Uhren-Präsident Pasche: «Chinesischer Markt wird sich stabilisieren»

Die Uhrenexporte leiden, aber beim Branchenverband ist für Wehklagen kein Platz. Präsident Jean-Daniel Pasche sagt, wie er China einschätzt, was an Rabatten heikel ist und wie auch Traditionsmarken innovativ sein können.
07.08.2016 23:05
Interview: Marc Forster
Jean-Daniel Pasche, Präsident des Uhrenindustrie-Verbands Fédération Horlogère.
Jean-Daniel Pasche, Präsident des Uhrenindustrie-Verbands Fédération Horlogère.
Bild: ZVG

Die Schweizer Uhrenindustrie erlebt wahrlich keine erfreulichen Zeiten. Im Juni allein brach der Export um 16 Prozent ein. Im gesamten ersten Halbjahr gingen die Ausfuhren um 10 Prozent zurück, und der Grund liegt vor allem in einem Land: China, wo seit gut einem Jahr die Konjunkturentwicklung stockt.

Chinesen kaufen im Land noch auf ihren Reisen weniger Uhren ein. Verschärft wird der Abwärtstrend nun wegen einer Reihe von Terroranschlägen, die Europa seit Monaten heimsuchen. Jean-Daniel Pasche, Präsident des Branchenverbands Fédération Horlogère, bleibt aber guten Mutes, was den chinesischen Markt betrifft.

Auch beim Standort Schweiz gibt es beunruhigende Nachrichten: Die Genfer Luxusmarke Patek Philippe will gerüchteweise die Produktion drosseln, will aber Entlassungen vermeiden. Im Interview erklärt Jean-Daniel Pasche, weswegen er es auch beim Standort Schweiz für verfrüht hält, die Alarmglocken zu schlagen.

cash: Jean-Daniel Pasche, die Schweizer Uhrenbranche hat einen einzigartigen Ruf auf der Welt. Lässt sich dieses Ansehen weiterhin erhalten?

Jean-Daniel Pasche: In der Schweiz und auf der Welt ist die Reputation in der Tat sehr gut. Ich stelle dies immer wieder fest, sei es auf Wirtschaftsreisen, durch Gespräche oder in den Medien. Auch die Schweiz wird durch die Uhrenbranche positiv wahrgenommen.

Erleben Sie dies eher in Bezug auf traditionelle Uhren oder auch auf technologische Neuerungen?

Sowohl die Tradition als auch die Innovation spielen eine Rolle. Man kann diese beiden Dinge nicht voneinander trennen. Innovation bedeutet aber auch die Verwendung neuer Materialien, die Uhren widerstandsfähiger, zuverlässiger oder auch leichter machen. Man arbeitet bei mechanischen Uhren daran, die Abnutzung durch die Reibung in den Werken zu verringern. Aber genauso spielen neue Farben, Designs und Formen eine wichtige Rolle, auch wenn wir von einem insgesamt traditionellen Produkt sprechen.

Bei den Märkten ist China ein Problem, weil die Verkäufe zurückgehen. Einerseits betrifft dies chinesische Touristen in der Welt, aber auch China als Landesmarkt. Wie kann die Schweizer Uhrenindustrie den Herausforderungen im Land selbst begegnen?

Das Konjunkturproblem Chinas ist ein exogener Faktor. Was die Verkäufe von Luxusgütern ja auch seit einigen Jahren belastet, ist die Anti-Korruptionspolitik der Regierung. Unsere Verkäufe sind gewissermassen und leider ein "Kollateralschaden" dieser Politik. Aber wir begrüssen die Anti-Korruptionsmassnahmen, denn wir wollen einen anständigen und ehrlichen Handel.

Ist es sinnvoller, in China eher auf den Verkauf besonders teurer oder eher preiswerter Marken und Modelle zu setzen?

Es ist nicht unüblich, dass in einem Markt, der in Schwierigkeiten steckt, die Verkäufe günstigerer Produkte anziehen. Für diese Krisenzeit ist die Lancierung billigerer Produkte sicherlich ein Weg, und jede Marke muss sich individuell positionieren. Aber ich denke, eine Niedrigpreis-Strategie ist eine eher vorübergehende Entwicklung, die dazu dient, Klippen zu umschiffen. Die Schweizer Uhrenhersteller müssen auch langfristig im Hochpreis-, in der Mittelklasse und im günstigen Segment präsent sein. Das Luxussegment ist natürlich das wichtigste und profitabelste Segment, mit einem Umsatzanteil von 87 Prozent.

Erfordert der chinesische Markt in tieferes Umdenken?

Wir bleiben bezüglich dieses Marktes zuversichtlich, denn die Wirtschaft wächst ja immer noch. Schliesslich sind wir zwischen dem Jahr 2000 und heute ausserordentlich gewachsen: Von weit unter 100 Millionen Franken zu einem Milliardengeschäft. Die chinesische Mittelklasse wächst trotz aller Probleme weiter und damit auch die Zahl potentieller Kunden für die Schweizer Uhrenbranche. Dieser Markt wird sich stabilisieren, aber nicht jede Marke wird gleich schnell profitieren. Bei einigen könnte sich die Lage aber noch dieses Jahr verbessern.

Europa wird diesen Sommer von einer Terror-Welle erschüttert, und man fürchtet, dass chinesische Touristen als wichtige Uhrenkäufer fernbleiben. Wie gross ist dieses Problem?

