Vergangenheit holt Grossbank ein - Nach Razzien: Credit Suisse droht weitere Busse

Die Razzien in den Büroräumlichkeiten der Credit Suisse am Freitag kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt und könnten sogar finanzielle Folgen haben. Anleger trennen sich deshalb von ihren Aktien.
03.04.2017 13:18
Von Lorenz Burkhalter
Filiale der Credit Suisse am Bundesplatz in Bern.
Filiale der Credit Suisse am Bundesplatz in Bern.
Bild: cash

Wer dachte, dass bei der Credit Suisse (CS) nach der im Dezember erzielten Einigung im US-Hypothekenstreit endlich Ruhe einkehrt, der irrt. Mit den überraschenden Razzien in Büroräumen in London, Paris und Amsterdam von Ende letzter Woche holt die Vergangenheit die Schweizer Grossbank wieder ein.

Die Credit Suisse selber versucht sich indes in Schadensbegrenzung. Über das Wochenende schaltete sie in zahlreichen Zeitungen zweiseitige Inserate, in welchen sie die Vorwürfe gegen sich zurückweist. Man verfolge eine strikte Nulltoleranz gegenüber Steuersündern, so lässt man Kundschaft und Öffentlichkeit wissen.

Obschon sich zum jetzigen Zeitpunkt bloss über mögliche finanzielle Folgen spekulieren lässt, schliessen Beobachter solche nicht kategorisch aus. Dabei wird auf ähnlich gelagerte Vorwürfe der französischen Behörden gegen die Rivalin UBS verwiesen. Die grössere der beiden Schweizer Grossbanken musste in diesem Zusammenhang bereits eine milliardenschwere Kaution hinterlegen. Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der Steuerstreit mit Frankreich vor Gericht kommt.

Die Angst vor Kostenfolgen und einem Reputationsschaden setzt der CS-Aktie am Montag an der Schweizer Börse SIX erneut zu. Nachdem sie schon am Freitag 1,2 Prozent einbüsste, verliert sie zur Stunde weitere 1,1 Prozent auf 14,73 Franken. Im Laufe des Vormittags wurden zeitweise sogar Kurse um 14,63 Franken bezahlt. Händler berichten von vereinzelten Umschichtungen in Richtung der Rivalen UBS und Julius Bär.

Zeitpunkt ist denkbar ungünstig

Wie am Freitag bekannt wurde, hatten lokale Behörden tags zuvor Büroräumlichkeiten in London, Paris und Amsterdam einen Besuch abgestattet und Vermögensverwerte in Millionenhöhe beschlagnahmt. Betroffen seien mehrere Inhaber von insgesamt 3'800 Konten mit Verbindungen in die Niederlande. Insgesamt gebe es sogar rund 55'000 verdächtige Konten bei der Schweizer Grossbank.

Aus Sicht der Credit Suisse kommt die von den Niederlanden angestossene Jagd auf Steuersünder zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Eigentlich wollte sie in Kürze über Massnahmen zur Stärkung der im Konkurrenzvergleich eher dünnen Eigenkapitaldecke informieren. Zur Diskussion stehen entweder ein teilweiser Börsengang der Universalbank Schweiz oder aber eine reguläre Kapitalerhöhung mittels der Ausgabe von Bezugsrechten.

Die von einem drohenden Bussgeld ausgehende Ungewissheit hätte Folgen, sollten sich die Firmenvertreter um Konzernchef Tidjane Thiam für eine reguläre Kapitalerhöhung entscheiden. Schliesslich hasse die Börse nichts so sehr wie Ungewissheit, so lassen Händler durchblicken.

Erst im Dezember legte das Unternehmen einen 5,3 Milliarden Dollar teuren Rechtsstreit mit dem US-Justizministerium im Zusammenhang mit der Verbriefung fragwürdiger Hypothekarkredite bei.

Mehr als nur ein «Sturm im Wasserglas»

Trotz zusätzlichem Rückstellungsbedarf in Milliardenhöhe liessen einige Grossaktionäre jüngst sogar durchblicken, dass die Credit Suisse die Eigenkapitalbasis über das laufende Geschäft stärken und auf Massnahmen verzichten könne. Zu diesen Aktionären zählte auch der bekannte US-Substanzinvestor Harris Associates. Wie es im hiesigen Berufshandel heisst, werden diese Stimmen fürs erste womöglich verstummen.

Nur die allerwenigsten Händler sehen in der Jagd auf Steuersünder aus Sicht der Schweizer Grossbank einen "Sturm im Wasserglas". Und auch der für die australische Investmentbank Macquarie tätige Analyst sieht die Credit Suisse in einer schwierigen Situation. Seines Erachtens kommen diese Probleme nach dem kostspieligen Vergleich in den USA und in Anbetracht der milliardenschweren Forderung Frankreichs an die Adresse der Rivalin UBS zu einem schlechten Zeitpunkt. Er empfiehlt die CS-Aktie deshalb unverändert mit "Underperform" zum Verkauf. Andere seiner Berufskollegen verweisen auf die von der Credit Suisse in Deutschland in einem ähnlichen Zusammenhang geleistete Zahlung in tiefer dreistelliger Millionenhöhe.