«Vermögensverwalter müssen kompetenter werden»

Michel Thétaz ist Gründer und CEO des Genfer Vermögensverwalters IAM, der seit 2013 ein Profiradteam finanziert. Im cash-Interview äussert er sich zum ungewöhnlichen Sponsoring und zur Konsolidierung seiner Branche.
27.06.2013 01:00
Interview: Pascal Meisser
Michel Thétaz ist Gründer und CEO des Vermögensverwalters und Fondsanbieters IAM.

cash: Herr Thétaz, an diesem Wochenende wird auf Korsika die 100. Tour de France gestartet. Ausgerechnet für das wichtigste Rennen der Saison ist Ihr IAM Cycling Team nicht eingeladen worden. Sind Sie enttäuscht?

Michel Thétaz: Ja und nein. Aufgrund der sportlichen Leistungen hätte unser Team eine Teilnahme verdient. Das wird uns von überall her attestiert. Aber im aktuellen Umfeld wurde französischen Teams der Vorzug gegeben. Wir schauen diesen Entscheid als Möglichkeit an, unser Feintuning für die nächste Saison weiter zu verbessern.

Es ist doch etwas überraschend, dass ein Vermögensverwalter nicht in die klassischen Sportarten der Reichen und Vermögenden wie Golf oder Segeln investiert, sondern in den Radsport. Was ist der Grund?

Weil wir immer etwas anders sein wollen als die anderen, und zwar aus Überzeugung. IAM handelt antizyklisch, ist misstrauisch gegenüber Konsensmeinungen und schwimmt gegen den Strom. Nur so können wir uns als Nischenplayer im Vermögensverwaltungs- und Fondsgeschäft behaupten. Und so wollen wir erfolgreich sein. Deshalb setzen wir jetzt auf den Radsport, weil wir glauben, dass dieser Sport den Doping-Tiefpunkt hinter sich hat und deshalb viel Potenzial aufweist. Der Radsport ist wie eine unterbewertete Aktie.

Trotzdem: Ein gewisses Reputationsrisiko bleibt dennoch – was für einen Akteur der Finanzbranche nicht ungefährlich ist?

Wir glauben an die neue Zukunft dieses Sports und haben deshalb versucht, die Equipe vorsichtig und mit verschiedenen Kontrollsystemen aufzubauen. Independent Asset Management (IAM) will dazu beitragen, dass der Radsport wieder sauber wird. Es gibt immer Risiken – wie überall im Leben.

Was hat das Radsport-Engagement dem Unternehmen bislang gebracht?

Das lässt sich noch nicht sagen. Wir arbeiten prinzipiell langfristig, sowohl beim Sponsoring als auch bei unserer Arbeit als Vermögensverwalter. Wir geben uns mindestens drei Jahre und ziehen erst dann eine Bilanz.

Welche Kundenschicht wollen Sie auf diese Weise ansprechen?

IAM war bislang vor allem für institutionelle Kunden tätig. Wir möchten nun unsere Anlagefonds auch privaten Anlegern zugänglich machen. Der Radsport ist ein geeigneter Kanal, um unseren Namen auch in der Deutschschweiz und möglicherweise in ganz Europa bekannt zu machen. Schon nach wenigen Monaten spüre ich, wie das Interesse an IAM deutlich gestiegen ist. Nun liegt es an uns zu zeigen, dass unsere Anlagefonds qualitativ gute Produkte sind.

Und die Kundengewinnung im Vermögensverwaltungsgeschäft?

Das ist kein Ziel. Wir möchten in diesem Bereich ein Nischenplayer bleiben. Unsere Firma ist mit rund 40 Mitarbeitern gut aufgestellt. IAM will im Fondsgeschäft wachsen, wo zusätzliche Kunden nicht automatisch eine Ausweitung der Firma zur Folge hat.

Es fällt auf, dass immer mehr Privatbanken und Vermögensverwalter ihre jahrzehntelange Zurückhaltung aufgeben und immer offensiver in Medien und Werbung auftreten. Eine Folge des Konkurrenzkampfs?

Für uns ist das nichts Neues. IAM existiert seit 1995, und wir haben uns von Anfang an offensiv gezeigt und für unsere Produkte geworben. Es ist so: Wer sich nicht öffnet, wird im immer härter werdenden Konkurrenzkampf untergehen.

Was heisst das für die Kundengewinnung?

