cash.ch: Der S&P 500 Index ist seit Jahresanfang bereits um mehr als 9 Prozent gestiegen - mehr als dieser im Normalfall im ganzen Jahr zulegt. Geht die Rally trotzdem weiter?

Sven Anders: Die Rally kann auf jeden Fall weitergehen. Wir haben am Dienstag einen positiven Tag im S&P 500 gesehen, obwohl die US-Inflationszahlen über den Erwartungen lagen. Zudem ist der jetzige Anstieg im ersten Quartal 2024 stärker als im Vergleich zum letzten Jahr ausgefallen. Offen ist, wie stetig dieser Aufschwung ist. 

Kann die Rally überhaupt ausgebremst werden?

Wir haben ein paar Faktoren, welche die Märkte negativ beeinflussen können. Die Rezessionssorgen sind zwar in den Hintergrund getreten, aber nicht ganz verschwunden. Zudem kann die eher hartnäckige Inflation, ein leicht schwächerer Arbeitsmarkt oder die US-Notenbank Fed für Verunsicherung sorgen. Wir sehen momentan aber, dass all diese Faktoren die Aktienmärkte beflügeln. Die US-Wahlen im November sollten nicht vergessen werden, spielen aber in der Regel keine zu grosse Rolle für die Aktienmärkte. 

Die positiven Faktoren haben dazu geführt, dass der Börsenaufschwung an Breite gewonnen hat?

Der Tech-Bereich hat im letzten Jahr die ganzen Märkte angetrieben. Jetzt sind es auch alle anderen Sektoren. Also nicht mehr nur die magischen Sieben mit Amazon, Apple, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla, sondern wirklich der breite Markt. US-Aktien haben weiteres Potenzial bei einem Gewinnwachstum von rund 12 Prozent.

Ist ein Gewinnwachstum bei den Unternehmen im S&P 500 Index von 12 Prozent über die nächsten paar Jahre realistisch?

Das Gewinnwachstum war im letzten Jahr nur leicht positiv mit einem Plus von 0,1 Prozent. Wir erwarten sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr ein Gewinnwachstum von 12 Prozent. Also etwas stärker als der historische Schnitt von 10 Prozent. Da holen wir aber sicherlich einen Teil vom letzten Jahr nach. 

Die Tech-Aktien hatten eine aussergewöhnliche Performance, das Gewinnwachstum bei Nvidia ist ausserhalb der «Norm». Geht das so weiter? 

Auf der einen Seite haben wir die magischen Sieben, die in den letzten fünfzehn Monaten über 80 Prozent zum Kursanstieg des S&P 500 beigetragen. Das Ganze sehen wir jetzt auseinander driften. Es trennt sich gerade in zwei Richtungen - Aktien, welche sehr stark im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) sind, und solche, die nicht unmittelbar davon profitieren. Ich glaube grundsätzlich, dass der KI-Bereich als Segment weiterhin attraktiv bleiben wird. 

Trotz hoher Bewertungen? 

Wir stehen da erst am Anfang und sehen immer mehr Applikationen in anderen Bereichen wie im Gesundheitswesen, im Finanzsektor oder im Industriegüterbereich. Der ganze Business Case weitet sich aus. Und da sehe ich tatsächlich auch das Potenzial weiterhin für dieses und das nächste Jahr, vielleicht sogar für die Jahre darauf. Es sind eben nicht nur die reinen Technologieaktien, sondern auch Unternehmen, die primär erstmal nichts mit Technologie zu tun haben, sich aber KI zunutze machen. Deswegen erwarten wir ja gerade für dieses Jahr, dass der breite Markt stärker wachsen kann. 

Bei den Tech-Aktien hinkt Apple mittlerweile Microsoft hinterher. Wieso?

Momentan sehen wir, dass vom Markt ganz klar eingepreist wird, welche Firmen im KI-Bereich funktionieren und welche nicht. Tesla liegt deutlich hinten, Apple ebenso, Alphabet tendiert seitwärts und auf der anderen Seite entwickeln sich Microsoft, Amazon, Nvidia und Meta positiv. Der Markt fokussiert sich derzeit sehr stark auf die Unternehmen, die den KI-Trend weiter vorantreiben können. 

Setzt sich dieser Trend zur Outperformance der magischen «Vier» fort?

Wir suchen die besten Aktien in einem Zyklus von drei bis fünf Jahre. Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen, weil wir sehen, dass einige dieser Hardwareunternehmen wie beispielsweise Apple und Tesla relativ teuer sind bei einem relativ geringen Gewinnpotenzial. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir jetzt unbedingt die eine Aktie über - oder untergewichten, aber rein von der fundamentalen Analyse sehen wir hier schon einen Unterschied im Vergleich zum letzten Jahr. 

Gehört ein Nasdaq-ETF deshalb in jedes Portfolio?