Der Terrorismus bremst das Geschäft, soviel ist klar. Wir haben das in Frankreich gesehen, wo sich der Markt bis vor kurzem gut entwickelt hat. Weil asiatische Touristen oft mehrere Länder auf einer Reise besuchen, wirkt sich dies auf die anderen grossen europäischen Märkte negativ aus, wie wir in den Zahlen zum ersten Halbjahr gesehen haben. Wir sprechen hier von Märkten wie Grossbritannien oder Deutschland, die gut liefen und nicht so stark von der Schuldenkrise betroffen waren. Leider wird sich bestätigen, dass der Terrorismus das Geschäft belastet, auch wenn ich das Ausmass noch nicht beziffern kann.

Welche Rolle spielen die reichen arabischen Länder und Touristen aus diesen Ländern?

Der mittlere Osten und die Golfstaaten ist eine gute Region für unsere Verkäufe. Dies führt auch dazu, dass aus diesen Ländern potenziell mehr Touristen kommen.

Wie betrifft denn das Brexit-Votum in Grossbritannien und der Fall des Pfunds die Schweizer Uhrenhersteller?

Der Brexit löst Unsicherheiten aus und beschäftigt die Währungsmärkte. Der Brexit hat ja weiteren Aufwertungsdruck auf den Franken und Abwertungsdruck auf den Euro und das Pfund erwirkt. Dies ist schon eine heikle Situation für die Schweizer Uhren.

Weswegen heikel?

Die Hersteller müssen sich nun überlegen, ob sie in Grossbritannien wegen des gesunkenen Pfund-Kurses die Preise erhöhen oder die Margen senken sollen. Das hat Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit und ist eine schwierige Überlegung. Ein positiver Aspekt ist insofern, dass die Uhren für die Touristen in Grossbritannien natürlich im Moment aufgrund des Wechselkurses günstiger sind.

Ist der in Pfund gerechnete Marktanteil nicht recht klein?

Ja, das ist er sicherlich. Aber das Vereinigte Königreich ist immerhin der siebtgrösste Exportmarkt der Branche, noch vor den Vereinigen Arabischen Emiraten und Frankreich!

Wenn westliche Märkte und China von Problemen behaftet sind, in welchen andern Ländern sehen Sie Potential?

Solche Entwicklungen hängen von den Gegebenheiten vor Ort ab. Indien beispielweise entwickelt sich wegen der Bürokratie und der hohen Steuern nicht sonderlich gut. Leider sind dort auch keine Reformen und Handelserleichterungen in Aussicht. Auch Brasilien ist als Markt zu wenig bewirtschaftet, ebenfalls wegen Rahmenbedingungen wie geradezu prohibitiv hohen Steuern. Märkte mit Potential sind hingegen Indonesien, Vietnam, aber auch die Philippinen, auch wenn wir dort nicht über Nacht wachsen werden. Dort würden uns allerdings Freihandelsabkommen nützen.

Zur Uhrenbranche im Inland: Erwarten Sie wegen des Drucks auf die Umsätze eine Konsolidierung der Schweizer Uhrenbranche?

Es hat in den vergangenen Jahren natürlich eine Integration in Unternehmensgruppen gegeben, sowohl inländischer wie ausländischer Konzerne. Diese kaufen manchmal auch ihre Zulieferer auf: Solche Tendenzen können sich schon fortsetzen. Durch wirtschaftliche Probleme kommen auch einzelne Marken und Unternehmen auf den Markt. Konkret weiss ich gerade nichts über solche Übernahmeziele, aber eine Konsolidierung ist weiterhin möglich.

Richemont etwa hat im April Entlassungen angekündigt, der Geschäftsgang vieler Hersteller ist unter Druck. Nimmt die Beschäftigung im Uhrensektor ab? Droht Desindustrialisierung?

Ich würde nicht von einer Desindustrialisierung sprechen. Die Beschäftigung nimmt wegen der derzeitigen konjunkturellen Verfassung aber in der Tag leicht ab: 2015 betrug der Rückgang etwa 0,5 Prozent, 2016 es auch einen leichten Rückgang geben. Auch Kurzarbeit spielt derzeit eine Rolle. Die Branche hat in den vergangenen Jahren aber in der Schweiz investiert: 2010 bis 2015 hat man unter dem Strich 10‘000 Stellen geschaffen.

Spielt dabei auch das bedeutende Label «Swiss Made» eine Rolle, das gewissermassen zum Standort Schweiz zwingt?

Ja, Swiss Made ist für die Kunden weltweit extrem attraktiv. Dafür muss man Bedingungen erfüllen: Aktuell muss das Uhrwerk aus der Schweiz sein und die Uhr muss hier zusammengebaut und kontrolliert werden. Mit der 'Swissness'-Gesetzgebung, die am 1. Januar 2017 in Kraft tritt, werden die Bedingungen strenger. Sie definiert, dass 60 Prozent der Herstellungskosten eines Produkts aus der Schweiz sein muss. Auch die technische Entwicklung muss in der Schweiz stattfinden. Das hilft der Arbeitsplatzsituation in der Schweizer Uhrenindustrie.

Schiebt dies auch die Schweizer Innovation an, beispielsweise im schnell wachsenden Markt für Smartwatches?

Gewisse Schweizer Hersteller sind interessiert am Bau von Smartwatches und Uhren mit Zusatzfunktionen und ja, auch dies nützt der Beschäftigung in der Schweiz.

Jean-Daniel Pasche (geboren 1956) ist seit 2002 Präsident der Fédération Horlogère (FH), Branchenverband und Interessenvertretung der Schweizer Uhrenindustrie. Der Verband vertritt etwa 90 Prozent der Schweizer Hersteller von Uhren oder für den Uhrenbau wichtiger Komponenten und betreibt neben dem Hauptsitz in Biel je ein Büro in Hongkong und in Japan.