Überangebot am Ölmarkt - Öl und Aktien koppeln sich ab

Der fallende Ölpreis dominiert momentan die Schlagzeilen an den Märkten. Die Angst geht um, dass seine Talfahrt wieder einmal die Aktienmärkte belasten könnte. Zu Recht?
22.06.2017 14:46
Die Ölpumpen laufen vielerorts auf Hochtouren.
Die Ölpumpen laufen vielerorts auf Hochtouren.
Bild: Bloomberg

Es vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem die Ölpreise nicht noch tiefer in den Keller sinken. Mittlerweile ist die am Markt wichtigste Sorte Brent bei knapp 45 Dollar angekommen, dem tiefsten Stand seit November. Noch im April kostete ein Barrel (159 Liter) Brent-Öl 56 Dollar.

Weil die Ölpreise immer auch ein Indikator für den Zustand der Weltwirtschaft sind, blicken auch die Aktien-Investoren zusehends besorgt auf Veränderungen des Rohstoffes. Brummt die Wirtschaft, werden mehr Rohstoffe benötigt. Umgekehrt können sinkende Ölpreise die Folge einer lahmenden Nachfrage sein. So verliefen in der Vergangenheit die Kurse wichtiger Börsenindizes häufig parallel zu den Erdölpreisen.

Zuletzt war dieser Gleichschritt zwischen Sommer 2015 und Winter 2016 deutlich sichtbar. Damals mehrten sich die Zeichen, in China könnte sich das Wirtschaftswachstum spürbar verlangsamen. Daraufhin sanken nicht nur die Ölpreise auf den tiefsten Stand seit Jahren. Auch die Aktienmärkte rund um den Globus brachen regelrecht ein, vor allem im Januar 2016.

Doch seither tut sich diesbezüglich eine Schere auf, wie der folgende Chart zeigt. Während zum Beispiel der amerikanische Dow Jones (rosa Linie) auf ein neues Allzeithoch kletterte, sind die Ölpreise (rote Linie) nicht annähernd so teuer wie vor dem grossen Absturz. Vor allem in den letzten Wochen und Monaten konnte ein fallender Ölpreis den Aktienmärkten nichts anhaben.

Dow Jones (rosa) und Preis für Ölsorte Brent im Verlauf der letzten fünf Jahre (Quelle: cash.ch)

Der Grund für diese Entkoppelung dürfte vor allem in der enormen Angebotsausweitung liegen. Denn die deutliche Zunahme an gefördertem Erdöl, insbesondere in den USA, wird durchs Band als wichtigster Faktor für die tiefen Preise genannt. Nach Angaben der US-Regierung ist das Volumen an gewonnenem Rohöl kürzlich auf den höchsten Stand seit August 2015 gestiegen.

Dadurch besteht auf dem Weltmarkt weiterhin ein Überangebot, obwohl die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) eben erst einer Förderkürzung zugestimmt hatte. Bereits machen Gerüchte die Runde, wonach über eine weitere Drosselung diskutiert wird.

Solange die Ölvorräte so gross sind, dürften die Preise weiter fallen oder zumindest auf tiefem Niveau verharren – unabhängig davon, wie sich die unterschiedlichen Sektoren der Weltwirtschaft entwickeln. Somit ist auch an den Aktienmärkten die Angst vor einer Öl-Baisse bis auf weiteres unbegründet.