Vom Rufer am Ring zum Herr der Systeme

Wie sieht der Tag eines Profi-Börsenhändlers aus? cash besuchte den Chefhändler Schweizer Aktien im UBS-Handelsraum.
27.10.2013 14:00
Von Frédéric Papp
René Wey, UBS-Chefhändler Schweizer Aktien.
Bild: cash

Dieser Artikel ist Teil des Magazins «cash VALUE Trading 2013». Das Magazin kann hier als PDF heruntergeladen oder hier als ePaper gelesen werden.

Börsenhändler von der Sorte René Wey gibt es nur noch wenige. Der 50-jährige Luzerner, Chefhändler für Schweizer Aktien bei der UBS Investment Bank Schweiz, arbeitet seit drei Jahrzehnten an der Börse. Der Handel früher und heute, das sind zwei komplett verschiedene Welten. Wey erinnert sich noch gut an den früheren Parketthandel, als er zusammen mit anderen Händlern lautstark seine Kauf- und Verkaufsorder in den Ring schrie.

Bei Weys Handelsdesk ist die Schweizer Fahne gehisst

«An hektischen Tagen hats dem einen oder anderen schon mal die Stimme verschlagen», sagt Wey im Gespräch mit cash VALUE im UBS-Handelsraum in Opfikon im Norden von Zürich. Wey startete seine Karriere bei der damaligen SBG, wechselte dann zur Privatbank Rüd & Blass, dann zog er weiter zur Credit Suisse und ist nun seit 20 Jahren wieder für die UBS tätig.

Weys Arbeitstag im riesigen Handelsraum beginnt um 8 Uhr. Um 9 Uhr öffnet die Schweizer Börse. Mit drei anderen Tradern handelt Wey die an der Schweizer Börse SIX kotierten Aktien, ETF und weitere Produkte – insgesamt 1600 Valoren. Im Aktientrading arbeiten rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Handelsfloor der UBS – dem grössten der Schweiz. Hier werden Wertpapiere aus der ganzen Welt gehandelt. Jede achte Aktie weltweit wird von der UBS umgesetzt. Die einzelnen Abteilungen in Opfikon sind jeweils mit Fahnen gekennzeichnet. Über Weys «Reich» weht die Schweizer Flagge.

Order im Wert von mehreren hundert Millionen Franken

Bei einer Grossbank wie der UBS werden viele Aufträge über Handelssysteme gehandelt. Kleinere Kauf- und Verkaufsaufträge in liquiden Indizes, wie zum Beispiel die Aktien im Swiss Market Index (SMI), werden automatisch verarbeitet. «Davon kriege ich nichts mit», so Wey. Nur gerade bei einem kleinen Prozentsatz der Aktienbörsenaufträge hat der Händler wortwörtlich seine Hände mit im Spiel. Hierbei handelt es sich oft um Orders in der Höhe von mehreren hundert Millionen Franken. Dazu braucht es clevere Strategien, die sicherstellen, dass die Kundenaufträge zu den besten Preisen gehandelt werden.

«Die Wahl der passenden Strategie obliegt dem Händler», sagt Wey und ergänzt: «Oftmals erstrecken sich solche Strategien über mehrere Tage oder gar Wochen.» 

Mit solchen Strategien versucht der Händler die Ordergrösse dynamisch an die vorhandene Marktliquidität anzupassen, damit ein einzelner Börsenauftrag ab einer bestimmten Grösse nicht gleich eine starke Kursbewegung auslöst. Mit Algorithmen wird der bestmögliche Moment und mit einem sogenannten «Smart Order Routing System» der beste Handelsplatz ermittelt.

Die Rolle des Händlers wandelte sich in den letzten 20 Jahren immer mehr zum Überwacher von Handelssystemen. Der Beruf des Traders ähnelt somit jenem des Piloten, der ständig die Instrumente im Blickfeld hat und nötigenfalls eingreift.
Dies erfordert eine permanente Präsenz des Händlers – sowohl mental als auch physisch. «Gegessen wird meist am Arbeitsplatz», so Wey. Gewandelt haben sich auch das Anforderungsprofil und das Berufsbild des Händlers. Ein ausgeprägtes technisches Verständnis und logisches Denken sind heute absolute «Must». «Für viele Händler meiner Generation war es aufgrund des technischen Wandels nicht mehr das richtige Umfeld», sagt Wey. Die technischen Umwälzungen haben viele Händler auch schlicht überflüssig gemacht.

