Warum Privatanleger bald mehr über «Strukis» wissen

Eine neue europäische Richtlinie will stukturierte Produkte transparenter machen. Robert Jeanbart von der SIX Group erklärt, warum dies den Anlegerschutz erhöht und auch das Geschäft der Banken ankurbeln kann.
30.08.2016 18:30
Interview: Marc Forster
Robert Jeanbart, CEO der SIX-Sparte Financial Information.
Robert Jeanbart, CEO der SIX-Sparte Financial Information.
Bild: ZVG

Die EU arbeitet weiter an ihrer Finanzregulierung MiFID-II, die 2018 in Kraft treten soll. Im Bereich des Anlegerschutzes arbeitet sie parallel dazu an der Verordnung mit dem ebenfalls kryptischen Namen PRIIP.

PRIIP beziehungsweise PRIIP-KID betrifft Privatanleger und deren Banken. Die Abkürzung steht für "Packaged Retail and Insurance-based Investment Products", also etwa strukturierte Produkte, Derivate und Versicherungsanlageprodukte. KID heisst "Key Information Document" und meint Basisinformationsblätter für Kunden.

Diese Informationsblätter sind eine Art Beipackzettel für Finanzprodukte. Im Rahmen der PRIIP-KID-Verordnung macht die EU diese obligatorisch. Emittenten von strukturierten Finanzprodukten müssen diese bereitstellen können. Die PRIIP-KID werden allen Kunden ausgehändigt werden, die ihren Sitz im Europäischen Wirtschaftsraum EWR haben, also allen 28 EU-Ländern plus Norwegen, Liechtenstein und Island.

Die meisten Schweizer Finanzunternehmen sind dadurch von der Regelung wegen ihrer EWR-Kunden auch betroffen, wie Robert Jeanbart sagt, Divisionschef von SIX Financial Information. Im Gespräch mit cash äussert er sich zu den Auswirkungen dieser Regulierung.

cash: MiFID wurde auf 2018 verschoben – weswegen drängt die SIX Group darauf, das Bewusstsein für den Regulierungsaspekt PRIIP beziehungsweise PRIIP-KID zu stärken?

Robert Jeanbart: Die PRIIP-KID-Verordnung wird im nächsten Januar in Kraft treten. Es bleiben also noch vier Monate, um sie einzuführen. Ab dem 1. Januar müssen Banken und Finanzinstitute ihren Privatanleger-Kunden per Knopfdruck diese Basisinformationsblätter aushändigen können. Sonst sind sie bei strukturierten Produkten aus dem Geschäft.

Was sind die Neuerungen durch diese Verordnung?

Ab dem 1. Januar müssen zusätzliche Informationen bei strukturierten Produkten angegeben werden. Die Emittenten und Verkäufer solcher Produkte müssen Angaben zu Risiken machen oder Kalkulationen für bestimmte Szenarien angeben. Man muss zum Beispiel aufzeigen, wie sich ein strukturiertes Produkt verhält, wenn die Zinsen steigen oder sich ein Währungskurs verändert.

Wie wird dies das Verhalten der Anleger beeinflussen?

Am Anfang wird sicherlich eine gewisse Euphorie herrschen. Anleger werden mutiger werden, weil sie plötzlich in Produkte investieren können, die sie bisher nicht gut kannten. Sie werden zuversichtlicher und unternehmerischer. Aber es wird auch eine Ernüchterung geben. Manche werden das Gefühl bekommen, dass strukturierte Produkte nicht besser sind als ganz einfache Investments. Das ist auch eine Folge davon, dass strukturierte Produkte transparenter werden.

Banken klagen ja oft über die Regulierung. Wie reagiert die Finanzbranche auf diese Verordnung?

Sie werden sich sicherlich beklagen, aber gleichzeitig dürfte es ihnen von Nutzen sein, wenn besser informierte Kunden mehr komplexe Produkte nachfragen werden. Erträge und Margen der Banken und Finanzdienstleister steigen so. Anders formuliert: Wenn jemand 10'000 Franken hat, ist es aus Sicht der Bank die schlechteste Lösung, wenn der Kunde einfach 10'000 Franken auf dem Konto liegen lässt. Wenn Kunden besser informiert sind, wird die Qualität der Kundenbeziehung besser.

Wird PRIIP in die Schweizer Gesetzgebung Fidleg einfliessen?

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese umfangreicher sein wird als PRIIP. Hier geht es um das sogenannte "Swiss Finish": EU-Regulierungen werden von der Schweiz übernommen, jedoch noch zusätzlich erweitert und vertieft. Die Schweiz versucht, die Regulierungen quasi zu perfektionieren. Wie Fidleg aber genau aussehen wird, weiss ich auch noch nicht.