Technologie als Sektor macht nur 58 Prozent im Nasdaq 100 aus, weshalb der Index als Benchmark für ein Technologieportfolio eher ungeeignet ist. Berücksichtigt man zum Beispiel die relativ teuren Hardwarehersteller und setzt diesen die eher günstig bewerteten Halbleiterwerte gegenüber, dann ist die passive Allokation in einem Index nicht die beste Wahl. Ein aktiv gemanagter Technologiefonds wie der JPM US Technology Fund macht da mehr Sinn.

Ergibt ein Portfolio mit europäischen Tech- und KI-Titeln Sinn?

Investoren, denen das Thema KI wichtig ist, können die USA nicht aussen vor lassen. Die globalen Technologie-Benchmarks bestehen zu 80 bis 85 Prozent aus US-Aktien. Ich glaube, dass europäische Aktien gut laufen können. Aber die schnell wachsenden Unternehmen und die stabilen Wachstumswerte sehen wir trotzdem weiterhin in den USA.  

Wie wichtig sind Zinssenkungen, damit die Rally an den US-Aktienmärkten weitergeht? 

Wir haben momentan ein Zinsniveau, das wahrscheinlich zu hoch ist für verschiedene Bereiche. Die Banken beispielsweise, die haben ein Problem, weil bei einem Hypothekenzinssatz von 7 Prozent keine neuen Hypotheken aufgenommen werden. Das heisst, es werden effektiv weniger Kredite vergeben. Das ist etwas, was sich längerfristig gerade bei kleineren Banken negativ auswirkt. Aber auch die ganze Heimwerker-Branche spürt das. Wenn keine Hypotheken aufgenommen werden, weil die Leute keine Häuser kaufen oder renovieren, dann brauchen sie auch keine Materialien. Das bedeutet wiederum, dass auch der Retailhandel so langsam unter Druck kommt. Deshalb wäre ein niedrigeres Zinsniveau schon wünschenswert in der zweiten Jahreshälfte. 

Derzeit macht es den Eindruck, dass die Zinssenkungen später als vom Markt erwartet kommen?

Die Fed ist sehr offen in der Kommunikation, wir sehen da keine grossen Abweichungen in den Erwartungen. Es ist vielmehr der Markt, der seine Meinung schnell ändert. Im Januar haben 80 Prozent der Marktteilnehmer erwartet, dass die erste Zinssenkung im März kommt. Das ist mittlerweile komplett ausgepreist. Jetzt erwarten 55 Prozent eine erste Zinssenkung im Juni. 

Könnte auch das noch zu früh sein?

Wir erwarten, dass es eine Zinssenkung geben wird, aber diese kann auch erst in der zweiten Jahreshälfte erfolgen. Wichtiger ist, dass sich an den Rahmendaten nichts ändert. Bleibt die Inflation weiter hoch, müssen wir vielleicht noch länger warten. Sollte der Arbeitsmarkt weiter sehr robust bleiben und die Inflation fallen, dann erwarten wir nach wie vor Zinssenkungen in diesem Jahr, wobei zwei bis drei Zinssenkungen bis Jahresende aus unserer Sicht ein realistisches Szenario bleiben. 

Die Small Caps sind in den letzten 18 Monaten vor allem wegen höherer Refinanzierungskosten den Large Caps hinterher gehinkt. Bleibt das so?

Die Kursrally in den letzten Jahren war tatsächlich von den Large Caps getrieben. Was interessant ist, denn Small Caps sind gegenüber Large Caps immer noch sehr attraktiv bewertet. Ende letzten Jahres hatten wir historisch betrachtet den grössten Gap zwischen den Bewertungen von Small Caps und Large Caps Aktien. In anderen Worten bedeutet das, dass Small Caps nie attraktiver aussahen als zu dem Zeitpunkt. 

Wieso kam es zu dieser Underperformance der kleinkapitalisierten Werte?

Im Falle einer Rezession schneiden Small Caps einfach schlechter bei der Bewertung und der Kursentwicklung ab. Auch jetzt sind unsere Kunden immer noch vorsichtig, weil das Risiko einer Rezession immer noch nicht ausgeschlossen werden kann und die Problematik im Regionalbanken Bereich im letzten Jahr für Verunsicherung gesorgt hat.. 

Ist es also zu früh für Small Caps?

Kurzfristig bleibt es eine grosse Herausforderung. Wenn wir aber bei Large Caps einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren und bei Small Cap fünf Jahre plus definieren, dann sehen die Bewertungen durchaus attraktiv aus. Wichtig ist aber auch hier, in die besten Qualitätsaktien zu investieren. 

Sven Anders ist Mitglied des US Equity Investment Specialist-Teams bei JPMorgan Asset Management in London. Sven betreut seit 2016 als Produktspezialist für US-Aktien Fondskunden ausserhalb der USA. In dieser Funktion ist er im Namen des US-Equity-Portfoliomanagementteams für die Kommunikation der Anlageperformance, des Ausblicks und der Strategiepositionierung verantwortlich. 

Das Interview wurde anlässlich eines von JPMorgan Asset Management in London durchgeführten Medienanlasses geführt. 

Thomas Daniel Marti
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