Die UBS will die Investment Bank weiter verkleinern

Damit nicht genug: Im Zuge des Strategiewechsels der UBS, das Investment Banking zu verkleinern und das Vermögensverwaltungsgeschäft auszubauen, will die Bank weitere Stellen streichen. Der Bestand der Investment-Bank-Sparte, zu der auch der Handel mit Wertschriften gehört, soll von heute knapp 18 000 Stellen bis 2016 auf rund 16 000 Stellen schrumpfen.

Wey glaubt nicht, dass der Traderjob vollumfänglich durch Maschinen ersetzt werden kann. «Die Arbeit des Händlers verlagert sich stärker in Richtung ‹Exception-Handel›, also Sonderfälle.» Das sind Fälle, die im System hängen bleiben, weil keine entsprechende Liquidität vorhanden ist. Dazu zählt laut Wey auch der ETF-Handel, der oft «Over the counter» abgewickelt werde und deshalb die Intervention der Händler benötige. Für Händler Wey, der vom Rufer am Ring zum Herr der Systeme wurde, geht der Arbeitstag in Opfikon um 18 Uhr zu Ende.

 

Im Kurz-Interview gibt René Wey Tipps für Anleger

«Lassen Sie Gewinne laufen – aber werden Sie nicht gierig»

cash VALUE: Herr Wey, wollten Sie schon immer Börsenhändler werden?
René Wey: Ja, dieser Job hat mich schon immer fasziniert. Nach einer Banklehre bei der damaligen SBG in Luzern und einem Stage in Genf wurde ich Händler am Industriering. Diesen Beruf übe ich nun seit über dreissig Jahren aus.

Was fasziniert Sie am Händlerjob?
Jeder Tag ist eine Überraschung. Man weiss nie, was passieren wird. Immer gibt es irgendwo auf der Welt Ereignisse, die Einfluss auf die Börsen haben. Denken Sie zum Beispiel an die fragile Lage in Syrien oder Ägypten. Auch die Einführung der Kursuntergrenze durch die Schweizerische Nationalbank vor zwei Jahren sorgte für einigen Wirbel an den Finanzmärkten. Diese Dynamik hält mich frisch.

Wie informieren Sie sich?
Wir sind mit allen Informationstools ausgerüstet. Zu den üblichen Medien gehören natürlich Bloomberg oder Reuters, aber auch Online-News-Portale wie zum Beispiel cash.ch. Wir sind im Austausch mit Analysten, Sales-Tradern und Kunden weltweit.

Gibt es Regeln, die ein Privatanleger beim Handeln beachten sollte?
Für private Anleger lohnt es sich bestimmt, eine Fonds- oder Mandatslösung zu prüfen, bei welcher das Vermögen professionell und gut diversifiziert entlang der persönlichen Anlagestrategie und des Risikoprofils angelegt wird. Hat jemand Zeit und das Know-how, selber aktiv zu handeln, dann lautet eine meiner Lieblingsregeln: «Let the Profit run and cut the losses.» Angenommen, der Markt läuft gegen den Anleger, dann sollte er sich überlegen, die Titel wieder zu verkaufen. Ich persönlich halte eine Minusperformance von 5 bis 10 Prozent für eine sinnvolle Limite.

Warum nicht abwarten und auf eine Trendumkehr hoffen?
Das kann man versuchen, ist meiner Erfahrung nach aber keine gute Strategie. Oftmals konzentrieren sich Anleger dann nur noch auf diesen Trade und haben den Kopf für andere interessante Opportunitäten nicht mehr frei. Ich habe Anleger erlebt, die stur an ihrem Investment festhielten und bei fallenden Kursen ständig Aktien dazugekauft und so viel Geld in den Sand gesetzt haben. Hier gilt für mich: «Never touch a falling knife.»

Und wenn die Rechnung für den Anleger aufgeht?
Dann sollte er die Gewinne laufenlassen. Denn hier gilt: «The Trend is your Friend.» Allerdings sollte man nicht zu gierig werden. Bei einer Rendite von 10 bis 20 Prozent sollte nicht vergessen werden, einen Teil der Gewinne zu realisieren. Auch dann, wenn eine Aktie von allen hochgejubelt wird.