«Verstehe Bedenken der Regulatoren»

«Schweizer Banken sind in einer starken Position», sagt Martin Gilbert, CEO von Aberdeen Asset Management, im cash-Video-Interview. Er zeigt Verständnis für zunehmende regulatorische Anforderungen an die Finanzmärkte.
02.06.2015 01:07
Von Pascal Züger, London
Martin Gilbert ist seit 1983 CEO von Aberdeen Asset Management.
Bild: cash

Die Schweizer Vermögensverwalter geraten immer weiter unter Druck: Ab 2018 sollen zwischen der Schweiz und den 28 EU-Staaten Steuerdaten ausgetauscht werden. Ausserdem unterstehen Schweizer Finanzdienstleister seit der Reform Basel III aus dem Jahr 2013 strengeren Eigenkapitalvorschriften. Die Überführung der neuen Regulierungswerke mit allen Verordnungen und Präzisierungen in nationales Recht sind grosse regulatorische Herausforderungen speziell für die Asset-Management-Industrie in der Schweiz.

Trotzdem verbreitet Martin Gilbert, CEO von Aberdeen Asset Management, im cash-Video-Interview Optimismus für den Finanzplatz Schweiz. Natürlich habe die Schweiz in den letzten Jahren einige Probleme durchstehen müssen, aber "Schweizer Banken werden ihre Geschäftsmodelle leicht verändern und sich so den gegenwärtigen regulatorischen Veränderungen anpassen", so Gilbert. Denn Schweizer Privatbanken seien in einer starken Position, da ein enormer Anteil des weltweiten Vermögens von Schweizer Instituten verwaltet werde.

Gilbert weiss, wovon er redet. Aberdeen Asset Management mit Hauptsitz im schottischen Aberdeen ist im Schweizer Markt aktiv. Es ist gar der wichtigste Markt auf dem europäischen Festland. Der Vermögensverwalter fiel vor allem 2009 mit dem Kauf eines Teils des Fondsgeschäfts der Credit Suisse auf. Augenfällig ist  auch immer wieder die Aberdeen-Werbung im Alltag: So auf den Gepäckwagen am Flughafen Zürich - oder das Sponsoring der Skischule in Klosters.

«Fondsmärkte sind nicht überreguliert»

Martin Gilbert versteht die derzeitigen Bedenken der Regulatoren gegenüber der Finanzindustrie. Wegen Liquiditätsengpässen würde genauer auf Firmen geschaut, speziell bei Anleihenfonds. "Der Fondsmarkt ist aber nicht überreguliert", fügt Gilbert an. 

Ein grosser Unterschied von Banken und Versicherungen zu Fondsmanagern sei, dass bei letztgenannten verwaltete Fonds nicht Teil der Bilanz seien: "Deshalb besteht bei uns [Fondsmanagern] nur bei Not-Verkäufen die Gefahr von Verlusten - sofern ein unerwarteter Zinsanstieg auftritt" sagt Martin Gilbert.

In der Schweiz und im restlichen Europa werden viele Asset Manager noch immer von Universalbanken kontrolliert. Also Kreditinstitute, die im Gegensatz zu Spezialbanken die gesamte Bandbreite der Bank- und Finanzdienstleistungsgeschäfte anbieten. Hier sieht Martin Gilbert in den nächsten Jahren eine Fortsetzung des aktuellen Trends von Universalbanken, den Fondsmanagement-Bereich zu verlassen.

Kürzlich haben europäische Grossbanken wie Santander und UniCredit diesen Schritt vollzogen. Als "vernünftige" Art des Ausstiegs sieht Martin Gilbert Ausgliederungen oder Zusammenschlüsse mit Asset Managern unter Beibehaltung gewisser Anteile am Fonds.

Keine Firmenkäufe in der Schweiz geplant

Laut Martin Gilbert seien in der Schweiz derzeit keine weiteren Zukäufe geplant. Aber man werde global nach strategischen Zukäufen Ausschau halten. "Vor allem nach kleineren Firmen, welche uns neue Möglichkeiten eröffnen", so Martin Gilbert.

Und Martin Gilbert liess seinen Worten schnell Taten folgen. Nur ein Tag nach Aufzeichnung des Video-Interviews mit cash gab er letzten Mittwoch den Kauf von FLAG Capital Management bekannt - ein auf Private Equity und Liegenschaften fokussiertes Unternehmen mit Standbeinen in den USA und in Hongkong. Ende 2014 verwaltete FLAG ein geschätztes Vermögen von 6,3 Milliarden Dollar. Der Zukauf soll Aberdeen Asset Management vor allem helfen, im US-Markt breiter Fuss fassen zu können.

Martin Gilbert, CEO von Aberdeen Asset Management, erklärt im cash-Video-Interview ausserdem, weshalb Aberdeen Asset Management von umfallenden Skischülern profitiert und welche Bedeutung der Schweizer Markt für den Fondsmanager hat.

Martin Gilbert war 1983 Mitgründer von Aberdeen Asset Management und ist seither CEO des Unternehmens, welches sich über die Jahre zum grössten unabhängigen Fondsmanager Europas entwickelt hat. Gilbert gilt als Urgestein in der britischen Fondsbranche und bekam 2014 den schottischen Business Award als "Unternehmer des Jahres".

Das Gespräch fand in London im Rahmen einer Pressereise statt, zu der Aberdeen Asset Management eingeladen hatte.