Diese wird immer anspruchsvoller. Der Kunde von heute weist ein immer grösseres Wissen im Finanzbereich auf, er vergleicht die einzelnen Produkte und entscheidet dann, mit welchem Anbieter er zusammenarbeitet. Er will ein Produkt, das genau seinem Risikoprofil entspricht. Gerade deshalb legen wir viel Wert auf die Qualität unserer Fonds. Der härter gewordene Kampf um die Kunden wirkt sich auch auf die Gebühren aus, die stetig sinken. Das drückt enorm auf die Margen.

Wie lange wird der Margendruck noch anhalten?

Noch eine geraume Weile, auch wenn wohl eines Tages ein Boden gefunden wird. Solange die Kunden auf die Kosten schauen müssen, wird verglichen und um jeden Basispunkt gefeilscht.

Was bedeutet das für IAM?

Wir können damit gut leben. Im Gegensatz zu den Banken, die das Massengeschäft bewirtschaften, haben wir derzeit gerade mal rund 100 institutionelle Kunden. Wir müssen nicht um jeden Preis wachsen, sondern in erster Linie für jene Kunden, die wir haben, gut arbeiten.

Die Finanzmarktaufsicht hat eine regelrechte Regulierungswelle ausgelöst, die einigen Vermögensverwaltern aus Kostengründen zu schaffen macht. Wie stehen Sie dazu?

Wir befürworten jegliche Art von Regulierung. Je mehr Regulierung existiert, desto besser ist unsere Branche überwacht. Und das sorgt für eine bessere Qualität und Performance, den es braucht Regulierung, um die Kompetenz zu verbessern. IAM ist seit 2007 der Finma unterstellt und hat wegen der zunehmenden Regulierung die Compliance-Abteilung weiter ausgebaut, aber die gewonnene Glaubwürdigkeit ist es uns wert.

IAM verwaltet derzeit gut sieben Milliarden Franken Vermögen. Genügt dies, um in die Zukunft blicken zu können?

Ich sehe da kein Problem – gerade wegen unserer Ausrichtung auf das Schweizer Geschäft.

Wie sehen Sie allgemein die Zukunft des Vermögensverwaltungsgeschäfts?

Schwierig. Die Kunden legen im laufenden Konsolidierungsprozess immer mehr Wert auf die Kompetenz und die Performance der Anbieter. Bislang reichte es oft, das Kapital der Kunden zu bewahren. Gerade in Sachen Kompetenz werden einige Schweizer Anbieter deutlich zulegen müssen, damit vor allem ausländische Kunden nicht in andere Finanzzentren wie London oder New York abwandern.

IAM verfolge einen anderen Ansatz als die Konkurrenz, sagen Sie. Was heisst das in Bezug auf die Anlagestrategie Ihrer Fonds?

Wir verzichten auf jegliche quantitative Ansätze und haben auch noch nie derivative oder strukturierte Produkte eingesetzt. Wir investieren mit einem sehr langfristigen Ansatz und bauen unser Portfolio sehr sorgfältig auf. Gleichzeitig lassen wir makro- und mikroökonomische Aspekte wie Inflationstendenzen und unternehmensspezifische Analysen einfliessen. Dieser Mix entscheidet, in welche Titel wir investieren. Und wenn diese aus unserer Sicht unterbewertet sind, dann umso besser.

Die Schweizer Börse hat in den letzten vier Wochen deutlich korrigiert. Wie lautet Ihre Prognose für die kommenden Monate?

Schauen Sie, wenn sie etwas von mir nie hören werden, dann ist es eine Drei- oder Sechs-Monats-Börsenprognose. Das interessiert uns nicht, und abgesehen davon glaube ich, dass niemand eine sinnvolle Prognose über einen solch kurzen Zeithorizont stellen kann. Meine Prognose geht über die nächsten drei bis fünf Jahre, und für diese Periode ist der Schweizer Aktienmarkt sehr interessant. Zu meinen Favoriten gehören Pharma-Titel sowie Nestlé und Givaudan.

Was macht den Schweizer Markt so interessant?

Die Schweizer Aktien sind noch immer nicht teuer bewertet. Dazu kommt, dass Qualitätstitel wie Roche und Nestlé auch in den kommenden Jahren ihre Dividenden weiter erhöhen werden. Damit bleiben Aktien für Anleger noch einige Zeit interessanter als Obligationen.  

Independent Asset Management ist ein Genfer Vermögensverwalter und Fondsanbieter, der 1995 von Michel Thétaz gegründet wurde. Derzeit bietet IAM sieben verschiedene Anlagefonds auf, darunter auch einen Fonds mit Fokus Schweizer Aktien. Der IAM Swiss Equity Fund hat in den letzten Jahren eine überdurchschnittliche Performance erzielt.