Verhärtete Fronten im VW-Hickhack

Die Verhandlungen im VW-Konzern über den Umbau der schwächelnden Kernmarke Volkswagen stecken im Streit über Einsparungen und Investitionen fest.
22.10.2016 10:05
Bei VW wird verhandelt und gefeilscht.
Bei VW wird verhandelt und gefeilscht.
Bild: Pixabay

VW-Markenchef Herbert Diess strebt nach Informationen aus Verhandlungskreisen zusätzliche Kostensenkungen um 3,7 Milliarden Euro im Jahr bis 2021 an. Betriebsratschef Bernd Osterloh will sich darauf ohne feste Zusagen für Produkte und Beschäftigungsgarantien für jeden Standort nicht einlassen, wie er auf der Betriebsversammlung im Stammwerk Wolfsburg am letzten Donnerstag verdeutlichte.

"Sonst wird es mit dem Zukunftspakt nichts", sagte Osterloh auf der Versammlung vor rund 20.000 Beschäftigten, wo Diess nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung minutenlang wegen der Sparpläne ausgebuht wurde.

Der VW-Markenchef schloss auf der nicht-öffentlichen Veranstaltung betriebsbedingte Kündigungen aus. "Wir müssen die Mannschaft verkleinern, aber es wird keine Entlassungen geben", sagte Diess einer Mitteilung zufolge. Damit erfüllte er eine der Forderungen, die der Betriebsrat in einem Brief an die Belegschaft als "rote Linie" markiert hatte.

Management und Betriebsrat sind sich auch einig, Altersteilzeit und Rentenantritt in den kommenden Jahren zu einem sanften Stellenabbau zu nutzen. Die Arbeitnehmer stellten aber die Bedingung, dass die Tarifverträge nicht angetastet und Beschäftigtenzahlen für jeden Standort garantiert werden.

Festgefahrene Verhandlungen

Seit einigen Monaten schon ringen mehr als 60 Manager und Betriebsräte in sechs Arbeitsgruppen um die Zukunft von VW. Eigentlich wollten die Verhandlungsparteien bis Ende des Monats auf einen Nenner kommen, weil der Aufsichtsrat am 18. November den neuen Fünfjahresplan mit den Budgets für alle Konzernmarken beschliessen soll. "Derzeit sind wir noch ein gutes Stück von einer Einigung mit dem Unternehmen entfernt", schrieb der Betriebsrat.

Die Verhandlungen seien festgefahren, weil sich keine Seite bewege, sagte ein Insider. Das Management wolle die vom Betriebsrat geforderten Zusagen nur machen, wenn die Arbeitnehmer zu dem Einsparvolumen bereit seien.

Die Kernmarke mit ihren 200.000 Beschäftigten in fast 30 Werken weltweit steht schon länger in der Kritik am Kapitalmarkt, weil sie nur wenig Gewinn abwirft. Der Druck zur Kostensenkung steigt mit den Milliardenlasten aus dem Dieselabgasskandal sowie massiven Investitionen in Elektroautos und neue digitale Dienste. Die beschleunigte Umstellung auf batteriebetriebene Fahrzeuge führt zu einem Umbau der Produktion, die derzeit fast völlig auf die viel arbeitsintensiveren Verbrennungsmotoren ausgerichtet ist.

Altes Sparprogramm zur Hälfte umgesetzt

Diess peilt zwei Insidern zufolge bis 2020 eine operative Rendite von vier Prozent an. Die bisher angestrebten sechs Prozent, die viele Analysten schon für zu niedrig erachten, rücken damit weiter in die Ferne. Das Gewinnziel will der als Kostendrücker schon bei BMW bekannt gewordene Manager mit 3,7 Milliarden Euro Einsparungen im Jahr erreichen.

"Es gibt eine Zahl, die heisst 3,7 Milliarden Euro bis 2021", sagte eine mit den Beratungen vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Davon soll der Grossteil von drei Milliarden Euro an den deutschen Standorten hereingeholt werden.

Ein zweiter Insider bestätigte, bei dieser Summe handele es sich um neue Effizienzsteigerungen über das seit zwei Jahren laufende Programm "Future Tracks" hinaus. Dieser Plan von 2014 sah eine Senkung der jährlichen Kosten um fünf Milliarden Euro ab 2017 vor. Davon sei jedoch erst grob die Hälfte realisiert, erklärten beide Insider. Unternehmen und Betriebsrat äusserten sich dazu nicht.

"Das finde ich überraschend wenig", sagte Frank Schwope, Autoanalyst von der NordLB. Das Renditeziel von vier Prozent nannte er realistisch angesichts der hohen Belastungen und der Verpflichtungen aus Tarifverträgen. Diese aufzuschnüren, hielt der Analyst für riskant. "Bei einem Organisationsgrad in der Gewerkschaft von 95 Prozent wäre das ein grosses Problem."

(Reuters)