleich nicht in diesem Ausmass.

Um hier zu sparen, könnte das Unternehmen Analysten zufolge auf bestimmte Produkte verzichten und Jobs in Niedriglohnländer verlagern. Ferner schlagen die Experten vor, dass Twitter seine grosszügige Entlohnungspraxis zurückstutzt. Um Spitzenpersonal anzulocken, werden üppige Pakete mit Aktienoptionen geschnürt. Im vergangenen Jahr verteilte der Konzern aktienbasierte Vergütungen über insgesamt 682 Millionen Dollar - bei einem Umsatz von rund zwei Milliarden. Dieses hohe Verhältnis schreckte Insidern zufolge 2015 Finanzinvestoren ab, die eine Übernahme prüften.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass das Unternehmen neue Grossaktionäre zum Einstieg bewegen kann, die es dazu antreiben, die Gewinnwende zu schaffen. Das Problem dabei ist allerdings: Die Sache darf nicht wie eine Verzweiflungstat aussehen, wie Manager aus der Beteiligungsbranche unterstreichen. Für welchen Weg sich Twitter auch entscheiden mag - die Zeit ist knapp.

Das zeigt die Entwicklung anderer einstmals gefeierter Internetstars wie des Spieleproduzenten Zynga und des Schnäppchenportals Groupon. Deren Ansehen ist bei Anlegern weitgehend geschwunden. Die Aktien der beiden sind nur noch einen Bruchteil dessen wert, was sie bei den Börsengängen auf die Waage brachten.

(Reuters)