Vorschau Hannover Messe - Deutsche Maschinenbauer setzen auf Wachstum in Polen

Die deutschen Maschinenbauer wollen in Polen ihr Wachstum in den kommenden Jahren vorantreiben.
22.04.2017 06:54
Siemens gehört zu den wenigen börsenkotierten Konzernen der Maschinenbaubranche.
Siemens gehört zu den wenigen börsenkotierten Konzernen der Maschinenbaubranche.
Bild: cash

Die deutschen Maschinenbauer wollen in Polen ihr Wachstum in den kommenden Jahren vorantreiben. "Polen kommt. Wir gehen davon aus, dass Polen ein zunehmend wichtiger Handelspartner wird", sagte der Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA, Carl Martin Welcker, der Nachrichtenagentur Reuters. Die Zeiten seien vorbei, in denen der Nachbar im Osten nur eine verlängerte Werkbank und ein Billigproduzent war. Für die Maschinenbauer steht Polen mit seinen über 38 Millionen Einwohnern auf Platz 8 in der Exportrangliste. Das Land ist Partner der Hannover Messe, die in der kommenden Woche ihre Tore für die Besucher öffnet.

Zur Eröffnungsfeier am Sonntag werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo erwartet. Mehr als 6500 Aussteller aus 70 Ländern sind auf der Schau vertreten. Zu den rund 200 Ausstellern aus Polen gehören der Bushersteller Solaris und zahlreiche Maschinenbauer. Thematische Schwerpunkte der Messe sind unter anderem die Industrie 4.0, die Robotertechnik und die Energiewende. Die Messebetreiber erwarten vom 24. bis 28. April bis zu 220.000 Besucher.

Anlagenbauer Gea verkauft komplette Milchpulverfabrik

Polen ist das erste Mal Partnerland der Industrieschau. Die deutschen Maschinenbauer haben im vergangenen Jahr Anlagen im Wert von 5,7 Milliarden Euro in das Nachbarland exportiert. Zwar habe sich das Wachstum bei den Ausfuhren 2016 deutlich verlangsamt, dies sei aber kein Trend, sagt die Osteuropa-Expertin des VDMA, Yvonne Heidler. Ursache hierfür sei unter anderem die Verunsicherung vieler Unternehmer nach der Wahl der rechstkonservativen Regierung gewesen. "Für 2017 stehen die Zeichen wieder auf Wachstum." Polen profitiere von Fördergeldern der EU in einer Höhe von rund 82 Milliarden Euro bis 2020. Gefördert würden vor allem Infrastrukturmassnahmen und Innovationen. Dies eröffne den Maschinenbauern neue Chancen.

Der Markt zeichnet sich der Expertin zufolge aus durch solide Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts, attraktive Arbeitskosten, die Qualität der Zulieferer und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Gefragt seien beispielsweise Maschinen aus den Bereichen Luft-, Antriebs- und Fördertechnik oder Werkzeugmaschinen. Wichtige Kunden seien die Automobilhersteller und - Zulieferer, die Baubranche, Chemie- und Kunststoffindustrie, Metallverarbeitung sowie die Nahrungs- und Genussmittelindustrie.

Hiervon will sich der Anlagenbauer Gea eine Scheibe abschneiden, der neben Thyssenkrupp und Siemens zu den börsennotierten Konzernen der überwiegend mittelständisch geprägten Maschinenbaubranche gehört. 2016 habe das Unternehmen in Polen einen Grossauftrag für eine komplette Milchpulverfabrik an Land gezogen, berichtet Gea. Eine grosse Nachfrage gebe es auch bei der Kältetechnik, zum Beispiel für Kühlhäuser. "Polen ist für Gea ein sehr wichtiger Absatzmarkt. "2016 repräsentierte dieser Wachstumsmarkt rund vier Prozent des gesamten Auftragseingangs des Konzerns." Das Unternehmen rechne dort mit einem weiteren Umsatzwachstum.

Festo profitiert von Automatisierung der Produktion

Gleiches gilt für den Automatisierungstechnik-Konzern Festo. "Für die nächsten Jahre erwarten wir weiteres Wachstum auf hohem Niveau." Für Festo sei der polnische Automatisierungsmarkt der am schnellsten wachsende und stabilste Markt in Osteuropa. Die polnische Wirtschaft wolle hier aufholen und ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter ausbauen. Dadurch ergäben sich grosse Chancen. "Viele Unternehmen befinden sich noch auf dem Stand der Industrie 2.0. Aktuell sind nur 15 Prozent der Fabriken vollautomatisiert, 76 Prozent teilautomatisiert und der Rest wird noch in Handarbeit betrieben."

Firmen wie Gea und Festo sind auch vor Ort vertreten. Gea verfügt dort neben Vertriebsstandorten über eine Produktion für Komponenten zur Flüssigkeitsverarbeitung, die der Konzern hauptsächlich an Kunden aus der Getränke-, Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie liefert. Das Unternehmen beschäftigt in Polen über 200 Mitarbeiter, bei Festo sind es rund 130. Die Automatisierungslösungen für Bereiche wie Automotive, Nahrungsmittel und Verpackung werden nicht nur für den polnischen Markt produziert, sondern auch für Länder wie Österreich, Ungarn, Rumänien oder Tschechien. Thyssenkrupp beschäftigt in Polen rund 1300 Mitarbeiter. Der Konzern betreibt in dem Land vor allem den Handel mit Werkstoffen und erzielte dort zuletzt einen Umsatz von 558 Millionen Euro.

Der Branchenverband VDMA zählt 113 Mitgliedsfirmen in Polen, die mit 145 Niederlassungen vertreten sind. Neben Vertriebs- und Serviceniederlassungen seien dies auch Montage- und Produktionswerke. In der Tendenz werde die Zahl wohl zunehmen, aber nicht drastisch. Dies liege auch daran, dass es schwierig sei, genügend Facharbeiter und Ingenieure zu gewinnen.

(Reuters)