Versicherungen«Autonomes Fahren schafft neue Unfallrisiken»

Autonom fahrende Personenautos machen den Strassenverkehr laut Axa Winterthur insgesamt sicherer. Doch entstehen auch neue Risiken - und Motorfahrzeugprämien werden aus einem bestimmten Grund nicht unbedingt günstiger.
24.08.2017 16:00
Von Marc Forster
Ein Crash-Test durchgeführt von der Axa-Winterthur-Versicherung - beim himbeerfarbenen Auto wurde die Elektronik gehackt.
Bild: ZVG

Autonomes Fahren ist in der Entwicklung schon weit vorgeschritten. Technisch existieren Autos oder auch Busse, die ohne Eingriff des Fahrers von A nach B gelangen. Das grosse Thema ist weiterhin deren Sicherheit und damit die Zulassung.

Aus Sicht von Alfred Egg, Leiter Schaden beim Versicherer Axa Winterthur, wird dieser Megatrend das Geschehen auf den Strassen dereinst sicherer machen. Autonomes Fahren schütze nicht nur die Autofahrer, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer, sagt Egg im cash-Video-Interview. Die Entwicklung hin zum autonomen Auto ist in vollem Gange: Fahrerassistenzprogramme wie etwa den Radartempomat oder den Spurassistenten haben viele neue Autos.

Eine weitere Stufe der Entwicklung ist, dass ein Auto selber fährt, aber der Fahrer sofort übernehmen muss, wenn die Systeme ihn warnen. Weitgehend automatisiertes Fahren, also dass ein Auto beispielsweise auf einer Autobahn vollständig selber fährt, ist ebenfalls noch Zukunftsmusik, kann aber realistischerweise in den kommenden Jahren eingeführt werden. Das komplett automatisierte Auto wird hingegen nicht vor 2030 erwartet. Manche Experten erwarten dies gar erst 2050.

  Die Stufen der Automatisierung Entwicklung
Level 0 Fahrer fährt selbst Seit Erfindung des Autos 1886
Level 1 Einfache Assistenzsysteme wie Abstandsregler (Radartempomat) oder Bremskraftverstärker z.T. schon um Jahrtausendwende eingebaut
Level 2 Teilautomatisisch: Selbständiges Einparkieren, Spurhaltefunktion Seit einigen Jahren in Autos vorhanden
Level 3 Hochautomatisch: Auto fährt und reagiert in vielen Situationen selber, auch beim Abbiegen, an Ampeln, beim Spurwechsel ect. Der Fahrer übernimmt aber in gewissen Situationen und aufgrund von Warnsystemen. Machbar, aber nicht eingeführt
Level 4 Vollautomatisch: Das Auto fährt zu 100 Prozent selbständig, der Fahrer muss aber das System überwachen Einführung vermutlich nicht vor 2030
Level 5 Auto fährt komplett ohne Fahrer Einführung 2030 bis 2050, aber Entwicklung weit fortgeschritten, etwa bei Tesla oder dem US-Autozulieferer Delphi.

Einer Umfrage der Axa Winterthur zufolge sind etwa ein Viertel der Schweizer gerne oder sehr gerne bereit, auf autonome Fahrzeuge umzusteigen. Rund die Hälfte aber lehnt diese Art der Fortbewegung ab. Im Auto-Land Deutschland freut sich jeder Dritte auf die neue Welt des autonomen Fahrens, wähend 40 Prozent der Entwicklung ablehnend gegenüberstehen. Der Grund dürfte klar bei den heute noch bestehenden Sicherheitsbedenken liegen.

Auch die Axa Winterthur sieht noch Gefahren: "Ein Risiko ist, wenn ein elektronisches System von aussen beeinflusst oder gehackt wird", sagt Schadenspezialist Egg. Ein anderes ungelöstes Thema ist noch, wie Verkehrsteilnehmer mit und ohne autonomem Fahren nebeneinander existieren können. Autonomes Fahren muss auch auf Situationen wie Steinschlag reagieren können. Zudem bestehen erhebliche ethische Fragen, etwa dann, wenn ein automatisch gesteuertes Auto plötzlich Hindernissen ausweichen muss und damit andere Verkehrsteilnehmer gefährden kann.

Vorteile sehen die Versicherer in bereits existierenden Assistenzsystemen, dass damit Unfallhergänge besser rekonstruiert werden könnnen. Aber auch mit den weitgehend oder ganz automatisierten Autos würde sich die Sicherheitslage insgesamt verbessern, vor allem auch bezüglich Todesopfern: "Über alles gesehen werden wir dank des autonomen Fahrens weniger schwere Personenschäden sehen", sagt Egg. In diesem Bereich dürften auch die Schadenbelastungen sinken.

An anderer Stelle aber kann das autonome Fahren das Versichern auch verteuern: Axa Winterthur erwartet höhere Schadenaufwendungen bei Kasko-Schäden: "Es ist sehr viel teure Elektronik in diesen Autos verbaut, die nach Kollisionen ersetzt werden muss, und dies kostet sehr viel Geld."

Das cash-Video-Interview fand am Rande der Axa-Crashtests statt, die auf dem Gelände des Militärflugplatzes Dübendorf durchgeführt wurden. Sequenzen daraus sind auf dem Video zu sehen. Der erste Crashtest zeigt ein Auto, dessen Elektronik von aussen lahmgelegt wurde und das mit rund 50 Stundenkilometern Aufprallgeschwindigkeit einen schweren Auffahrunfall verursacht. Die zweite Sequenz zeigt einen Steinschlag bei einem Personenwagen, der unter realen Umständen für einen Beifahrer mit schweren oder tödlichen Verletzungen enden würde.